Wie relevant ist die Chemiebranche?

Ökonomen sind uneins, ob die Industrie wegen der Gasprobleme auf eine kritische Lage zusteuert

Im Chemiepark Leuna wurde die Produktion um die Hälfte heruntergefahren. Klaus Paur läuft nun die Zeit davon. Sein Unternehmen produziert Harze, die bei der Windradproduktion die Rotorblätter stabil machen. Die Herstellung kostet viel Energie, und die steigenden Preise bringen Paur in Not. »Unsere Wettbewerber sind hauptsächlich in Asien: in Südkorea, aber zunehmend auch in China«, sagte er dem MDR. Der Wettbewerbsvorteil der internationalen Konkurrenz liege ungefähr bei 2000 Euro je Tonne.

Vor allem Chemie- und chemienahe Betriebe leiden gerade unter den extrem hohen Kosten, denn sie benötigen Gas und Öl nicht nur als Energieträger, sondern auch als Rohstoff. In ihren Anlagen nehmen sie die Molekülketten des Gases auseinander und basteln daraus neue Verbindungen, aus denen wiederum Dünger, Reinigungsmittel oder Flugzeugteile hergestellt werden.

Im dritten Quartal hat die Chemieindustrie ihre Produktion in Deutschland weiter gedrosselt. Wegen der hohen Energiepreise befänden sich viele Unternehmen schon heute in einer »äußerst dramatischen Lage«, klagt Markus Steilemann, Präsident des Branchenverbands VCI. Besonders der Mittelstand habe zudem Probleme, neue Gas- und Stromverträge abzuschließen.

Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sorgt daher für heftige Reaktionen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. »Die Herstellung der 300 Produkte mit dem höchsten Gasverbrauch verursacht knapp 90 Prozent des gesamten Gasverbrauchs der deutschen Industrie«, heißt es darin. Der Großteil des industriellen Gasbedarfs werde also nur für »eine kleine Minderheit von Produkten« verwendet. Dem IWH zufolge kommen die fünf Produkte mit dem höchsten Gasverbrauch pro Euro Umsatz aus der chemischen Grundstoffindustrie.

Die Ökonomen aus Halle halten es für möglich, dass die deutsche Industrie ohne nennenswerten Umsatzeinbruch 26 Prozent weniger Gas verbrauchen könnte. Studienleiter Steffen Müller beziffert das drohende Minus auf »nur drei Prozent des Umsatzes«. Die Produkte mit dem größten Gasverbrauch seien »oft leicht zu importieren«. Eine Deindustrialisierung, die manche Ökonomen an die Wand malen, erwartet IWH-Forscher Müller daher nicht.

Es hagelte Kritik an der Studie. Die Chemiebranche nannte sie gar »verantwortungslos«. Er werde einem »Ausverkauf unserer Industrie« nicht tatenlos zusehen, so der Branchenverband VCI. Kritik an der Studie übte auch das industrienahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln: Die Hallenser hätten die Komplexität von Produkten und Wertschöpfungsketten nicht angemessen abgebildet. So sei unter anderem missachtet worden, dass an Chemiestandorten wie Leuna Produktionsprozesse eng verzahnt seien und nicht losgelöst voneinander betrachtet werden sollten. Als Beispiel nennt IW-Forscher Thilo Schaefer Ammoniak: »Die chemische Verbindung wird auf Basis von Erdgas hergestellt, in der Produktion fällt CO2 als Nebenprodukt an.« Dieses CO2 sei ein wichtiger Rohstoff für die Lebensmittelindustrie sowie ein Ausgangspunkt für Folgeprodukte wie Adblue. »Würde Ammoniak importiert, um den deutschen Erdgasverbrauch weiter zu senken, müssten auch die Koppelprodukte eingeführt werden, beide sind jetzt schon knapp.«

Eine Umfrage des Ifo-Instituts in München legt ebenfalls nahe, dass der Kreis der betroffenen Firmen größer ist als vom IWH angenommen. 59 Prozent aller Firmen im verarbeitenden Gewerbe – auf sie entfällt etwa ein Drittel des gesamten Gasverbrauchs in Deutschland – nutzen danach Erdgas für ihre Produktionsprozesse. Davon haben im vergangenen halben Jahr 75 Prozent Gas gespart, ohne die Produktion zu drosseln. »Dieser hohe Anteil ist erfreulich, allerdings sind die Unterschiede zwischen den Branchen erheblich«, sagt Karen Pittel, Leiterin des Ifo-Zentrums für Energie und Klima. »Überdies scheint der Spielraum für weitere Einsparungen ohne Produktionsrückgang zunehmend ausgereizt.«

Dies hat unangenehme Folgen. Acht von 22 Industriebranchen in Deutschland würden bei hohen Gaspreisen zukünftig Verluste machen, assistiert eine Studie des Basler Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos. »Damit droht eine ökonomische Gaslücke – mit Produktionseinstellungen, Insolvenzen oder Verlagerungen als möglichen Folgen.«

Volle Gasspeicher und die geplante Preisbremse dürften die Probleme der chemischen Industrie nicht grundlegend lösen. Marktbeobachter erwarten, dass die Gas- und Energiepreise besonders in Deutschland auch langfristig hoch bleiben werden. So ist Flüssigerdgas weit teurer, als es Pipelinegas aus dem nahen Russland war. IWH-Präsident Reint Gropp fürchtet die Folgen nicht. Bestimmte Unternehmen würden tatsächlich nicht überleben, sagte er dem MDR. »Und das ist auch richtig so, das kann man nicht verhindern – weil sie eben mit diesen hohen Energiepreisen nicht mehr überlebensfähig sind.« Solche kreative Zerstörung gilt vielen Ökonomen als wesentliches Element einer dynamischen Wirtschaft.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal