»Ich bin froh, dass ich noch so viele Platten machen konnte«

Indie-Dauergeheimtipp Jens Friebe hört auf – zumindest offiziell. Mit dem »nd« sprach er über den Überdruss am Musikbusiness und seine Zukunftspläne

Will keine Buspreise mehr vergleichen: Jens Friebe.
Will keine Buspreise mehr vergleichen: Jens Friebe.

Herr Friebe, Sie waren knapp 20 Jahre als Solomusiker aktiv und haben sich nun entschieden, Ihre Soloaktivitäten mit sofortiger Wirkung zu beenden. Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen?

Naja, »Soloaktivitäten mit sofortiger Wirkung beenden« stimmt in dieser Brutalität nicht ganz. Ich schrieb ja, dass es durchaus möglich ist, dass ich noch Songs veröffentliche und auch als Jens Friebe auf Bühnen auftauche. Nur das ganze Protokoll, das an einer professionellen Veröffentlichung dranhängt, werde ich zukünftig nicht mehr machen, und ein reines Jens-Friebe-Konzert in diesem großen Rahmen wie jetzt im Festsaal wird es daher so bald auch nicht mehr geben. Darauf wollte ich hinweisen, damit sich nachher niemand beschweren kann. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Grad an Aufmerksamkeit für meine Musik ist seit 18 Jahren auf niedrigem Niveau ziemlich konstant. Das klingt jetzt witzig, aber ich meine es ernst, wenn ich sage, dass das schon eine Leistung ist, auf die ich auch ein bisschen stolz bin. Aber es wird auch jedes Mal mehr Arbeit, selbst dieses Level zu halten. Und gerade weil ich sehr glücklich bin mit meiner neuen Platte, fand ich, dass sie ein guter Abschluss sein kann für meine offizielle Solo-Karriere, oder wie immer man das nennen will.

Die Vorverkäufe Ihrer nun vergangenen Tour liefen vielerorts schlecht, sodass Sie in sozialen Medien dazu aufgerufen haben, Tickets für das Wienkonzert zu kaufen, damit es nicht – wie so viele Konzerte diverser Acts in letzter Zeit – abgesagt werden muss. Trotzdem sagen Sie, dass Ihre Entscheidung nicht mit der Tour in Verbindung steht. Wann kam bei Ihnen denn das erste Mal der ernsthafte Gedanke auf, Jens Friebe als Musikprojekt ad acta zu legen?

Die Vorverkäufe liefen insgesamt nicht schlechter als sonst auch, und in Wien wurde es sogar noch überraschend voll. Der einzige wesentliche Unterschied zu Touren vor der Corona-Pandemie war, dass wir von vornherein weniger Städte gespielt haben, weil einige zu überfischt waren; am meisten geschmerzt hat mich da Leipzig.

Der Gedanke, das so zum letzten Mal zu machen, kam mir irgendwann zwischen der Fertigstellung des Albums und dem Release. Das war für mich immer eine extrem nervenaufreibende Zeit. Das ist die Zeit, in der man sich um Video, Cover, Fotos, Info, Live-Umsetzung und so weiter kümmern muss. Diese Phase war diesmal besonders lang, was einerseits gut war, weil ich dann mehr Zeit für all diese Dinge hatte. Andererseits verlängert es auch die quälende Unsicherheit, ob es überhaupt noch Adressaten gibt für das ganze Theater. Die Frage der Verhältnismäßigkeit hat sich mir diesmal natürlich nicht zum ersten Mal gestellt. Aber jetzt habe ich mich mal getraut, sie zu beantworten.

Inwiefern haben die im Zuge der Pandemie zugespitzten Produktionsbedingungen im Kultursektor Ihre Entscheidung beeinflusst?

Am meisten betroffen hat mich das bei der Vorbereitung auf die Tour. Ich muss ja für Livekonzerte immer eine Band zusammenstellen. Da haben mir diesmal mehrere Musiker*innen abgesagt, die eigentlich mitmachen wollten, weil sie psychisch oder physisch angeschlagen waren oder weil sie es sich finanziell nicht leisten konnten, für so wenig Geld zu spielen. Da merkt man dann schon die Härte der Zeit. Die Band, die es am Ende geworden ist, hätte ich mir aber besser nicht wünschen können. Sie haben alle drei wirklich einen fantastischen Job gemacht und sind menschlich Goldschätze. Aber der Weg dahin mag schon zu einer gewissen Ermüdung beigetragen haben.

Welche Wünsche hatten Sie in Bezug auf Ihre zukünftige Musiklaufbahn, als Sie 2004 Ihr erstes Album »Vorher Nachher Bilder« veröffentlicht hatten?

Ich weiß noch, dass es für mich sehr surreal war, als Alfred Hilsberg mich nach meinem ersten Konzert als Vorband vom Popchor Berlin anrief und kurze Zeit später unter Vertrag nahm. Ein Stück erschien dann schon als Demoversion auf einem ZickZack-Sampler. Jens Balzers Rezension der Platte in der »Berliner Zeitung« handelte zur Hälfte von mir und es war auch ein Foto von mir dabei. In dem Moment hatte ich, glaube ich, schon das Gefühl, jawohl, jetzt geht’s ab. Ich kann mich aber nicht an irgendwelche konkreten Visionen erinnern. Und wie ich mich kenne, wurde der Größenwahn sicher bald auch von der Panik konterkariert, es könnte am Ende doch keine Sau interessieren.

