Mit Marx durch die Zeiten

Das Werk von Karl Marx begleitet die globale Linke seit dem 19. Jahrhundert. Kleine Bilanz eines besonderen Formats gegenwärtiger Marx-Aneignung

Gesellschaftsanalyse: Mit Marx durch die Zeiten

Am letzten Oktober-Wochenende fand in Berlin, wie seit nunmehr 15 Jahren, die Marx-Herbstschule (MHS) statt. Sie entstand ursprünglich auf Initiative der Marx-Gesellschaft, der Hellen Panke, des Vereins zur Förderung der MEGA-Edition und der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS). Ziel war es, die Lücke zu schließen zwischen den Marx-»Expert*innen« auf der einen Seite und denjenigen auf der anderen Seite, die schon eine erste Begegnung mit der Marx’schen Gesellschaftskritik hinter sich haben, für die aber weiterführende Angebote fehlen. Die MHS ist konzipiert als dreitägiges intensives Lektüre-Seminar, jeweils zu einem bestimmten Thema rund um Marx’ Kritik, für das eigens ein Reader mit einschlägigen Texten und Textstellen erstellt wird. Begleitet wird die Herbstschule von einer Einführung, einem Abendvortrag und einer Podiumsdiskussion zum Abschluss; dieses Rahmenprogramm dient vor allem dazu, die weitere Entwicklung des jeweiligen Themas zu behandeln, wobei das Abschlusspodium meist den aktuellen Auseinandersetzungen und Kämpfen gewidmet ist. Es nehmen regelmäßig zwischen 130 und 200 Leute teil, in recht gemischter Zusammensetzung – mittlerweile sind etwa die Hälfte von Teilnehmer*innen und Teamer*innen FLINTA. Viele Teilnehmende kommen von außerhalb angereist.

Die Marx-Gesellschaft, einst Mitinitiatorin, existiert bereits seit vielen Jahren nicht mehr, und auch wenn einige Ehemalige aus ihrem Kreis weiterhin als Teamer*innen aktiv sind, so ist die MHS inzwischen weniger Weitergabe von Wissen durch »Expert*innen« als vielmehr Bestandteil eines kleinen Ausbildungsbetriebs, der selbst Wissenschaft betreibt. Die RLS bietet seit vielen Jahren zu allen drei Bänden des »Kapitals« von Marx/Engels sehr gut besuchte Lesekurse an, dazu gibt es begleitende »Satellitenseminare« und Arbeitsmaterialien. Viele ehemalige Teilnehmer*innen leiteten später selbst einen Kapital-Lesekreis oder einen Workshop auf der MHS an. Eine Reihe dieser Teamer*innen hat mittlerweile eigene Bücher und Texte rund um die Gesellschaftskritik von Karl Marx publiziert.

Wühlen im Werk

Auch die Themen der Herbstschule haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. In den ersten Jahren ging es um die drei Bände des »Kapitals«, dann folgten einschlägige Themen (»Geld«, »Ursprüngliche Akkumulation« oder »Klasse«) und in den letzten Jahren ist die MHS dazu übergegangen, die jeweiligen Krisen der kapitalistischen Gesellschaft mit Marx-Leküre zu begleiten. Zunächst war »Krise« selbst ein Thema, mit der Klima- und der Coronakrise war zweimal Ökologie bei Marx der Gegenstand. In diesem Jahr ging es dann, auch in Reaktion auf die Kämpfe um »Mietenwahnsinn« und Deutsche Wohnen & Co enteignen, um »Boden, Rente, Miete – Ökonomie des urbanen Raumes bei Marx«.

