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  • »Ekkehard Ehlers Plays«

Musik, die nachklingt

Die LP der Woche: »Ekkehard Ehlers Plays«

  • Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Ekkehard Ehlers brachte 2002 sein Album »Plays« heraus – es bündelt eine Reihe von Singles mit Tracks, die von der Kunst anderer Leute handeln sollen. Ekkehard Ehlers spielt andere Künstler, nämlich Albert Ayler, Robert Johnson, John Cassavetes, Hubert Fichte und Cornelius Cardew. Also Bildermacher, Schriftsteller und Musikmenschen, die verbindet, dass sie jung oder sehr jung verstorben sind. Unter ungeklärten Umständen (der Blues-Gitarrist Robert Johnson soll von einem eifersüchtigen Ehemann vergiftet worden sein, aber Genaues weiß man nicht; Albert Ayler ist ertrunken und hat vermutlich Selbstmord begangen), durch einen Autounfall (Cornelius Cardew), an Aids (Hubert Fichte) oder Leberzirrhose (John Cassavetes).

Vielleicht blöd, einen Text über diese am Ende sehr rätselhaften Stücke mit so einem einfachen Deutungsangebot zu beginnen – »Plays« als Totenmusik. Zumal diese Musik anscheinend alle Bezüge und Interpretationen bewusst offenhalten will: kein Remix, keine Hommage, sondern eine freie Interpretation der Kunst anderer Leute mit dem Laptop.

»Plays« ist jetzt wiederveröffentlicht worden, zum ersten Mal auf Vinyl. Das Album klingt, als sei es irgendwie nicht gealtert, vielleicht gerade weil Ehlers keine überdeutlichen Versatzstücke wie Sprachsamples oder Zitate aus der Musik, den Texten oder den Filmen der hier gespielten Künstler verwendet. Sondern sie aus den Biografien und den Werken heraus entwickelt. So stelle ich mir das zumindest vor.

Wie genau er es gemacht hat, weiß man nicht, ich dachte zum Beispiel lange, dass die beiden John-Cassavetes-Stücke die Musik zu Hubert Fichte wären, einfach, weil das in meinen Ohren eher nach Fichte als nach Cassavetes klang. Was immer das in diesem Zusammenhang heißt: »klingt nach …«.

Die Stücke auf »Plays« klingen jedenfalls nach. Auch 20 Jahre später war das alles wieder sofort präsent, obwohl ich das Album zwischenzeitlich vergessen hatte: die improvisiert wirkende freie Laptop-Kammermusik in »Albert Ayler 1« und »Albert Ayler 2«, die alle Melancholie-Ressourcen anzapfenden Streicher-Loops in »John Cassavetes 1« und »John Cassavetes 2«, die introvertierte Incredibly-Strange-Electronica in »Hubert Fichte 1« und »Hubert Fichte 2« und die dann doch vergleichsweise unmittelbar, wenn auch eher mit so Sound-Partikeln auf die Blues-Gitarre verweisenden »Robert Johnson 1« und »Robert Johnson 2« (beim letzten Stück im Minimal-Techno-Modus).

Die Musik auf »Plays« ist bestimmt von der Spannung zwischen ozeanischen Strukturen (oder besser einem ozeanischen, strukturlosen Fließen) und hoher Konzentriertheit. Auf der Ebene funktioniert das Album auch ohne jedes Kontextwissen, als unheimlich reicher, vielschichtiger, kompliziert gebauter und trotzdem traumartiger Ambient.

Von der Wahrnehmung aber, dass diese Musik von einem Gefühl des Verlusts bestimmt ist, komme ich nicht weg. Sie klingt, als wolle sie Hörerin und Hörer etwas über einige intensiv, aber nicht zu Ende gelebte Leben mitteilen, ohne dass es hier etwas mitzuteilen gäbe, das in versprachlichter Form der Sache irgendwie angemessen formulierbar wäre. Man kann es aber – was immer es ist – zum Klingen bringen, als assoziationsoffenen Resonanzraum.

Ekkehard Ehlers: »Plays« (Keplar)

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