Tödliche Glasfassade des Flughafens

Naturschützer halten Maßnahmen gegen Vogelkollisionen am Airport BER für völlig unzureichend

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Flug in den Tod: Ein Vogel auf der Besucherterrasse des Airports.
Flug in den Tod: Ein Vogel auf der Besucherterrasse des Airports.

Große Glasfronten sind beliebt in der modernen Architektur, aber zugleich eine Gefahr für Vögel. Denn die Tiere erkennen das Hindernis nicht und prallen im Flug mit voller Wucht auf. Manche brechen sich das Genick und sind sofort tot, andere verletzen sich schwer und verenden langsam und qualvoll. Das ist weltweit ein Problem. Allein in Deutschland sterben so Jahr für Jahr mindestens 18 Millionen Vögel. Die Arbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten geht von einer mehrfach höheren Zahl aus. Schätzungen zufolge könnten es bis zu 100 Millionen tote Tiere pro Jahr sein.

An der Zentrale der Deutschen Post AG, einem voll verglasten Hochhaus, das sich in Bonn 162,5 Meter in den Himmel erhebt, wurden bei täglichen Kontrollen innerhalb eines Jahres 200 tote Vögel gefunden, an der Fußballarena in Mainz sogar 1000. Je seltener nachgeschaut wird, umso höher dürfte die Dunkelziffer liegen. Denn Krähen, Füchse, Ratten oder Katzen holen sich die Kadaver und fressen sie.

In Brandenburg ist das rundum mit großflächigen Fensterfronten ausgestattete Terminal des vor zwei Jahren in Betrieb genommenen Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld eine der Problemzonen. Nach Auskunft von Flughafensprecherin Sabine Deckwerth wurden dieses Jahr bislang 40 tote Vögel gefunden und im vergangenen Jahr 50. Das Problem besteht aber natürlich schon länger. Denn erinnern wir uns: Der Airport sollte eigentlich bereits 2012 eröffnet werden. Seitdem steht das Terminal in der Landschaft, auch wenn sich seine Inbetriebnahme wegen zahlreicher Pannen und technischer Probleme unter anderem bei der Brandmeldeanlage immer weiter hinauszögerte.

Im Laufe der Zeit sorgten die sterbenden Vögel wiederholt für Schlagzeilen. Naturschützer beklagen jetzt, das Dilemma sei der Flughafengesellschaft mindestens seit 2012 bekannt, »als bei einem Massenanflug zahlreiche Rothkehlchen und Singdrosseln am neu errichteten Terminalgebäude zu Tode kamen«, wie es in einem am Dienstag verbreiteten offenen Brief an die Geschäftsführung des BER heißt. Unterzeichnet haben mit Tilmann Heuser und Axel Kruschat die Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Berlin und Brandenburg sowie mit Rainer Altenkamp und Christiane Schröder der Vorsitzende und die Geschäftsführerin des Naturschutzbundes in den beiden Bundesländern. Unterschrieben haben außerdem Rico Lange und Burkhard Wendland vom Tierschutzverband Brandenburg und Dirk Schäuble vom Tierschutzverein für Berlin und Umgebung.

Bedauerlicherweise seien in den 14 Jahren Bauzeit keinerlei Maßnahmen ergriffen worden, sonst hätten Vogelkollisionen am BER weitgehend vermieden werden können, sind die Absender überzeugt. Eine Nachrüstung, wie sie wegen des Artenschutzes unumgänglich sei, »ist leider sehr viel aufwendiger und kostenintensiver«.

Experten der Naturschutzverbände finden den Angaben zufolge bei Begehungen der öffentlich zugänglichen Bereiche des Airports regelmäßig tote Vögel oder zumindest noch deren Federn und erkennen darüber hinaus zahlreiche Anprallspuren. »Viele der verletzten Tiere verenden qualvoll in den Lichtschächten zwischen den Terminalgebäuden«, heißt es. »Jedes weitere Jahr ohne konkrete Maßnahmen werden wissentlich weiterhin zahllose unnötige Todesopfer in Kauf genommen.«

»Besonders im Herbst zur Zeit des Vogelflugs kommt es regelmäßig zu Massenkollisionen«, erklärt Experte Ansgar Poloczek vom Naturschutzbund. »Hier verenden zahlreiche Drosseln oder Waldschnepfen. Auch Turmfalken sind häufiger Opfer.« Eisvogel, Haubenlerche, Blaumeise, Waldkauz und andere Arten erwischt es ebenfalls.

Der Flughafen hat mittlerweile reagiert und an einigen besonders heiklen Stellen spezielle Folien aufgeklebt, damit die Tiere erkennen, dass dort kein Durchkommen ist. »Bei unseren Kontrollen wurde ein Vogelanprall besonders häufig an den Kolonnaden beobachtet, also an den freistehenden Glasflächen links und rechts des Terminal 1«, erläutert Sprecherin Deckwerth. »Deshalb hatten Maßnahmen dort Priorität. Alle freistehenden Glasflächen dort sind inzwischen mit entsprechenden Folien beklebt.« Man befinde sich in fachlicher Abstimmung mit den zuständigen Behörden: der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Dahme-Spreewald, der Berliner Senatsumweltverwaltung und dem brandenburgischen Umweltministerium.

Den Verbänden genügt das nicht. Sie wollen an der aus ihrer Sicht überfälligen Vogelschutzsanierung des Terminals beteiligt werden. Ihre Experten sollen die Situation vor Ort auch in den nicht öffentlich zugänglichen Bereichen begutachten dürfen.

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