Mit der thematischen Veränderung ist auch die Textauswahl vielfältiger geworden. Marx hat ganz unterschiedliche Textgattungen hinterlassen, die inzwischen zwar alle für die MHS und den jeweiligen Reader herangezogen werden, deren unterschiedlichen Status es aber doch zu beachten gilt. Zunächst sind viele seiner Texte gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen: auch und gerade berühmte und oft herangezogene Schriften wie die »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844« (die sogenannten Pariser Manuskripte) oder die meisten Texte aus der Sammlung, die heute als »Deutsche Ideologie« bezeichnet wird. Selbst die Bände 2 und 3 des »Kapitals« sind bekanntlich von Friedrich Engels redigiert und erst nach Karl Marx’ Tod veröffentlicht worden. Des Weiteren gibt es die bislang wenig beachteten Texte aus Marx’ journalistischer Tätigkeit, meist Zeitungsartikel, die oft genaue Auskunft über tagespolitische Ereignisse jener Zeit geben. Doch es gilt nicht nur, unterschiedliche Textgattungen zu beachten, sondern fast alle Texte sind auch in zwei unterschiedlichen Ausgaben verfügbar: Sie liegen zum einen in den bekannten blauen Bänden (oder auch »blauen Elefanten«) der Marx-Engels-Werke (MEW) vor, zum anderen in der (zweiten) historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe, der MEGA.

Kurzum, um ein Thema in den drei Tagen der Herbstschule zu erschließen, müssen oft unterschiedliche Textgattungen aus ganz unterschiedlichen Schaffensperioden in dem Reader zusammengestellt werden, und zwar meist sowohl aus der MEW als auch der MEGA. Das ist vor allem bei Themen gefordert, die Marx nicht eigens behandelt hat, die aber oft von Teilnehmer*innen wie Teamer*innen gewünscht werden: etwa Sklaverei, Feminismus, Imperialismus, Ökologie, Finanzkapitalismus. Solche Themen müssen gleichsam indirekt erschlossen werden, zum einen über einzelne und meist in verschiedenen Texten verstreute explizite Aussagen und kurze Textstellen, zum anderen über das Grundsätzliche, das sich aus der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie für das fragliche Thema ergibt. Zudem stellten sich diese Themen zu Marx’ Zeiten natürlich anders dar als heute, auch wenn gerade die historischen Entwicklungen und Veränderungen mithilfe seiner Kritik als solche rekonstruierbar und verständlich werden können – solche Entwicklungen einzuholen, dabei hilft das MHS-Rahmenprogramm.

Der Fall Grund und Boden

Beim diesjährigen Thema traten diese Schwierigkeiten geradezu exemplarisch auf. Zunächst hat Marx sich nicht nur, wie es der Schwerpunkt der 15. Herbstschule sein sollte, zum urbanen Raum geäußert, sondern auch zum landwirtschaftlich-agrarischen, der seinen eigenen kapitalistischen Dynamiken unterliegt. Beide Räume, den ländlichen wie den städtischen, hat Marx wiederum vor allem im Zuge der Ausarbeitung der kapitalistischen Produktionsweise behandelt, sodass Grund und Boden immer in Rücksicht auf diejenigen theoretischen Grundlagen hin zu begreifen sind, die Marx in seiner Analyse der kapitalistischen Produktionsweise erarbeitet hat. 

Das ist bei diesem Thema darum besonders wichtig, weil den Einkommen und Gewinnen aus Grund und Boden, Häusern und Wohnungen ein abgeleiteter Status zuzukommen scheint. Grund und Boden sind keine Produktionsmittel wie die Werkzeuge und Maschinen, zugleich sind sie aber das erste und ursprünglichste Produktionsmittel überhaupt und werden erst im Kapitalismus, ob als landwirtschaftlicher oder städtischer Grund und Boden, zu Kapital. Auch die weltweiten Kämpfe waren klassischerweise nicht nur, wie gemeinhin angenommen wird, Kämpfe der Industriearbeiter*innen in den Manufakturen und den Fabriken, sie waren ebenso – und sind es bis heute – Kämpfe um Land und Boden (»Land and Freedom«) sowie Kämpfe, die in und um Städte und Kommunen geführt wurden. 

Grund und Boden sowie Häuser und Wohnungen bringen zudem eigenständige Formen des Gewinns und des Einkommens wie Rente, Miete oder Hypothekenzinsen hervor und unterschieden sich insofern von demjenigen Profit, der aus der unmittelbaren Anwendung und Ausbeutung von Arbeitskräften entspringt. Und doch sind nach Marx auch diese Formen des Gewinns in letzter Instanz durch Mehrwertproduktion gewonnen, stellen aufgeteilte, umverteilte und abgeleitete Formen davon dar. Schließlich entsteht hier eine eigene Klasse von Kapitalisten mit eigenen Techniken der sogenannten sekundären Ausbeutung, etwa über das Kreditsystem und die Finanzialisierung von Einkommen – bis hin zu einer regelrechten, wie Knut Unger in seinem Vortrag am Samstagabend der 15. HMS darstellte, »Finanzindustrialisierung des Wohnungswesens«.

Es ist gerade dieser sekundäre und indirekte, abgeleitete Status der kapitalistischen Verwendung von Grund und Boden, an dem Marx’ Kritik einsetzen und ihre Stärke ausspielen kann. Denn einerseits können verkürzte und falsche Vorstellungen aufseiten der bürgerlichen Ökonomietheorie, aber auch in der sozialistischen Bewegung und im Alltagsverstand einer Kritik unterzogen werden. Andererseits gelingt diese Kritik, indem entwickelt wird, wie es um den ökonomischen Zusammenhang bestellt ist – hier der Zusammenhang zwischen der Verwertung von Arbeitskraft und Kapital sowie den vermittelten, abgeleiteten Gestalten und Formen von Kapital und Profit als Grund und Boden, Immobilien, Rente, Miete und anderem. 

Diese doppelte Aufgabe der Kritik verfolgt übrigens auch Engels in seiner Schrift »Zur Wohnungsfrage«, entstanden aus einer Artikelserie für die Zeitschrift Der Volksstaat zwischen 1872 und 1873. In ihr kritisiert er einerseits sozialistische und kleinbürgerliche Vorstellungen über die Wohnungsfrage, wie sie damals verbreitet waren, andererseits vermittelt er in allgemeinverständlicherer Sprache als Marx die ökonomischen Zusammenhänge, in die Wohnungsnot, Verstädterung und Mietnot eingebunden sind.

Die Linke und ihre Marx-Lektüren

Die 15 Jahre der Marx-Herbstschule bilden in komprimierter Form eine Entwicklung im Umgang mit Marx’ Kritik ab, die sich analog auch im Großen vollzog und zu der die MHS gleichsam aufgeschlossen hat. Diese Entwicklung ging in der BRD von der Studierendenbewegung um 1968 und ihrer Rückkehr zu Marx im Allgemeinen und der Re-Lektüre des »Kapitals« im Speziellen aus. Rückkehr und Re-Lektüre hatten zunächst eine »Phase der Rekonstruktion« der Kritik der politischen Ökonomie eingeleitet; aus dieser Phase ging als ein heute recht exponierter Strang die sogenannte Neue Marx-Lektüre hervor. Die umfassende Rekonstruktion galt dabei der dialektischen Methode der Kritik und der Darstellung, dem Anfang des »Kapitals« und der Wertformanalyse, Marx’ Vorarbeiten zum »Kapital« und Ähnlichem. 

Auf diese Phase folgten Einzeluntersuchungen und die Diskussion von Schwerpunkten – Staat, Recht, Erkenntnis – sowie von Problemen, auf welche die Beteiligten im Laufe der Diskussion gestoßen waren. Diese umfassende Phase der Rekonstruktion und der Selbstverständigung führte zur Erneuerung einer »Kritik nach Marx«, wobei das »nach« sowohl im chronologischen als auch im logischen Sinne zu verstehen ist. Diese Erneuerung war indes keineswegs auf (West-)Deutschland beschränkt, vielmehr war sie ein geradezu globales Phänomen. Mehr noch, damals etablierten sich gleich mehrere eigenständige neue Marx- und »Kapital«-Lesarten, die noch heute akut sind, auch wenn sie mittlerweile von Post-Versionen abgelöst wurden: In Italien entstand die operaistische und später die postoperaistisch-biopolitische Lesart, in Frankreich die strukturalistische Lesart, aus der wiederum eine poststrukturalistisch-dekonstruktive Lesart hervorging, und die oben genannte Neue Marx-Lektüre in Deutschland, die eine logisch-kategoriale oder auch formanalytisch genannte Lesart ist. 

Mittlerweile sind die meisten Marx-Leser*innen mit den verschiedenen Lesarten vertraut und pflegen einen ungezwungenen Umgang – anders als in den 1960er und 70er Jahren gibt es weder Ambitionen, eine neue Lesart zu präsentieren, noch ist die Marx-Auslegung überlagert von politischen Auseinandersetzung und Richtungsstreits. Allerdings sind solche weitreichenden Ansprüche in Theorie wie politischer Praxis auch durch die Delegitimierung gehemmt worden, welche die an Marx orientierte Gesellschaftskritik mit der Implosion des Realsozialismus Ende der 80er Jahre erfuhr. Das hier vorschnell ausgerufene Ende der Geschichte und des Zeitalters der Ideologien erwies sich indes schon in den 90er Jahren als falsch, dennoch folgte keine Rückkehr zu Marx oder Erneuerung seiner Kritik, die mit dem Auf- und Umbruch um »68« vergleichbar wäre. Es gab nicht einmal eine echte »Marx-Renaissance«.

Der Kontext heißt Kapitalismus

Was es aber sehr wohl seit dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gibt, ist ein regelmäßiger Rückgriff auf Marx, motiviert nicht zuletzt durch die immer neuen Konflikte und Krisen, die seit spätestens 2008 um die Welt jagen. Finanzkrise, Schulden und Austeritätspolitik, Migration und Grenzregime, die technokratisch-autoritäre Seite des Neoliberalismus und Aufstieg des sogenannten Rechtspopulismus und eines neuen Faschismus, Rassismus und Heteronormativität, Klimakollaps, Pandemie, Energiekrise: Für all diese Missstände und die Kämpfe gegen sie wird regelmäßig auch auf Marx zurückgegriffen, um sie in einen, oder vielmehr, um sie in ihren kapitalistischen Kontext zu stellen. Und obwohl es sich bei den Themen mitunter um blinde oder zumindest weiße Flecken in Marx’ Kritik handelt, sorgen gerade diese Rückgriffe für eine Aktualisierung seiner Kritik der politischen Ökonomie. Eine solche Aktualisierung ist befreit sowohl von den ehemals weitreichenden theoretischen und politischen Ambitionen als auch von den Anforderungen und Zumutungen der (Partei-)Politik. So kann ein ungezwungener und thematisch spezifischer Gebrauch von Marx’ Texten und Kritik gemacht werden, ohne selektiv und beliebig zu sein.

Die Marx-Herbstschule, mit der vor allem die Teamer*innen und Teilnehmer*innen gemeint sind, aber auch die Hauptorganisatorinnen Helle Panke und RLS, ist mittlerweile selbst ein Teil dieser neueren Marx-Diskussion geworden, die in den 60er Jahren ihren Anfang nahm und seit dem Einbruch in den 90er Jahren wieder Fahrt aufgenommen hat. Im Jahr 2008, als die 1. Marx-Herbstschule stattfand, fing zudem jene Periode an, in welcher der Kapitalismus seine desintegrativen und destruktiven Kräfte kaum mehr einhegen und bewältigen kann, ohne dass jemals eine Krise gelöst worden wäre. Alle diese Krisen sind zweifellos Krisen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Widersprüche, aber sie stellen sich nicht als der klassische Widerspruch von Arbeit und Kapital dar. Bleibt zu beantworten: Kehrt auch dieser Widerspruch nurmehr in Gestalten seiner Verdrängung wieder, mithin auf indirekte und verschobene, verstellte und vergessene Weise?

Alle Marx-Herbstschulen inklusive der Aufzeichnung des Rahmenprogramms und des jeweiligen Readers sind dokumentiert unter: www.marxherbstschule.net

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