Den Widerstand ins Stadtbild schreiben

Ein Platz und eine Straße im Afrikanischen Viertel tragen nicht mehr den Namen von Kolonisatoren

  • Yannic Walther
  • Lesedauer: 4 Min.
Während die Umbenennung auf sich warten ließ, blieb der Name des Kolonisators nicht unwidersprochen im Straßenbild.
Während die Umbenennung auf sich warten ließ, blieb der Name des Kolonisators nicht unwidersprochen im Straßenbild.

Nach jahrelangem Kampf ist es am Freitag soweit. Der Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße bekommen bei einer feierlichen Umbenennung neue Namen und Straßenschilder. Künftig heißen sie Manga-Bell-Platz und Cornelius-Fredericks-Straße – benannt nach Personen, die Widerstand gegen den deutschen Kolonialismus leisteten. Es ist ein Schritt hin zur Dekolonialisierung des öffentlichen Raums. Einer, für den Aktivisten lange kämpfen mussten.

»Straßennamen sind Ehrungen und Teil der Erinnerungskultur«, sagt Mittes Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne) im Vorfeld der Umbenennung. Es sei deshalb eine wichtige Aufgabe, Namen aus dem Berliner Straßenbild zu tilgen, die mit Verbrechen des deutschen Kolonialismus im Zusammenhang stehen.

Denn der Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße erinnern beide an deutsche Kolonisatoren. Gustav Nachtigal zeichnete als Kolonialbeamter unter anderem für die Gründung deutscher Kolonien in Kamerun und Togo verantwortlich. Ausgelöst durch seinen Tod auf der Rückfahrt einer Kolonialexpedition wurde Nachtigal als Kolonialheld geehrt – lange über die Zeit des Kaiserreichs hinaus. Als Reichskommissar beglaubigte Nachtigal auch das im heutigen Namibia in Besitz genommene Land durch den Kaufmann Adolf Lüderitz, der ebenfalls künftig nicht mehr durch ein Straßenschild geehrt wird.

Die Umbenennung wurde bereits 2018 in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Mitte beschlossen. Dass es über vier Jahre gedauert hat, bis sie nun im Straßenbild auch sichtbar wird, liegt an den zahlreichen Klagen von Anwohnern und Gewerbetreibenden gegen eine Umbenennung. Auch die Petersallee soll umbenannt werden, hier steht eine Entscheidung über eine Klage aber noch aus. Gleiches gilt für die zwar nicht im Ortsteil Wedding, aber im Bezirk Mitte gelegene Mohrenstraße, die nach einem Beschluss der BVV von 2020 umbenannt werden soll, wo aber ebenfalls Klagen die Umbenennung verzögern.

Letztlich geht es bei den Umbenennungen nicht nur darum, Namen aus dem Straßenbild zu tilgen. Viel wichtiger ist, dass dadurch eine Gegengeschichte sichtbar werden soll. »Zur Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus gehört ein Perspektivwechsel weg von der Ehrung der Täter auf Straßenschildern hin zur Würdigung von Persönlichkeiten des antikolonialen Widerstands«, sagt Mathias Schulz, SPD-Abgeordneter im Abgeordnetenhaus. Genau dieser Perspektivwechsel sei dem unermüdlichen Engagement afro-diasporischer Organisationen zu verdanken, so der Abgeordnete aus dem Wedding.

Mit einer neuen Perspektive fällt nun der Blick auf das Königspaar Manga-Bell, das im heutigen Kamerun gegen die Vertreibung ihres Volkes durch die deutschen Kolonialherren protestierte. Ebenso wird an Cornelius Fredericks erinnert, der im heutigen Namibia gegen die deutsche Kolonialmacht kämpfte. Ihre Geschichten sollen im kommenden Jahr zusätzliche Gedenktafeln erzählen.

»Mit den längst überfälligen Straßenumbenennungen wird sich Deutschlands größtes koloniales Flächendenkmal zu einem bedeutenden antikolonialen Lern- und Erinnerungsort entwickeln«, sagt deshalb auch Anna Yeboah vom Projekt Dekoloniale mit Blick auf das Afrikanische Viertel. Dekoloniale ist ein von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Berlin Postkolonial und dem Land getragenes Projekt, das sichtbar machen soll, wie der deutsche Kolonialismus den städtischen Raum in Berlin prägen konnte. Wenn auch nur symbolisch, sei die Umbenennung letztlich auch ein Versuch der Entschädigung für das erlebte Unrecht und die Verbrechen des deutschen Kolonialismus. »Wir werden die symbolische Entschädigung durch eine Ehrung der widerständigen Opfer des deutschen Kolonialismus weiter vorantreiben«, sagt Yeboah.

Mitte ist dabei mit dem Afrikanischen Viertel, dem Bismarck-Denkmal und vielen weiteren Orten zweifellos der Bezirk, wo die koloniale Geschichte Berlins am deutlichsten sichtbar wird. Während Aktivisten hier erfolgreich für die Umbenennung von Straßen kämpfen, ist mit dem 2021 eröffneten Humboldt-Forum ein Ort entstanden, den viele als Kolonialdenkmal wahrnehmen. Denn mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses wird ein Gebäude zurück in die Stadt geholt, das als Residenz preußischer Herrscher und Kolonialverbrecher diente. Darüber hinaus stammen viele dort ausgestellte Objekte aus ehemaligen Kolonien und sind nach Auffassung von Aktivisten und Kunsthistorikern unrechtmäßig in deutschen Besitz gelangt.

2019 hat das Berliner Abgeordnetenhaus die Erarbeitung eines gesamtstädtischen Konzepts zur Aufarbeitung des Kolonialismus in Auftrag gegeben. Aus der Zivilgesellschaft kamen Vorschläge, an der Umsetzung wird derzeit gearbeitet. Erst kürzlich erklärte die Staatssekräterin für Vielfalt und Antidiskriminierung Saraya Gomis auf einer Konferenz europäischer Städte, dass die Umbenennung von Straßen und Rückgabe von einst geraubten Kulturgütern nur der Beginn der Aufarbeitung sei. Angesichts der zentralen Rolle Berlins als Kolonialmetropole wolle man den Blick auch darauf lenken, welche Spuren der Kolonialismus in der Politik hinterlassen habe, beispielsweise bei der Kriminalisierung von Migration oderder wirtschaftlichen Ausbeutung ehemaliger Kolonien. »Wir stehen bei der Aufarbeitung der europäischen Kolonialgeschichte erst am Anfang«, so Gomis.

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