Nicht nur für Menschen bauen

Millionen von Vögeln sterben jährlich an Gebäuden – obwohl es Lösungen gibt

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 5 Min.
Tiergerecht nachrüsten: Auf dem "Futurium" wird die Vogelschutzfolie "Seen Elements" verklebt, die nach außen reflektiert.
Tiergerecht nachrüsten: Auf dem "Futurium" wird die Vogelschutzfolie "Seen Elements" verklebt, die nach außen reflektiert.

Seit 2012 sammeln sie und ihre Mitstreiter*innen regelmäßig tote Vögel auf, die an der Glasfassade des Flughafens BER in Schönefeld verendet sind, berichtet Claudia Wegworth vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Berlin. Die Kombination aus großen Glasflächen und nächtlicher Beleuchtung sei tödlich für viele Vögel, die das Hindernis nicht erkennen und dagegen fliegen würden. Vor allem Jungvögel von Dohlen und Turmfalken würden dabei scharenweise unkommen. »Der Flughafen streitet das immer noch ab, dabei haben wir so viele Beweise. Ich werde langsam ungeduldig«, sagt die Vogelschutzexpertin zu »nd«. Lediglich einige freistehende, gläserne Windschutzwände seien inzwischen mit Folie beklebt, allerdings mit riesigen Lücken dazwischen.

Zu wenig Naturschutz am Bau

Eigentlich sollten Tiere bei Neubauten und Sanierungen von Anfang an berücksichtigt werden, findet Wegworth, doch im Gegensatz zum klimaneutralen Bauen sei der naturschutzfachliche Ansatz unter Bauschaffenden noch viel zu wenig präsent. Deshalb lädt der BUND gemeinsam mit dem Unabhängigen Institut für Umweltfragen an diesem Dienstag zur Fachtagung »Architektur und biologische Vielfalt« ein. Die Tagung soll Architekt*innen, Stadtplaner*innen und Wohnungsunternehmen mit Wissenschaftler*innen vernetzen, die Lösungen für tiergerechtes Bauen entwickelt haben. Denn obwohl es entsprechende Maßnahmen gibt, würden nach wie vor Naubauten genehmigt, die nicht damit ausgestattet sind. Insgesamt sterben in Berlin laut Senatsumweltverwaltung pro Jahr rund vier Millionen Vögel nach einem Aufprall an Glasflächen.

Der Einsatz von Glas und Beleuchtung sollte überdacht werden, findet Wegworth. »Natürlich wollen wir nicht im Bunker leben. Aber eine Balkonbrüstung muss ja nicht unbedingt aus Glas sein.« Ist die Glasfassade einmal da, könne sie durchaus mit Vogelschutzfolien nachgerüstet werden, die mit winzigen Punkten versehen sind. Der Deckungsgrad liege unter einem Prozent, sodass es im Gebäude keinen Lichtverlust gebe, von außen sei die Fassade für Vögel dann aber deutlich zu erkennen. Mit einer solchen Folie wurde das Museum »Futurium« in Mitte bereits ausgestattet. Auf Beleuchtung zu dekorativen Zwecken sollte man ohnehin ganz verzichten, da Insekten vom Licht angezogen werden und dann an den Lampen verglühen. Nach oben ausgerichtet trügen diese außerdem zur Lichtverschmutzung bei.

Ein Risiko für Berliner Vögel, das sich nachträglich nicht so leicht beheben lässt, ist die Brücke zwischen Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Regierungsviertel, die direkt hinter einem Spreebogen auftaucht. »Da kollidieren regelmäßig Schwäne, weil die nicht so schnell nach oben oder unten navigieren können«, erklärt Wegworth. So etwas müsse bei zukünftiger Stadtplanung berücksichtigt werden, denn es gehe um mehr als um ein paar tote Vögel. »Es geht um ökologische Vielfalt und um die Zukunft des Planeten. Wir teilen unsere Welt mit anderen«, betont die Vogelschützerin. In vielen Städten seien Spatzen zum Beispiel schon beinahe ausgestorben.

Ein zweiter Aspekt des tiergerechten Bauens betrifft die Schaffung von Lebensraum an Gebäuden. »Vögel, Fledermäuse und Insekten haben schon immer mit uns gelebt«, sagt Wegworth. Fledermäuse zum Beispiel in den Gemäuern. Durch Fassadendämmung würden sie oft vertrieben, dabei sei es relativ einfach, Nistplätze zu ersetzen, indem sie in die Fassade mit eingebaut werden. Das Konzept des Animal Aided Design, das bei der Fachtagung vorgestellt wird, versucht unter anderem auf diese Weise, »die Bedürfnisse von Tieren in die Gestaltung zu integrieren, aber nicht als eine Belastung, sondern als Inspiration und Bereicherung.« So beschreibt der Landschaftsarchitekt Thomas E. Hauck den Ansatz, den er gemeinsam mit dem Biologen Wolfgang W. Weisser entwickelt hat.

Mathias Schulz, Stadtentwicklungssprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, erklärt, Animal Aided Design werde bei Neubauprojekten wie dem Schumacher-Quartier in Tegel bereits angewandt, zum Beispiel durch die Integration von Nisthilfen in der Architektur, Bepflanzungen und den Verzicht auf transparent verglaste Brüstungen.

Die Bauexpertin der Linksfraktion, Katalin Gennburg, kritisiert jedoch gegenüber »nd«, dass eine Änderung der Bauordnung zur Berücksichtigung von Tieren Ende der vergangenen Legislaturperiode aufgrund einer Absage der SPD-Fraktion gescheitert war. Ihrer Ansicht nach wird die »veraltete Bauordnung dem Leben und Bauen in Zeiten des Klimawandels und der Biodiversitätskrise nicht mehr gerecht. Dass sich Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel gegen diese so dringend benötigte Novellierung versperrt, spricht Bände über die Ernsthaftigkeit, mit der die SPD den sozial-ökologischen Umbau der Stadt vorantreiben möchte«, kritisiert Gennburg.

Neue Bauordnung soll kommen

»Vom Tisch ist die Anpassung der Bauordnung damit aber nicht«, erklärt Andreas Otto, Sprecher für Baupolitik der Grünen-Fraktion, auf nd-Anfrage. Er setze sich dafür ein, dass der neue § 8a, der unter anderem tierfreundliches Bauen vorsieht, so übernommen wird. Oft seien »mangelndes Interesse, mangelnde Phantasie und Furcht vor mehr Aufwand oder ein anderes ästhetisches Empfinden« Gründe dafür, dass Naturschutz bei Bauvorhaben nicht berücksichtigt werde, so Otto.

Auch Claudia Wegworth befürwortet die anstehende Novelle der Bauordnung, denn bislang komme der Naturschutz häufig erst zum Tragen, wenn ein Gebäude schon stehe. Dann könnten Naturschutzbehörden zwar eine Nachrüstung fordern, »aber das ist in der Regel teurer und weniger ansprechend, als wenn der Architekt es von Anfang an mit eingeplant hätte«, erklärt sie. Die Fachtagung zur biologischen Vielfalt soll deswegen einen Dialog zwischen Wissenschaft und Bauplanung eröffnen, um deutlich zu machen, dass Naturschutz kein Verhinderer von Bauprojekten ist, sondern dass es vielfältige, auch ästhetisch ansprechende Möglichkeiten zum tiergerechten Bauen gibt.

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