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Wo das Kaiserreich noch steht

Bezirksserie zur Berliner Wahl Teil 4: In Mitte geht es auch um die Frage, wie die Stadt mit ihrer Historie umgehen will

  • Von Yannic Walther
  • Lesedauer: 6 Min.

Wenn über Berlin-Mitte gesprochen wird, denkt man zuerst an den Alexanderplatz mit dem Fernsehturm oder das Brandenburger Tor - die Wahrzeichen. Doch über diese hinaus ist im gesamten Bezirk Repräsentation und Symbolik ein Thema. Angefangen im Tiergarten beim Bismarck-Denkmal über das an diesem Dienstag eröffnete Humboldt-Forum in der historischen Mitte Berlins bis zu den Straßennamen des Afrikanischen Viertels im Ortsteil Wedding: Zahlreiche Orte hier stehen im Fokus postkolonialer Kritik. Denn Mitte ist zweifelsohne der Bezirk, in dem die koloniale Geschichte der Hauptstadt am auffälligsten und - im wahrsten Sinne des Wortes - zum Greifen nah ist.

Zugleich ist die 2001 aus dem namensgebenden Ostbezirk und den zwei extrem unterschiedlichen Westbezirken Tiergarten und Wedding zusammengezimmerte Verwaltungseinheit aber auch ein Terrain, in dem Aktivisten die Selbstverständlichkeit, mit der Straßen die Namen von Kolonialisatoren tragen, erfolgreich infrage gestellt haben. Und damit durchaus auf Unmut gestoßen sind.

Über 1000 Widersprüche waren zuletzt beim Bezirksamt Mitte unter Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) gegen die Umbenennung der Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße eingegangen. Aus einer diskriminierenden Bezeichnung soll eine Würdigung des ersten schwarzen Philosophen Deutschlands werden - so hatte es das Bezirksamt im Mai entschieden und zum 1. Oktober die Umbenennung der Mohrenstraße verfügt, die kritische Aktivisten als »M*straße« bezeichnen. Vorangegangen war ein Beschluss der von Grünen, SPD und Linkspartei dominierten Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Ebenso ist die Umbenennung von Lüderitzstraße, Petersallee und Nachtigalplatz in Wedding seit 2018 beschlossene Sache. Auch hier wird gestritten.

Einer, der schon lange für die Umbenennung der Straßen kämpft, ist der Historiker und Aktivist Christian Kopp, Gründungsmitglied der 2007 entstandenen Initiative Berlin Postkolonial. »Ein Ziel bei der Gründung war, zu zeigen, dass der Kolonialismus nicht nur transnational, sondern auch lokal in Berlin aufgearbeitet werden muss«, sagt Kopp. Vor 14 Jahren hätte es daran kaum Interesse gegeben, weder in der Stadtgesellschaft noch in der Politik. Auch wenn sich mittlerweile etwas getan habe, würde es noch viel Nachholbedarf geben, meint der Historiker. »In Afrika ist die deutsche Hauptstadt durch die Berliner Afrika-Konferenz eine Chiffre für den Kolonialismus.« So würden in afrikanischen Ländern bereits Grundschüler lernen, wie die Kolonialmächte 1884 bis 1885 auf Einladung von Reichskanzler Otto von Bismarck in Berlin den Kontinent unter sich aufgeteilt hatten. Am Ort der Konferenz selbst hätten heute dagegen nur wenige überhaupt etwas von dieser gehört.

Auch Anab Awale kennt dieses Nichtwissen gut, das mitunter in Relativierungen umschlägt. Die Deutschen wären die Guten, nur kurz »da gewesen«, man solle lieber nach England schauen, heiße es nicht selten. »Dekolonialisierung fängt nicht bei Straßennamen an und endet dann im öffentlichen Raum, sondern betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche«, sagt Awale auch mit Blick auf die Rahmenlehrpläne der Schulen. Awale will am 26. September in die BVV Mitte einziehen. Die SPD hat sie für die Wahl auf Listenplatz zwei gesetzt, ihr Sitz im Bezirksparlament ist ihr also fast sicher - und damit auch die Fortsetzung der Aufarbeitung von Berlins Rolle im Kolonialismus. Als Co-Leiterin des Vereins Decolonize Berlin beschäftigt sich die 37-jährige Sozialwissenschaftlerin aus dem Ortsteil Moabit genau damit. Der Verein ist ein Zusammenschluss verschiedener postkolonialer Initiativen, zudem eine Koordinierungsstelle, die einen Dialogprozess zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft anleiten soll. Letzteres geht auf einen Beschluss des Abgeordnetenhauses von 2019 zurück, mit dem die Erarbeitung eines gesamtstädtischen Konzepts zur Aufarbeitung des Kolonialismus in Auftrag gegeben wurde.

