Italien selektiert Schutzbedürftige

Mehr als 140 Migranten verlassen »Humanity 1« in sizilianischem Hafen

  • Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 3 Min.

Nach Angaben der Hilfsorganisation SOS Humanity hatte die Crew des Schiffes in der Nacht zu Sonntag die Erlaubnis erhalten, in Catania an der Ostküste Siziliens einzufahren. Zunächst seien alle Minderjährigen von Bord gegangen. Die männlichen Erwachsenen blieben zunächst auf dem Schiff und wurden von den Behörden einzeln medizinisch untersucht. Eine Gruppe von etwas mehr als 30 Menschen durfte das Schiff nicht verlassen. Ein Mann brach laut SOS Humanity danach zusammen und musste von Bord gebracht werden. Am Sonntagvormittag erhielt die Organisation nach eigenen Angaben die Aufforderung, den Hafen zu verlassen. Der Kapitän wies diese aber zurück und erklärte laut Mitteilung, er könne den Hafen nicht verlassen, bevor nicht alle Bootsmigranten von Bord gegangen seien.

»Sie wollen die schwachen Menschen loswerden und dann den Kapitän zwingen, wegzufahren«, erklärte laut der Tageszeitung »La Repubblica« Rechtsanwalt Alessandro Gamberini, der die NGO rechtlich unterstützt und in der Vergangenheit schon Kapitänin Carola Rackete vertreten hatte. »Natürlich wird der Kapitän der «Humanity 1» sich weigern – auch auf unsere Anweisung hin – und sagen, dass sie alle nach den Regeln des Asylrechts von Bord gehen müssen.«

Der italienische Innenminister Matteo Piantedosi hatte am Samstag darauf gedrungen, dass diejenigen Schiffbrüchigen, die nach seiner Sicht nicht »qualifiziert« seien, in Italien an Land zu gehen, »unsere Hoheitsgewässer verlassen und von dem Staat versorgt werden, unter dessen Flagge sie fahren«. SOS-Humanity-Sprecherin Petra Krischok sagte, dass die Stimmung unter den Überlebenden »extrem gedrückt« sei.

»Wir sind sehr besorgt um die 35 Überlebenden«, erklärte Mirka Schäfer, politische Referentin von SOS Humanity. Diese dürften nicht zurückgewiesen werden. Die Organisation Sea Watch bezeichnete das Vorgehen Italiens im Online-Dienst Twitter als »skandalös«. Eine Zurückweisung wäre ein »Verbrechen«. Am Sonntagnachmittag wurde auch dem Rettungsschiff »Geo Barents« von Ärzte ohne Grenzen erlaubt, für Kontrollen in Catania einzulaufen. Die Behörden wollten prüfen, ob an Bord Frauen, Kinder oder medizinische Notfälle sind, die vom Schiff heruntergeholt werden müssen. Ein Organisationssprecher sagte im TV-Sender Rainews24, Ziel sei, alle an Land zu bringen.

Der italienische Oppositionsabgeordnete Aboubakar Soumahoro, der dabei war, als die Flüchtlinge die »Humanity 1« verließen, kritisierte die »Selektion von schiffbrüchigen Migranten«. Sie verstoße gegen internationales Recht. Die Regierung der ultrarechten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni behandele die erschöpften Schiffbrüchigen »wie Objekte« und trage ein politisches Spiel auf dem Rücken von Babys, Frauen und traumatisierten Menschen aus. Staatschef Sergio Mattarella solle in der Sache für die Einhaltung der Gesetze einschreiten.

Werde Mitglied der nd.Genossenschaft!
Seit dem 1. Januar 2022 wird das »nd« als unabhängige linke Zeitung herausgeben, welche der Belegschaft und den Leser*innen gehört. Sei dabei und unterstütze als Genossenschaftsmitglied Medienvielfalt und sichtbare linke Positionen. Jetzt die Beitrittserklärung ausfüllen.
Mehr Infos auf www.dasnd.de/genossenschaft

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal