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Theoriekonsum

Videoessays auf Youtube sind ein neues Format der Politisierung und Theorievermittlung – oder doch nur Unterhaltung?

Die Videos von Natalie Wynn auf ihrem Kanal »Contrapoints« sind eine Mischung aus Philosophie, opulenter Theaterperformance und bissigem Sozialkommentar.
Die Videos von Natalie Wynn auf ihrem Kanal »Contrapoints« sind eine Mischung aus Philosophie, opulenter Theaterperformance und bissigem Sozialkommentar.

Sexistische Podcasts, Verschwörungserzählungen und jede Menge Desinformationen: Das Videoportal Youtube ist mittlerweile für äußerst fragwürdige Inhalte bekannt. Selbst für Nutzer*innen mit hoher Medienkompetenz ist die schiere Menge an antiemanzipatorischem Content ein Problem. Inzwischen wird sogar wissenschaftlich untersucht, ob der Umgang mit Youtube rechtsextremistische Tendenzen fördert. Gibt es in dieser Aufmerksamkeitsökonomie von lustigen Tiervideos bis zu menschenverachtenden Ideologien überhaupt Raum für emanzipatorische Auseinandersetzung und differenzierte Analyse?

Das Format der Videoessays steht für diesen Anspruch, zumindest wenn man den Macher*innen und Fans Glauben schenkt. Diese bewegen sich in einer relativ kleinen Nische des Internets, »Lefttube« genannt – eine Zusammensetzung aus dem englischen Wort für »links« und Youtube. Hier findet eine wachsende und diverser werdende Gruppe englischsprachiger Linker zusammen, die sich mit einer erstaunlichen Bandbreite von politischen und popkulturellen Themen kritisch auseinandersetzen. Antikapitalistische Videospielkritiken gehören ebenso dazu wie queerfeministische Auseinandersetzungen mit dem Horrorgenre oder stundenlange Analysen einer verschwörungsideologischen Onlinebewegung wie der »Flat Earthers«.

Die Wurzeln des Videoessays liegen in der Filmwissenschaft, was sich aber nur noch in der Beliebtheit von Film- und Serienanalysen erkennen lässt. Heutige Videoessays pflegen einen speziellen Stil, der sich aus dem Kompromiss zwischen einerseits Unterhaltung und andererseits dem Anspruch, gesellschaftlich relevante Themen tiefergehend zu untersuchen, ergibt. Letzteres macht sie auch zum Versuch, theoretische oder gar wissenschaftliche Diskurse in die Seh- und Konsumgewohnheiten der Onlinewelt zu überführen. Sie bieten eine vergleichbare Auseinandersetzung wie politische Essays oder wissenschaftliche Diskussionen über etwa Rassismus, Sexismus oder Kulturkritik. Aber kann das funktionieren?

Von allem ein bisschen

Der Vergleich zur traditionellen Essayform liegt natürlich nahe. Essays ringen um eine Deutung, indem eine oder mehrere Thesen »probiert« und argumentativ verteidigt werden. Videoessays teilen dieses Prinzip, wenn etwa in einem Video der Youtube-Persönlichkeit CJ the X der neueste Spiderman-Film »No Way Home« auf seine sexistische Struktur hin untersucht wird. An verschiedenen Ausschnitten wird die Analyse verdeutlicht und gezeigt, wie das betrachtete Phänomen angemessen zu begreifen ist. Dieses Vorgehen ist typisch für Videoessays zu Phänomenen der Popkultur wie Filme oder Serien.

Der Vergleich mit geschriebenen Essays hinkt aber in verschiedener Hinsicht, vor allem was die Komplexität und theoretische Fundierung vieler Videoessays betrifft. Das Format an sich fordert eine gewisse Oberflächlichkeit. Meistens fehlen pointierte Hauptthesen, und so entstehen eher Auseinandersetzungen mit breiteren Themenkomplexen.

CJ the X etwa widmet sich in einem Video der Subjektivität von Kunst und zieht dazu verschiedene philosophische Denkansätze heran, ähnlich einem wissenschaftlichen »Literature Review«, der Darstellung des Forschungsstands. Tatsächlich bauen verschiedene Videoessayist*innen aufeinander auf, wenn etwa Themen wie die psychosozialen Auswirkungen des Patriarchats auf Männer von unterschiedlichen Kanälen aufgegriffen und weiterentwickelt werden.

Der Unterschied zu traditioneller Theoriebildung besteht aber darin, dass sich Videoessays nur selten einem Anspruch der Allgemeingültigkeit verpflichtet sehen. Statt universeller Wahrheitssuche stehen Erfahrungen, Gefühle und Perspektiven der Videoessayist*innen im Zentrum. CJ the Xs Video über Subjektivität und Kunst geht etwa dazu über, die erwähnten theoretischen Ansätze anhand deren Anwendbarkeit auf ihre eigene Weltsicht und »Spiritualität« zu bewerten. Der subjektive Fokus spiegelt zum einen die Konventionen des Persönlichkeits- und Influencermarketings wider. Zum anderen bietet genau das aber auch Raum für die subjektive Dimension, die in der Theoriebildung oft unkenntlich gemacht wird.

Raum für marginalisierte Perspektiven

Oft bietet das aktive Einbeziehen der eigenen Perspektive echtes Potenzial für die Analyse der Videoessays. Insbesondere marginalisierte Videoessayist*innen können in diesem Format Aspekte der Unterdrückungssysteme, denen sie ausgesetzt sind, untersuchen und zugänglich machen.

