Schatztruhe im Meer

Über die Auswirkungen eines Ressourcenabbaus in der Tiefsee auf die Biodiversität wird weiter gestritten

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Der größte Teil unseres Planeten ist mit Wasser bedeckt, an tiefen Stellen sind die Ozeane mehr als 10.000 Meter tief. Hier locken Schätze wie Kobalt, Lithium und Seltene Erden. Rohstoffe also, die für Energiewende, Klimaschutz und Wohlstand dringend benötigt werden. Das Meer weckt daher Begehrlichkeiten in Politik und Wirtschaft. Kritiker befürchten, dass eine völlig neue Rohstoffindustrie entsteht – auf Kosten von bislang unberührten Ökosystemen und der Artenvielfalt. Die Auswirkungen eines Ressourcenabbaus in der Tiefsee sind daher auch auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Kanada ein Thema.

Meere liefern Sauerstoff und Nahrung. Basis hierfür ist die Bildung pflanzlicher Biomasse, das Phytoplankton, welches wiederum die Lebensgrundlage für Krebse, Fische und letztlich die Menschen darstellt. Gleichzeitig regulieren die Meere das Wetter und bremsen als Kohlenstoffsenke die Erwärmung der Erde. Die Zukunft der Menschheit ist somit unmittelbar mit dem Schicksal der Ozeane und der marinen Biodiversität verknüpft.

Doch seit Beginn der Industrialisierung hat die biologische Vielfalt im Meer abgenommen. Wie hoch dieser Verlust ist, bleibt umstritten, denn die Wissenschaft kennt nur einen Bruchteil der Arten in Tiefsee und Polarmeeren. »Der Artenverlust im Meer kann noch weniger als der an Land erfasst und bewertet werden«, heißt es im »World Ocean Report« der Initiative Maribus aus Hamburg. Immerhin haben im vergangenen Jahr Forscher der Universität Köln die »enorme Artenvielfalt« in der Tiefsee nachgewiesen.

Ein Konflikt mit dem Abbau der großen Vorkommen an Erzen ist programmiert. Prognostiziert wird bis 2050 ein stark steigender Bedarf an diesen Metallen, der durch herkömmlichen Bergbau an Land nicht ausreichend gedeckt werden kann. Über den Umgang mit diesen Meeresschätzen wird seit langem in der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) auf Jamaika gestritten. Trotz Drucks von Bergbaukonzernen wurden bislang ausschließlich Forschungsprojekte genehmigt.

Weltweit hat die ISA 31 Lizenzen zur Erkundung von Manganknollen, Massivsulfiden und kobaltreichen Krusten im »Gebiet« vergeben, also außerhalb der 200-Seemeilen-Zone von Staaten. Deutschland nutzt über die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zwei Explorationsverträge im Pazifik und im Indischen Ozean. Gleichzeitig entwickelt die ISA, um die Meeresumwelt vor schwerwiegenden Schäden zu bewahren, ein internationales Regelwerk: Den »Mining Code« will die ISA bis Juli 2023 erstellt haben.

Daher nimmt der Druck der Lobbyisten auf Politiker und Regierungen weiter zu. Auf der einen Seite stehen Umweltverbände, die Mehrheit der Wissenschaftler, die sich mit mariner Biodiversität beschäftigten, und auch einige Unternehmen. Auf der anderen Seite stehen große Teile der Wirtschaft. Vor diesem Hintergrund wurde in Fachkreisen interessiert bis besorgt zur Kenntnis genommen, dass die 2014 gegründete Deepsea Mining Alliance (DSMA) dem deutschen Schiffbauverband VSM beitrat und ihr Büro in dessen Zentrale in Hamburg verlegte. »Der Meeresbergbau tritt jetzt in eine wichtige Phase ein, in der aus ausgereiften Konzepten ein echtes Geschäft wird«, lässt sich DSMA-Präsident Leo Weixler zitieren. Zukünftig werde man nun die Büros des Schiffbauverbandes in Berlin und Brüssel nutzen.

Rückenwind erhält die Tiefseeallianz vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Sie verweist auf die große Abhängigkeit von China bei vielen mineralischen Rohstoffen. »Die neue geopolitische Lage erfordert ein Umdenken in der Rohstoffpolitik«, so der BDI. Umweltverbände wie der WWF hoffen dagegen, dass durch neue Technologien, Kreislaufwirtschaftsmodelle und Recycling zukünftige Engpässe vermieden werden können.

Die Probe aufs Exempel unternimmt gerade das Forschungsschiff »Sonne« in der Clarion-Clipperton-Zone zwischen Mexiko und Hawaii. Mit Tauchrobotern werden die Auswirkungen eines industriellen Abbautests untersucht, bei dem im Frühjahr 2021 ein Kollektor des belgischen Unternehmens Global Sea Mineral Resources NV auf mehreren Zehntausend Quadratmetern die obere Schicht des Meeresbodens mit den Manganknollen abgetragen wurde. »Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass hierbei mit den Knollen die belebte Zone des Meeresbodens komplett entfernt wurde«, erläutert Projektkoordinator Matthias Haeckel, Biogeochemiker am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. In der Wassertiefe, in der Manganknollen vorkommen, baut sich diese Schicht durch das Absinken von abgestorbenem Plankton erst über 10.000 bis 20.000 Jahre wieder auf. Zudem werde der abgetragene Meeresboden als Sedimentwolke auch außerhalb der Abbauflächen abgelagert. »Die Auswirkungen sind langfristig – es wird Jahrhunderte dauern, bis sich die Ökosysteme in diesen Gebieten wieder erholt haben.«

Während der jüngsten Verhandlungsrunde der ISA auf Jamaika hat die Bundesregierung erstmals eine vorsorgliche Ruhezeit für den Tiefseebergbau angekündigt. Man werde »bis auf Weiteres« keine Anträge auf kommerziellen Abbau unterstützen. Befürworter hoffen, dass eine befristete Pausenregelung auch in den »Mining Code« der Meeresbodenbehörde aufgenommen wird.

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