Klärwerk soll die Wuhle retten

Ein kleiner Fluss in Berlin kämpft mit der Trockenheit. Die Überleitung von Abwasser könnte helfen – Experten fordern schnelle Maßnahmen

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 5 Min.
Noch nie ein reißender Strom, heute aber mitunter nur noch Rinnsal: Die Wuhle hat schon bessere Zeiten gesehen.
Noch nie ein reißender Strom, heute aber mitunter nur noch Rinnsal: Die Wuhle hat schon bessere Zeiten gesehen.

Sie entspringt in einem kleinen Waldgebiet bei Ahrensfelde im brandenburgischen Barnim, fließt Richtung Süden über die Stadtgrenze Berlins und in Marzahn durch den nach ihr benannten Landschaftspark Wuhletal. Ab Falkenberg bekommt die Wuhle Gesellschaft von der 1980 gebauten Neuen Wuhle, einem Kanal, in den früher das Abwasser des dortigen Klärwerks abgeleitet wurde. Südlich des Wuhleteichs mündet dieser in die Wuhle, die nun von einem kleinen Auwald gesäumt wird. Weiter geht es zwischen Biesdorf und Kaulsdorf und das Wuhlebecken entlang, bis der Fluss nach fast 17 Kilometern beim Stadion an der Alten Försterei in die Spree fließt. 

In den vergangenen Jahren war von dem idyllischen Gewässer jedoch oft nur noch ein Rinnsal übrig, wenn es nicht stellenweise ganz ausgetrocknet war. Der ökologische Zustand des Oberlaufs bis zum Wuhleteich ist »unbefriedigend«, der des Unterlaufs sowie der Neuen Wuhle lediglich »mäßig«.

»Mich begleitet die Wuhle schon mein ganzes politisches Leben«, sagt Stefan Ziller zu »nd«. Der stellvertretende Fraktionschef der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus ist in der Nähe der Wuhle aufgewachsen und bekam die Stillegung des Klärwerks Falkenberg 2003 mit, womit die Ableitung des Klarwassers durch die neue Wuhle wegfiel – es drohte die Austrocknung der Landschaft. 2006 bis 2008 wurde der Fluss daher das erste Mal renaturiert, also ein möglichst natürlicher Zustand wieder hergestellt, indem zum Beispiel Wehre zurückgebaut wurden. Doch auch die Trockenheit der vergangenen Jahre macht der Wuhle zu schaffen, schon längst steht eine weitere Renaturierung an. 

Zu diesem Zweck prüft die Verwaltung von Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne) derzeit Maßnahmen wie die Überleitung von gereinigtem Abwasser aus dem Klärwerk Münchehofe oder die Zusammenlegung von Wuhle und Neuer Wuhle. »Auf der Grundlage dieser Ergebnisse erfolgt ab 2023 die fachliche Entscheidung über die Maßnahmen zur Stützung des Wasserhaushalts«, heißt es in einer Antwort der Senatsumweltverwaltung auf eine Anfrage von Stefan Ziller. Der Grünen-Politiker aus Marzahn-Hellersorf ist erfreut darüber, »dass der Senat da vorangeht«. Eine Entscheidung im kommenden Jahr sei »ein Hoffnungsschimmer für viele Menschen in Hellersdorf, Kaulsdorf und Biesdorf, die sich um das wertvolle Biotop Wuhletal und den so wichtigen Naherholungsraum sorgen«, sagt er.

Auch Christian Schweer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sowie von der Wassernetz-Initiative Berlin unterstützt die Renaturierungspläne. Hinsichtlich der Überleitung des Klärwerk-Abwassers seien aber noch viele Fragen offen, zum Beispiel die, ob es sauber genug sei. Zwar wurde das Klärwerk Münchehofe von den Berliner Wasserbetrieben bereits mit einer Stickstoffentfernungsanlage ausgestattet. Bis 2025 soll noch eine Flockungsfiltration dazukommen, die das Wasser von Phosphaten reinigt. Damit sei aber das Problem von Mikroplastik noch nicht gelöst, gibt Christian Schweer zu bedenken. Außerdem müsste, damit genug Wasser aus dem Klärwerk übergeleitet werden kann, der Wasserverbrauch in der Umgebung relativ hoch sein. »Wir brauchen aber weniger Wasserverbrauch«, sagt Schweer zu »nd«.