»Dekoloniale Erinnerungskultur« ist auch eines der ersten Schlagworte, das sich auf einem Wahlkampfflyer von Awale findet. Auch in ihrer eigenen Partei dürfte das kein selbstverständliches Ziel sein. Erst Anfang dieses Jahres stieß Wolfgang Thierse eine Debatte über eine angebliche »Cancel Culture« an. »Ich finde schon, die Reinigung von Geschichte passt nicht zu Demokratie und Diskurs«, war einer der Sätze des ehemaligen SPD-Bundestagspräsidenten im Interview mit dem Deutschlandfunk, der sowohl Zustimmung als auch erheblichen Widerspruch hervorrief. »Beiträge wie die von Thierse bringen uns nicht voran«, sagt Awale.

Die Umbenennung von Straßen oder Plätzen ist für sie keine Reinigung, sondern gerade das Sichtbarmachen einer Gegengeschichte. So soll beispielsweise die Lüderitzstraße im Afrikanischen Viertel nicht mehr den Namen eines Kolonialherren des 1884 vom Kaiserreich in Besitz genommenen Deutsch-Südwestafrika tragen - eben Adolf Lüderitz -, sondern nach Cornelius Fredericks benannt werden und somit an einen der Widerstandskämpfer gegen das damalige deutsche Kolonialregime erinnern. Awale sagt, dass der Einsatz für Dekolonialisierung nicht als partikularistisches Anliegen einer kleinen Minderheit gesehen werden darf. Sie ist überzeugt, verschiedene Kämpfe zu verbinden - ob gegen Rassismus, für die Rechte sexueller Minderheiten oder mehr Geld auf dem Lohnzettel -, sei Aufgabe progressiver Politik. Doch damit tut sich Awale zufolge nicht nur die SPD schwer. »Ich verstehe auch Sahra Wagenknecht nicht, wenn sie Kämpfe gesellschaftlicher Minderheiten der Klassenpolitik gegenüberstellt«, sagt Awale mit Blick auf die ehemalige Spitzenpolitikerin der Linkspartei, die zuletzt mit ihrem Buch »Die Selbstgerechten« massiv für Irritation sorgte. »Die Gastarbeiter in den 1970er Jahren waren Migranten, die genauso in den Betrieben standen und in den Gewerkschaften aktiv waren. Das wird viel zu oft vergessen.«

Das Vergessen von Geschichte ist auch eine der Assoziationen, die Awale bei dem wiederaufgebauten Berliner Schloss auf der Museumsinsel in den Sinn kommt: »Was die Zeit des Kaiserreichs für die Menschen in den deutschen Kolonien bedeutet hat, bleibt dort unsichtbar.« Awale sagt: »Es gibt nicht wenige, die gar nicht mehr dort vorbeigehen können, weil es für sie schwer ertragbar ist, dass das Kaiserreich an diesem Ort hochlebt.«

Auch Christian Kopp von Berlin Postkolonial sieht im Humboldt-Forum mit seiner Sammlung von geraubten Benin-Bronzen und der historisierenden Architektur einen »Brückenschlag vom Heute zurück ins Kaiserreich«, der dabei »zwei selbst verursachte Weltkriege überspringt«.

Gesellschaftssysteme schreiben immer auch Architekturgeschichte. Die DDR sprengte 1950 das Schloss der preußischen Könige und setzte mit dem Palast der Republik ein Gebäude für die Volkskammer, aber auch und vor allem für Kulturveranstaltungen an die gleiche Stelle. Im wiedervereinigten Deutschland musste dann auch dieses Gebäude weichen. An der Abrissstelle prangte damals ein Graffiti mit den Worten »Die DDR hat’s nie gegeben«. Denn genauso wie die Geschichte der Kolonisierten sucht man auch die komplexe und widersprüchliche Historie des anderen deutschen Staates dort heute vergebens. »Nach dem Abriss des Palasts der Republik war an der Stelle zeitweise eine Wiese. Solch ein öffentlicher Begegnungsraum wäre allemal besser gewesen als das Humboldt-Forum«, sagt Kopp.

Anab Awale will vor allem in die Zukunft schauen. Denn das Humboldt-Forum werfe wie auch der von Klimaschützern kritisierte Weiterbau der A 100 nach Treptow und womöglich sogar darüber hinaus eine entscheidende politische Frage auf: »Wie geht man bei der Planung von Großprojekten damit um, dass die Gesellschaft diese vielleicht in 20 Jahren gar nicht mehr haben möchte?«

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