2004 war zwar vielerorts schon von einer hereinbrechenden Krise der Musikindustrie die Rede – im Vergleich zur Gegenwart mutet die Zeit im Rückblick zumindest in Bezug auf die ökonomischen Rahmenbedingungen dennoch mitunter wie ein Schlaraffenland an. Wie haben Sie den Wandel der Musikindustrie von damals bis heute wahrgenommen, auch und gerade in Bezug auf Ihre eigene musikalische Tätigkeit?

Die Krise war schon hereingebrochen. Die Plattenverkäufe waren im Vergleich zu den Neunzigern bereits lächerlich. Seitdem hat sich das dann noch mal halbiert, würde ich schätzen. Aber ehrlich gesagt ist dieser Unterschied für mich nicht so ausschlaggebend. Zum relativen Schlaraffenland wurde die damalige Zeit nur durch die Verlagsvorschüsse, die man damals noch bekam. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass der Zusammenbruch in der Rechteverwertungsindustrie erst nachgeschleppt eintrat. Es hing gleichzeitig sehr an einzelnen Personen. Ich und viele andere Musiker, die bei Warner waren, bekamen zum Beispiel damals Vorschüsse von Norbert Masch [langjähriger Geschäftsführer des Warner-Verlagsarms von Warner/Chappell Germany, Anm. der Red.]. Der hatte Dieter Bohlen und viele andere Verkaufsschlager entdeckt. Er steckte aber aus echter Musikbegeisterung auch viel Geld in Acts, von denen ziemlich klar war, dass die das so schnell nicht wieder einspielen würden. Diese Art halbidealistischer Querfinanzierung wurde dann irgendwann dort immer weniger toleriert.

Überkommt Sie beim Rückblick auf die damalige Zeit gelegentlich Wehmut?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin froh, dass ich noch so viele Platten machen konnte. Ich hätte wirklich nie gedacht, dass es sieben werden. Es hieß ja selbst 2004 schon permanent, das Prinzip Platte ist überholt, demnächst veröffentlichen alle nur noch digital. Und ich dachte immer, Scheiße, das ist nicht, was ich immer wollte. Ich wollte unbedingt Platten machen, das war für mich extrem wichtig, dass sich meine Arbeit zu diesem Objekt verfestigt, das ich seit meiner Kindheit fetischisiert habe, das mich irgendwie zum Teil der Welt werden ließ, die ich früher bestaunt habe. Das hieß aber dann auch für die letzten drei oder vier Platten, dass ich die Produktion selbst bezahlt habe. Ich bin nicht so ein Musikprogrammfuchs, und wenn ich will, dass das plattenwürdig klingt, muss ich wen bezahlen, der das kann. Mein langjähriger Produzent, Berend Intelmann, nimmt wirklich Freundschaftspreise. Aber wir arbeiten ziemlich akribisch, und dann wird es trotzdem irgendwann teuer. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, und das konnte ich mir nur aufgrund meiner extrem privilegierten Herkunft überhaupt leisten. Das war auch okay, solange ich das Format »Jens Friebe« noch als unvollendet empfand. Aber jetzt habe ich das Gefühl, es ist mit den sieben Platten im guten Sinne ausgereizt. Es ist ein schlüssiges Paket, und entweder ich mache was ganz anderes, am liebsten mit anderen Leuten zusammen unter anderem Namen, oder, wenn mir noch ein klassischer Friebe einfällt, spiele ich euch den schön auf Youtube vor und muss nicht warten, bis ich elf Stück habe, während ich nebenher noch Buspreise vergleichen muss.

Wie könnte stattdessen die Zukunft des Musikmachens aussehen, wenn der von Ihnen beschriebene Prozess Ihnen heute antiquiert erscheint?

Da braucht man, glaube ich, nicht in die Zukunft zu schauen. Die meisten Acts produzieren sich jetzt schon selbst, was bei elektronischer Musik ja eh normal ist, und kümmern sich bei der Verbreitung auch nicht mehr ums Prinzip Album. Pashanim etwa sind Superstars geworden vorbei an allen zu meiner Jugend noch unumgänglichen Instanzen, und Fuffifuffzich ist gerade dabei. Außerdem spielt im Moment die staatliche Förderung eine viel größere Rolle als früher. Aber wie lang das noch so läuft, weiß man natürlich auch nicht.

Sie betonen, auch in Zukunft weiterhin Musik machen zu wollen. Was wird musikalisch oder künstlerisch von Ihnen zu erwarten sein? Gibt es schon konkrete Pläne und Projekte oder wollen Sie nun erst einmal einen Gang runterschalten?

Ich werde mit Half Girl irgendwann Lieder aufnehmen, die wir schon vor Einbruch der Pandemie geschrieben haben. Mit Malonda habe ich schon für ihr nächstes Jahr erscheinendes Album zusammen gearbeitet und werde das höchstwahrscheinlich auch weiter tun. Und dann gibt es noch zwei Sachen, über die zu reden es noch zu früh ist.

Jens Friebe: »Wir sind schön« (Staatsakt/Bertus)

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