Manfred Schubert, Geschäftsführer der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN), hält die Idee grundsätzlich für richtig: »Das kann funktionieren.« Zu beachten sei jedoch, dass von der Einleitung womöglich nur ein Teilbereich der Wuhle profitieren würde, weshalb der Wasserzustrom möglichst auf verschiedene Stellen des Flusses aufgeteilt werden sollte. »Wenn das Wasser in der Mitte eingeleitet wird, hat der obere Teil der Wuhle nichts davon«, erläutert Schubert. Andererseits seien solche Rohrleitungen auch wieder ein Eingriff in die Landschaft. Die vom Senat geplante Machbarkeitsstudie für die Überleitung von Klarwasser in die Wuhle werde von den Naturschutzverbänden dennoch unterstützt.

Nach Ansicht von Christian Schweer sollten orts- und naturnahe Maßnahmen wie Auenentwicklung und Entsiegelung an erster Stelle stehen. Durch die starke Bebauung der vergangenen Jahrzehnte in Marzahn-Hellersdorf werde Wasser zunehmend abgeleitet, statt im Boden zu versickern. »Das natürliche System wurde gekippt durch die starke Zersiedelung«, sagt der Wasserexperte. Dagegen würde das Prinzip der Schwammstadt helfen, also das Auffangen von Regenwasser auf Dächern und Straßen, was endlich konsequent umgesetzt werden müsse.

Auch Naturschützer Manfred Schubert hält eine Entsiegelung, eine natürliche Ufergestaltung und sogenannte Bodenwasserspeicher, also unbebaute Freiflächen, die Regen aufnehmen können, für zentrale Renaturierungsmaßnahmen. Eine mögliche Zusammenlegung von Wuhle und Neuer Wuhle sollte ebenfalls geprüft werden, da dadurch die Wassermengen aus bislang zwei Flussarmen vereint würden und der natürliche Zustand – ohne künstlich angelegten Kanal – wiederhergestellt werde.

Nötig sei jedenfalls ein klarer Zeitplan für die Umsetzung, betonen die Naturschutzexperten. Wenn 2023 über die Klärwerk-Maßnahme entschieden wird, müssen jedoch erst einmal »Schritte zur Sicherstellung der Finanzierung zum Bau der Druckleitung« ergriffen werden, heißt es von der Senatsumweltverwaltung. »Und dann ist so eine Leitung vom Klärwerk zur Wuhle ja auch nicht in drei Tagen da«, verweist Wasserexperte Christian Schweer auf ein weiteres Problem. 

Eigentlich sieht die EU-Wasserrahmenrichtlinie vor, dass schon bis 2015 alle europäischen Gewässer in einen qualitativ »guten Zustand« hätten gebracht werden sollen. Lediglich für den letzten vorgesehenen Bewirtschaftungszyklus ist noch bis 2027 Zeit. Selbst dieses Ziel wird für die Wuhle laut Senat voraussichtlich verfehlt. Grünen-Politiker Stefan Ziller sagt, er habe 2027 »noch nicht aufgegeben« und werde sich im Abgeordnetenhaus für eine sichere Finanzierung der Maßnahmen einsetzen. Er erwarte, dass 2024 mit der Umsetzung begonnen werde: »In Biesdorf und Kaulsdorf warten die Menschen darauf, und ich auch.«

Eigentlich liege das Gewässerentwicklungskonzept für die Wuhle schon seit knapp fünf Jahren vor, auch die Umweltverbände konnten an den Renaturierungsplänen mitwirken. Mit dem Verfahren sei man sehr zufrieden, sagt Christian Schweer vom BUND. »Aber die Umsetzung verläuft schleppend.« Diese Erfahrung habe man bereits mit der Renaturierung der Panke gemacht, bestätigt BLN-Chef Manfred Schubert: »Es ist alles sehr träge, sämtliche Fristen sind überschritten worden.« Schweer fordert vom Senat nun einen ressortübergreifenden Aktionsplan zur Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von mehr Geldern. 

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal