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Katars Trainer Felix Sanchez: »Im Fußball kann alles passieren«

Weil sich kein Team besser auf die Weltmeisterschaft vorbereiten konnte, rechnet sich Außenseiter Katar Chancen aus

  • Daniel Theweleit, Doha
  • Lesedauer: 5 Min.
Asienmeister 2019 – Katars bislang größter Erfolg
Asienmeister 2019 – Katars bislang größter Erfolg

Die meisten europäischen Zuschauer, die sich am Sonntag trotz der vielen Boykott-Aufrufe dazu hinreißen lassen, das Eröffnungsspiel der WM zwischen Katar und Ecuador anzusehen, werden sich auf ziemlich unbekanntes Terrain begeben. Aus dem Team der Südamerikaner sind immerhin Fußballer wie Piero Hincapie von Bayer Leverkusen oder der Augsburger Carlos Gruezo bekannt, für Katar hingegen werden ausschließlich Spieler auflaufen, deren Namen allenfalls Experten für den asiatischen Fußball etwas sagen. Wer es jedoch darauf anlegte, konnte diese Mannschaft während der vergangenen sieben Monate besser studieren als jeden anderen WM-Teilnehmer.

Der spanische Trainer Felix Sanchez feilt seit Juni ununterbrochen an der sportlichen Performance der Gastgebernation, die für eine große Überraschung sorgen möchte. Mehr als 30 meist inoffizielle Länderspiele haben die Katarer während ihrer wochenlangen Trainingslager in Spanien und Österreich gegen Vereine, regionale Auswahlteams und ein paar richtige Nationalmannschaften bestritten. Am Ende dieser Planungsphase sagt Sanchez in einem Interview mit der spanischen Zeitung »Marca« über die Ambitionen seines Teams: »Ich spreche nicht darüber, den Titel zu gewinnen, aber auch 2019 war es schwierig, sich vorzustellen, dass wir Asienmeister werden.« Dennoch ist es Katar damals nach Siegen über Südkorea und im Finale gegen Japan gelungen, das asiatische Pendent zur EM zu gewinnen. »Im Fußball kann alles passieren«, meint Sanchez.

Aussagen mit deutlich mehr Substanz sind nicht so einfach zu bekommen von den Trainern, den Spielern und den Verantwortlichen des Fußballverbandes, der die Mannschaft monatelang von der Öffentlichkeit abgeschottet hat. Das Team hielt sich während der heißen Sommerwochen in Zell am See auf, wo auch die Familien der Fußballer einquartiert worden waren, damit sich niemand einsam fühlte. Später zog der Tross nach Wien um und trainierte dort wochenlang in einem eigens errichteten Trainingscamp in Schwechat vor den Toren der Stadt, wo selbst die meisten Einwohner nichts von den Besuchern aus der Wüste wussten. Alle paar Tage wurde meist vor leeren Rängen getestet. Zuletzt oft mit einer eher defensiven Konterstrategie: Fünferkette, drei defensive Leute im Mittelfeld und zwei sehr schnelle Angreifer. Respektable Ergebnisse wie ein 2:2 gegen Chile oder ein 2:1 gegen Bulgarien und ein 1:0 gegen Albanien kamen dabei heraus.

Nur sprechen mochte niemand, was wohl auch mit einer Erfahrung von vor eineinhalb Jahren zusammenhängt. Vor einem Spiel in Irland knieten sich die irischen Spieler damals auf den Rasen, um ihre Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung zu bekunden, die Kataris blieben stehen. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund für dieses Verhalten verweigerte Trainer Sanchez damals. Am Ende blieb nur dieses Thema, das Geschehen vom Platz interessierte niemanden mehr. Die Spieler und ihr Umfeld sind angreifbar, also meiden sie die Öffentlichkeit.

Dabei gäbe es auch jenseits der politischen und moralischen Ebene interessante Fragen: Wie hat sich das Team in den vergangenen Jahren entwickelt, in denen es an der Südamerikameisterschaft und – außer Konkurrenz – an der europäischen Qualifikation für die WM teilgenommen hat? Spürt es Druck aus der Heimat? Haben einzelne Spieler große Fortschritte gemacht? Welche Ambitionen haben sie bei der Heim-WM? Aussagen dazu sind selbst bei Google kaum auffindbar. Versuche, am Rande der Partie gegen Chile im September ins Gespräch zu kommen, laufen ins Leere. Niemand sagt, man wolle sich nicht äußern – es wird einfach geschwiegen. Interviewanfragen an den Verband bleiben ebenso unbeantwortet wie eine Mail an den Kommunikationschef des nationalen Fußballverbandes. Pressekonferenzen oder Kurzinterviews mit Spielern gibt es nicht.

Also lohnt ein Besuch im belgischen Grenzgebiet zu Deutschland, wo die Katarer mit KAS Eupen eine Art Farmteam unterhalten, in dem etliche der WM-Spieler Erfahrungen in Europa sammeln sollten. »Ich bin mir sicher, dass sie in der langen Vorbereitung versucht haben, verschiedene taktische Ausrichtungen zu perfektionieren. Aber natürlich sind sie ein Außenseiter«, sagt Christian Henkel, Generaldirektor des belgischen Erstligaklubs, der mal wieder gegen den Abstieg kämpft.

Die Gäste aus Katar, zu denen auch die Offensivstars Akram Afif und Almoez Ali sowie der starke Linksverteidiger Abdelkarim Hassan zählten, »hatten einen guten Willen, und gerade die menschliche Seite war absolut top«, sagt Henkel. Wirklich einschätzen kann aber auch er die Stärke des Teams nicht. Seit 2018 spielen die Nationalspieler wieder ausschließlich in der heimischen Liga. Wenn am Sonntag aufgrund der fehlenden Vorbereitung eine Form-schlägt-Klasse-WM bevorsteht, haben die Gastgeber vielleicht entscheidende Vorteile, weil kein anderes Team sich so gründlich vorbereiten konnte, nicht nur wegen der vergangenen Monate.

Mit Teilen des Teams arbeitet Sanchez, der 2006 aus der Nachwuchsakademie des FC Barcelona nach Doha kam, seit Jahren zusammen. Mit einigen Spielern wurde er 2014 U19-Asienmeister, Schlüsselspieler wie Afif lernte er bereits als Kind kennen.

Lesen Sie alle unsere Beiträge zur Fußball-WM in Katar unter: dasnd.de/katar

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