Freiwillige bauen eine Kita

DDR-Zeitzeugenreihe dokumentiert Potsdamer Projekt der 60er Jahre

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Gerlind Jäkel (l.) und andere Freiwillige beim Steineklopfen für den Kindergarten
Gerlind Jäkel (l.) und andere Freiwillige beim Steineklopfen für den Kindergarten

1993 erstarb das Kinderlachen. Die Türen des Kindergartens an der Zeppelinstraße 163 in Potsdam wurden geschlossen. Eine ganze Zeit lang stand das Gebäude leer und erlitt Schäden durch Vandalismus. Scheiben wurden mit Steinen eingeworfen. Ein bitterer Anblick war das für alle, die in den Jahren 1962 bis 1965 auf dem Gelände eines Sägewerks beim aufwändigen Umbau eines Wirtschaftsgebäudes zum Kindergarten mitgeholfen hatten. Doch die Mühe war nun nicht ganz umsonst, denn schließlich zog eine Seniorenbegegnungsstätte der Volkssolidarität ein und die gibt es an dieser Adresse bis heute. Die neue Nutzung erkämpft hatte eine Gemeinschaft im Wohnbezirk, die sich bereits Anfang der 60er Jahre bei den Bauarbeiten bewährt hatte.

So schildert es Gerlind Jäkel in einer von ihr selbst erstellten Dokumentation mit vielen historischen Fotos und Dokumenten aus dem Archiv ihrer Familie. 53 von insgesamt 301 Seiten des Zeitzeugenbandes »DDR – lebendige Geschichte« füllt sie damit. In den Angaben zum Redaktionskollektiv ist Gerlind Jäkel noch genannt, als Herausgeber firmiert ihr Mann Horst dann jedoch allein. Denn als das Buch erschien, lebte Gerlind Jäkel schon nicht mehr. Sie starb im Januar 2022 im Alter von 83 Jahren. Wegen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie fand die Beerdigung lediglich im Familienkreis statt. Doch mehr als 100 Menschen hätten ihre Anteilnahme schriftlich bekundet, berichtet Horst Jäkel. Ein in dem Zeitzeugenband abgedruckter Nachruf bescheinigt seiner Frau »unermüdliche fleißige Arbeit und selbstlosen Einsatz für das Wohlergehen anderer Menschen«. Die Einrichtung der Kita gehört für Horst Jäkel dazu. Ohne seine Frau, die persönlich 400 Anwohner angesprochen und um Mithilfe gebeten habe, wäre das Projekt niemals zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht worden, ist er überzeugt.

Denn es waren bei dem Kindergarten keine Baufirmen am Werk, sondern Freiwillige, die ihre Wochenenden opferten und ohne Bezahlung anpackten – im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks, dem beispielsweise nach ähnlicher Verfahrensweise auch der Ostberliner Tierpark sein Bestehen verdankt. Ein Bauaktiv hatte die Organisation in die Hand genommen. Doch die darin Vertretenen – Architekt Peter Grzegorz, Jurist Richard Mand, Bauingenieur Max Nitschke, Dachdecker Herbert Werner und das Lehrerehepaar Gerlind und Horst Jäkel (Fächerkombination Biologie und Chemie, sie hatten sich beim Studium kennengelernt) – waren sich auch nicht zu schade, auf der Baustelle an der damaligen Leninallee Steine zu klopfen und Schutt wegzuräumen, wie Fotos beweisen.

Insgesamt leisteten hunderte Freiwillige mehr als 17 000 Aufbaustunden. Horst Jäkel führt mit über 2000 Stunden die Liste der Fleißigsten an und seine Frau Gerlind folgt mit fast 1500 Stunden auf Platz drei. Sicher hätten sie in ihrer Freizeit auch anderes zu tun gehabt. Aber der Kindergarten wurde nun einmal dringend gebraucht. Viele Eltern hatten sich danach gesehnt, denn in Potsdam-West, das den Zweiten Weltkrieg anders als die Innenstadt relativ unbeschadet überstanden hatte, gab es einige Einrichtungen, die anderswo fehlten und das Leben erleichterten. An Betreuungsmöglichkeiten aber mangelte es. Verständlich der Stolz aller, die mitgewirkt hatten, als Dachdecker Herbert Werner am 2. Mai 1965 bei strahlendem Sonnenschein den Schlüssel übergab. Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke (SED) kam zur Eröffnung und durchschnitt das Band. Auf dem Spielplatz turnten die Kinder am Klettergerüst.

