Chinas Verliererstrategie?

Jeja nervt: Die Fadenscheinigkeit der Kritik an Chinas Corona-Politik

  • Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.
Null-Covid: In China werden einzelne Viertel streng überwacht, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern.
Null-Covid: In China werden einzelne Viertel streng überwacht, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Die jüngste Protestwelle in China gegen die dortigen Corona-Maßnahmen ist in deutschen Medien mit großem Interesse verfolgt worden. Obschon sich nur wenige Menschen beteiligten, kann vielleicht zu Recht von einer Sympathie innerhalb der chinesischen Bevölkerung ausgegangen werden. Dasselbe lässt sich von der Gefährlichkeit der Proteste für ein Regime annehmen, das ansonsten nach innen und außen die Botschaft vermittelt, völlige Kontrolle auszuüben. Doch unabhängig davon drücken sich in den Berichten über die Maßnahmen eher hiesige Bedürfnisse aus, weniger ein adäquates Abbild des chinesischen Autoritarismus.

Das Land sei »mit einer Verliererstrategie all-in gegangen«, schlagzeilte am Montag etwa der »Spiegel«. »Die Menschen in China« lehnten sich demnach gegen die Null-Covid-Strategie auf. In einer ersten Version des Textes wurde gar behauptet: »Seit fast drei Jahren leben die Menschen in China beinahe im Dauerlockdown«. Inzwischen ist an derselben Stelle nur noch von einem »Ausnahmezustand« die Rede – ohne Hinweis auf die nachträgliche Änderung. Doch leben nicht auch wir seit Jahren in einem Ausnahmezustand? Und woher kommt das gefühlte Bild, in dem mit 1,4 Milliarden Chines*innen ein Sechstel der Welt seit 2020 quasi eine Haftstrafe absitzt?

Es gab Zeiten, in denen mit Erstaunen darüber berichtet wurde, wie sorglos in chinesischen Clubs gefeiert wurde, während hierzulande nicht nur Tanzlokale geschlossen waren. Das lag daran, dass eine Ansteckung für die meisten Chines*innen über weite Strecken mehr oder weniger ausgeschlossen war. Gehen jetzt Millionenstädte wochenlang in den Lockdown, ist die absolute Zahl von Menschen, die ihre Freiheiten einbüßen, auf einen Schlag hoch. Doch dass die Maßnahmen, die mit dystopischen Straßenszenen einhergehen, nicht nur für die Unfreiheit einiger Millionen, sondern eben gleichzeitig für die Aufrechterhaltung der bescheidenen Freiheit einer Milliarde stehen, geht in den in westlichen Medien gezeigten Videoclips schnell unter.

Hier sollen kurze Sequenzen etwa von Kleinkindern gewaltsam in die Nase gesteckten Teststäbchen einen beispielhaften Einblick in die ganze Brutalität der chinesischen Unterdrückung liefern. Doch wer Videoschnipsel von gesichtslosen Männchen in Weiß für eine gute Repräsentation des Lebens von 1,4 Milliarden Menschen hält, möge auch die Aussagekraft vollkommen ohne Einschränkung der Pressefreiheit entstandener Dokumentarfilme über die Arbeit auf hiesigen Intensivstationen berücksichtigen, die sich bloß keiner ansieht. Oder etwa das brutale Vorgehen der Polizei gegen die G20-Proteste ins Verhältnis zu Clips setzen, auf denen chinesische Beamte Menschen schlagen und treten.

Hinter an China gerichtete Zurufe, das Virus werde nicht wieder gehen, lässt es sich leicht versammeln. Und wer wollte auch den Wunsch regimekritischer Chines*innen nach Freiheit mal eben zurückweisen? Doch rechnet man nur die in Deutschland bisher unmittelbar an Covid verstorbenen Menschen auf die Bevölkerung des Riesenlandes um, läuft die Forderung auf nicht weniger als 2,8 Millionen Tote hinaus. Unterschiede in der Altersstruktur der chinesischen Gesellschaft oder bei den Kapazitäten des Gesundheitssystems sind da nicht mal mit eingerechnet. Und auch nicht, dass Deutschland innerhalb der westlichen Länder zu denjenigen Staaten gehört, deren Einschränkungen individueller Freiheiten als vergleichsweise drastisch gelten. Deshalb aber dürfen Zehntausende leben, die ansonsten heute tot wären.

In Zeiten, in denen China gerade keine Lockdowns durchsetzt, wird dem Land übrigens am liebsten die vermeintlich schlechte Wirtschaftsperformance vorgehalten – nur um dann überrascht festzustellen, dass sich das Wachstum mal wieder von chinesischen Lockdowns, aber kaum von hiesiger Laissez-faire erholt. Es ist ein weiterer Hinweis darauf, dass das, was an Chinas Coronapolitik so leidenschaftlich gehasst wird, vor allem der Fakt ist, dass es eine Alternative zum einsamen kapitalistischen Arbeiten und Sterben gibt. Wenn auch keine gute.

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