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Fahrräder als Hoffnungsträger

Pikala steht in Marrakesch für einen Aufbruch. Das Projekt fördert das Radfahren und solidarisches Arbeiten

  • Ramon Schack, Marrakesch
  • Lesedauer: 7 Min.
Fahrradmechanikerausbildung bei Pikala-Bikes
Fahrradmechanikerausbildung bei Pikala-Bikes

Es herrscht Hochbetrieb in dem Haus, das wie eine Mischung aus Atelier und Garage wirkt. »Pikala« steht in grünen Buchstaben am Eingangstor. Pikala bedeutet »Fahrrad« auf Darija – wie sich das marokkanische Umgangsarabisch nennt – und ist in diesem Fall der Name einer Initiative, die einige Jahre zuvor als Engagement von Cantal Bakker begann.

Die junge Niederländerin kam erstmals 2014 als Urlauberin nach Marrakesch und hat sich dabei wie so viele andere Besucher in diese Stadt verliebt. So sehr, dass sie bleiben wollte. Ihr Kunststudium in der Heimat brach die damals 24-Jährige ab und kehrte im Januar 2016 mit einem Plan in die nordafrikanische Metropole zurück: Sie wollte dazu beitragen, dass Fahrräder in den Straßen von Marrakesch als Verkehrsmittel akzeptiert werden. Ein an sich schon gewagtes Unterfangen, denn nicht motorisierte Zweiräder galten bis vor Kurzem noch als Verkehrsmittel der Armen oder als Marotte lebensmüder Touristen aus dem Westen, die sich damit in den Verkehr der marokkanischen Großstädte wagten.

Der Niederländerin ging es aber auch darum, Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen und der Umweltverschmutzung entgegenzuwirken, wie sie in einem Info-Clip auf der Website des Unternehmens erklärt. Es ist daher auch als gemeinnützige Organisation registriert.

»Cantal ist auf einem Termin«, erklärt Issam Facil, der sich bei Pikala um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. »Wir beschäftigen 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier, überwiegend junge Menschen beiderlei Geschlechts, was leider immer noch eine Ausnahme ist. Unternehmen, die Arbeitsplätze für junge Männer als auch für Frauen schaffen, werden dringend benötigt«, erläutert er.

»Eigentlich«, fährt Issam fort, »betrachten wir uns als Initiative und weniger als ein klassisches Unternehmen, wobei wir uns natürlich auch unternehmerischer Elemente bedienen.« Die jungen Leute werden bei Pikala als Trainer, Mechaniker, Lebensmittellieferanten, in der Buchhaltung und Verwaltung oder als Tour Guides ausgebildet. Nicht selten bekämen sie anschließend bei anderen Unternehmen eine Stelle, erzählt Issam. »Während der Pandemie dienten unsere Pikala-Räder auch dazu, Medizin und Schutzmasken an Haushalte zu verteilen. Wir sind oft ein Bindeglied auf dem Arbeitsmarkt.«

Marokko befindet sich in der Phase eines demografischen Übergangs. Die Geburtenrate ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, aber der Anteil der jungen Menschen an der Gesamtbevölkerung ist noch immer hoch. Sie hat sich in Staaten wie Tunesien, Marokko, dem Libanon und der Türkei mittlerweile aber dem europäischen Durchschnitt angenähert.

Teufelskreis Arbeitslosigkeit

Trotz anhaltenden Wirtschaftswachstums ist es in dem Königreich aber bisher nicht gelungen, den langanhaltenden Teufelskreis der Jugendarbeitslosigkeit zu durchbrechen. In der Vergangenheit führte diese zu einer Fluchtbewegung – in die Städte, aber auch ins Ausland. Seit den 1960er Jahren entwickelte sich Marokko zu einer der Hauptherkunftsländer von Einwanderern in Europa. Die jungen Leute zog es vor allem nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande, später auch nach Italien und Spanien. Inzwischen ist diese Wanderungsbewegung etwas abgeflaut, zudem ist Marokko seit den 1990er Jahren selbst Ziel großer Zuwanderung aus afrikanischen Staaten südlich der Sahara geworden.

Die Coronakrise hat die ohnehin großen Arbeitsmarktprobleme noch verstärkt, insbesondere bei jungen Menschen und Frauen. Seit 2020 stieg die Jugendarbeitslosenquote auf 31,2 Prozent, was auch mit dem pandemiebedingten Zusammenbruch des Tourismus zusammenhing. Dazu muss man noch eine hohe Quote Unterbeschäftigter sowie informell und prekär Arbeitender in den ländlichen Gebieten zählen, die nicht von der Statistik erfasst werden. Dieses Problem trifft vor allem die weibliche Bevölkerung.

Das Königshaus kündigte in den bereits mehrfach Maßnahmen an bzw. forderte sie. König Mohamed VI. ließ, wohl auch aus Angst vor Revolten und Umstürzen in den Nachbarstaaten, verlautbaren, dass die Arbeitsmöglichkeiten für junge Menschen dringend verbessert werden müssten. »Wir dürfen nicht akzeptieren, dass unser Bildungssystem wie eine Maschine funktioniert, die Legionen von Arbeitslosen produziert.« Vor allem in einigen Universitätsbereichen haben die Absolventen enorme Probleme, Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden.

Der Wirtschaftswissenschaftler Najib Akesbi moniert indes, dass in Marokko grundlegende Fehlentscheidungen getroffen werden. Prestige- und Großprojekte würden immens gefördert, während in Bildung, Ausbildung, Gesundheitswesen und Basis-Infrastruktur zu wenig investiert werde.

Nur langsam findet ein Umdenken statt. Immerhin ist inzwischen die Förderung der Beschäftigung eines der Hauptanliegen der marokkanischen Regierung geworden und wird als entscheidend für die Entwicklung des Landes betrachtet.

Als Cantal Bakker den zuständigen Behörden in Marrakesch ihr Projekt vorstellte, gelang es ihr nach einer Weile, den Bürgermeister zu überzeugen, der Initiative eine ehemalige Müllsortierungsanlage am Rande der Altstadt Medina zur Verfügung zu stellen. Heute befindet sich dort das Picala-Quartier.

»Wir versuchen, die Mängel auf dem Arbeitsmarkt mit unserer eigenen Strategie zu lösen«, sagt Issam, während er Tee serviert. »Die Berufsausbildung ist bei uns ein wirkliches Problem. Wir werden nach veralteten Programmen und Lehrplänen unterrichtet. Wenn man dann den Abschluss erreicht hat und in den Beruf einsteigen möchte, sieht man: Wir haben nicht das gelernt, was heute verlangt wird.« Er erzählt von Verwandten, die tolle Berufsausbildungen hätten, fleißig und ehrgeizig seien, aber leider nur veralteten Stoff beigebracht bekämen.

»Eine Komponente unserer Ausbildung von Pikala ist beispielsweise der regelmäßig stattfindende Fahrradunterricht, der sich an junge Marokkanerinnen im Teenager-Alter richtet«, fährt Issam fort. »Das mag Sie in Europa erstaunen, hat sich aber als Erfolg erwiesen. Denn nirgendwo sonst können die Mädchen das lernen.« In vielen Gegenden von Marrakesch wird der öffentliche Raum als nicht geeignet für Mädchen betrachtet, weshalb es die Mittelschicht vorzieht, ihre Töchter mit dem Auto durch die Stadt zu fahren, anstatt sie alleine laufen zu lassen. Für ärmere Familien ohne Auto bedeutet dieses häufig, ihre Töchter nicht weiter zur Schule zu schicken, von einer Ausbildung gar nicht zu reden.

»Fahrräder sind so etwas wie Hoffnungsträger«, erzählt Issam. »Die Vision, mithilfe des Fahrrads Beschäftigungs- und Mobilitätsprobleme in Marrakesch lösen zu können, treibt uns an. So bilden wir die Mädchen und Jungen dann zu Fahrrad-Guides aus, flankiert vom Fremdsprachenunterricht. Oder zu Mechanikern, je nach Neigung und Bedarf.«

Eine junge Frau mit Kopftuch, T-Shirt, Jeans und Sneaker, die bei Pikala als Trainerin angestellt ist, unterhält sich mit einem Jungen, der zum Zweiradmechaniker ausgebildet wird. Das Miteinander wirkt unkompliziert. »Die beiden haben bei uns mit einem Fahrradkurs angefangen, jetzt verdienen sie hier ihr Geld«, erklärt Issam.

Inzwischen sind die ersten Touristen eingetroffen. Zwei niederländische Pärchen, die eine Radtour ohne Guide planen, fachsimpeln mit einem Angestellten über die Qualität der Bikes. Alle etwa 300 Fahrräder sind bei Pikala ebenso wie die Werkzeuge und Möbel gebraucht. Die Wiederverwertung gehört zur Philosophie des Projekts.

Recycling als Konzept

Die meisten Bikes stammen aus der Heimat von Cantal Bakker und wurden statt entsorgt zu werden per Containerschiff nach Marokko transportiert. »Wir haben in Holland mehr Fahrräder als Menschen«, hatte Bakker diesen Umstand gegenüber Lokalreportern erläutert. »Hier in Marrakesch bekommen die alten Räder nun ein zweites Leben.«

»Marrakesch ist doch wunderbar geeignet für Radtouren, so hügellos wie es hier ist. Ganz anders als bei mir zu Hause«, meint eine Schweizer Anwältin, die zweimal im Jahr in die Stadt reist. »Ich finde dieses Unternehmen ganz wunderbar, habe schon öfter Touren mitgemacht und kann dies nur jedem Besucher empfehlen. Man lernt die Stadt und ihr Umland ganz anders kennen.«

Seit dem Abflauen der Corona-Pandemie starten von dem Quartier aus wieder täglich Gruppenrundfahrten für Touristen. Als Guides fungieren einheimische Jugendliche, die von Pikala ausgebildet und zertifiziert wurden. Sie führen die radelnden Touristen an Orte, abseits der ausgetrampelten Touristenpfade und zu landschaftlich reizvollen Plätzen im Umland.

In einem kleinen Park neben der Pikala-Zentrale üben ein paar junge Frauen das Radfahren. Die Trainerin greift auch einmal energisch durch, bindet Röcke zusammen und gibt den Frauen auf dem Rad einen Schubs, wobei der Spaß aber zu überwiegen scheint.

»Ob ich das meinen Töchtern auch erlauben würde?«, wiederholt ein Mann, der sich die Trainingsstunden ansieht, die ihm gestellte Frage. »Warum nicht? Ich habe lange in Brüssel gelebt. Daher bin ich überzeugt, dass nicht nur die Umweltverträglichkeit für das Fahrrad spricht, sondern auch die Tatsache, dass dadurch der Verkehr entlastet wird. Das wäre doch eine nachhaltige Lösung.« Und er fügt lächelnd hinzu: »So nennt man das doch bei Ihnen in Europa, nicht wahr?«

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