Die Geschichte dieses Kindergartens ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, was Ostdeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR aufbauten. Es erklärt auch die Enttäuschung darüber, wenn ihre Lebensleistung nicht anerkannt, sondern schlechtgeredet und -gemacht wird. Das Buch »DDR – lebendige Geschichte« schwimmt gegen den Strom. Es ist der 15. Band einer Reihe, für die eine unabhängige Autorengemeinschaft verantwortlich zeichnet und für die schon mehr als 600 Zeitzeugen Beiträge geliefert haben, mit dabei der frühere Staatsratsvorsitzende Egon Krenz (SED), der schrieb: »Wehren wir uns auch weiterhin dagegen, unser sinnvoll gelebtes Leben in den Schmutz ziehen zu lassen.« Der erste Anlauf für eine ausbeutungsfreie Gesellschaft, die Pariser Kommune, habe nur 72 Tage überdauert. Der zweite Anlauf, die Oktoberrevolution, habe für 72 Jahre andere Verhältnisse geschaffen. »Der dritte Anlauf wird auch in Europa kommen«, zeigt sich Krenz überzeugt. »Wann und wie, das weiß heute niemand. Die Erfahrungen der DDR – die positiven wie die negativen – werden dabei auf jeden Fall von Bedeutung sein.«

Bei dem einen oder anderen Text im jüngsten Band könnte die Frage aufkommen, ob die Verhältnisse in der DDR nicht vielleicht in einem zu rosigen Licht gezeichnet werden. Zu erklären wäre das leicht aus dem Gefühl heraus, der vorherrschenden, ins glatte Gegenteil gekippten Beurteilung dieses Staates unbedingt etwas entgegenzusetzen und dabei die Mahnung zu vergessen, nicht nur aus den positiven Erfahrungen zu lernen, sondern gerade auch aus den negativen. Insgesamt ist der Band aber keineswegs frei von kritischen Betrachtungen und bemüht um eine realistische Darstellung.

So schreibt Gerlind Jäkel in der Rückschau auf den Tod von Präsident Wilhelm Pieck (SED): »Ich war durchaus nicht blind für Misslungenes, ärgerte mich über Fehlentscheidungen, unnötige Engpässe, großmäulige Losungen, denen die reale Basis fehlte, aber als optimistischer junger Mensch anerkannte ich vor allem die schwer errungenen riesigen Erfolge in der Wirtschaft.« Und über ihre Zeit als Direktorin der Polytechnischen Oberschule »Salvador Allende«, die ihr eine Freude gewesen sei, sagt sie auch das: »Wie nervten die überzogene Bürokratisierung, die oft eher abstoßende als gewinnende ideologische Überfrachtung, der Kontrollwahn vom übereifrigen Schulinspektor bis zur Abteilung Volksbildung, die Schulleiter-Entmündigungsversuche des obrigkeitshörigen Parteisekretärs, der blind Anweisungen höherer Ebenen durchdrücken wollte, die überzogene Wichtung der Wehrerziehung!« Und doch: »Ich verdanke meiner DDR erfüllte Jahre. Geschenkt hat uns Arbeitenden unser Staat nichts, aber er hat uns unendlich viel gegeben.« Es ist das Schlusswort des Buches. Auf der nächsten, der letzten Seite, folgen nur noch zwei Bilder. Sie zeigen Gerlind Jäkel mit einem Fotoapparat und die Gänseblümchen, die sie so sehr mochte.

Horst Jäkel (Hrsg.): DDR – lebendige Geschichte. Medienpunkt Potsdam, 301 S., 17,50 €.

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