In dem Video des Schwarzen Youtubers F.D Signifier darüber, wie Schwarze Sportler*innen ausgebeutet werden, bezieht dieser sich ganz bewusst immer wieder darauf, wie das Thema ihn persönlich berührt. Zum Beispiel erzählt er von den Sorgen über die mögliche Ausbeutung seines sportinteressierten Sohnes. Diese Praxis entspricht zwar nicht den Kriterien wissenschaftlicher Objektivität, birgt dafür aber das Potenzial, die oft ausgelassenen emotionalen Aspekte von Unterdrückung sichtbar zu machen.

Der Anspruch von Videoessays kann allerdings kaum die umfassende Analyse von Unterdrückungssystemen sein. Oft stellen sie entweder eine Annäherung oder die Beschäftigung mit ausgewählten Aspekten dar. Das ist auch dem Format geschuldet. Trotz seines Status als Langformat können Videoessays nicht ansatzweise mit dem Umfang schriftlicher Ausarbeitungen mithalten. So ergibt sich ein Flickenteppich an Videoessays rund um Begriffe wie Rassismus, Transfeindlichkeit oder Kapitalismus statt einer kohärenten Theorie, die das Themengebiet erfasst. Je nach Perspektive kann das sowohl Schwäche als auch Stärke des Formats sein.

Das Potenzial dieser Form wird jedoch an anderer Stelle besonders für marginalisierte Videoessayist*innen eingeschränkt, und zwar durch die undurchsichtigen Monetarisierungsrichtlinien der Plattform Youtube. Wer hier Geld verdienen will, dessen Videos müssen einer Reihe undurchsichtiger Regeln folgen, die Werbefreundlichkeit sicherstellen sollen.

Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass neben sexuell konnotierten Wörtern auch Begriffe rund um LGBTQ+-Themen dafür sorgen, dass der Algorithmus das Video als werbeunfreundlich einstuft. Queere Youtuber*innen werfen der Plattform daher Diskriminierung vor. Ähnliche Beschuldigungen werden auch von Schwarzen Menschen und anderen People of Color, die Videos über Rassismus machen, gegen Youtube erhoben. So erklärte etwa der Videoessayist F.D Signifier vor der Veröffentlichung eines Videos, er habe das Wort Schwarz aus dem Titel entfernen müssen.

Kunstvolle Differenzierung

Die Stärke der Essays besteht also weniger darin, dass sie Theoriebildung und -vermittlung in die Onlinemedien übertragen und deren virtuelles Pendant bilden. Vielmehr sind sie eine eigenständige Form, die nuancierte Diskussionen um höchst komplexe Themen unterhaltsam gestalten kann. Die Kanäle entwickeln einen eigenen Stil, anhand dessen Kenner*innen ein Video sofort zuordnen können. Audiovisuell werden dabei alle Register gezogen, von der Kommentierung über Soundeffekte und den Einsatz von Memes bis hin zu aufwendigem Bühnenbild und thematisch passenden Kostümen. Für Letzteres ist beispielsweise die Videoessayistin Natalie Wynn mit ihrem Kanal »Contrapoints« bekannt.

Wynns Video über Neid etwa schafft es, innerhalb von knapp 100 Minuten diverse philosophische Werke zu dem Thema zu zitieren, mehrere Meta-Witze einzubauen und sieben verschiedene Kostüme in Szene zu setzen – darunter ein rot bespritztes weißes Kleid, in dem sie eine geköpfte französische Aristokratin darstellt, und ein schwarzes Outfit, das auf Schneewittchens böse Stiefmutter anspielt. Das Video verbindet theoretische Reflexion mit humorvoll-künstlerischem Ausdruck.

Natalie Wynn fokussiert auf ästhetische Elemente, aber sie widmet sich dem Thema Neid mit beachtlicher Differenzierung. Sie analysiert beispielsweise die Tendenz, dass Mitglieder einer marginalisierten Gruppe eher andere Mitglieder der gleichen Gruppe beneiden als weniger marginalisierte Menschen. Ihre eigene Erfahrung als trans Frau und der Blick für die Systeme, die zu der Marginalisierung führen, ermöglichen es ihr, zahlreiche Nuancen dieses Phänomens zu betrachten und zu vermitteln.

Die Sichtbarmachung marginalisierter Perspektiven und ihre Verbindung mit theoretischen Diskursen auf eine neue Art und in einer neuen Form – darin liegt tatsächlich ein Potenzial, das über gewohnte Aufklärungsmodelle hinausreicht. Diese Möglichkeit entsteht erst auf dem Boden der neuen Technik, die ohne große Hürden einzelnen Personen Zugang zur Öffentlichkeit erlaubt.

Aber die darin entwickelte Essayform teilt auch die Nachteile des Mediums, von den expliziten Beschränkungen des Algorithmus, was gesehen werden darf, bis zu subtileren Formen der Anpassung an Seh- und Wettbewerbsgewohnheiten. Theoriearbeit und -vermittlung können durch die Videoessays nicht ersetzt werden. Bestenfalls aber können sie die Auseinandersetzung erweitern und sollten daher mit in die theoretische Reflexion einbezogen werden. In jedem Fall aber sind sie ein Hoffnungsschimmer angesichts der Abgründe, die sich sonst auf Youtube auftun.

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