Ruinöses im Detail

Gleich zwei Cottbusser Institutionen zeigen das Werk des Maler-Philosophen Dieter Zimmermann

  • Klaus Hammer
  • Lesedauer: 4 Min.
Dieter Zimmermann, »Bröckeln des Fundaments«, 2020/2022, Öl auf Acryl auf Leinwand
Dieter Zimmermann, »Bröckeln des Fundaments«, 2020/2022, Öl auf Acryl auf Leinwand

Er genießt die Freiheit eines Science-Fiction-Illustrators: Seine Figuren, Köpfe, Geistwesen, Tiere, Objekte, Szenerien, Landschaften, seine Miniaturen, Bildtafeln, wand- und sogar raumfüllenden Bildfolgen sind Phantasiegebilde. Dabei bedient er sich einer mehrschichtigen, von Absurdität und Dada-Humor lebenden Darstellungsweise und der Bühne, die für seine Figuren zur Kulisse ihres Dramas wird. Auf dieser setzt er räumlich getrennte, aber zeitgleich stattfindende Ereignisse in Szene.

Der seit 1981 im Spreewald-Dörfchen Brahmow lebende Maler und Grafiker Dieter Zimmermann, der jüngst seinen 80. Geburtstag begangen hat, ist kein Verkünder von Weisheiten, sondern eher von Zweifeln, die an den Scheingewissheiten unseres Tuns und Denkens nagen. Kausalketten knüpft er mühelos zu Endlosschleifen, Ordnungssysteme wandeln sich unter seiner Hand zu Irrgärten. Aus der Lausitzer Landschaft, aus den eindringlichen Horizontalen und Vertikalen der Spreewald-Landschaft hat er seine Bildwelt entwickelt. Ihre kalligraphischen Linien waren bald einer gleichmäßigen Aufteilung des Raumes in Miniaturquadrate gewichen. Wie im Kubismus ist die Oberfläche bei Zimmermann zwar eine Komposition aus Gegenständen, vor allem aber eine Fläche von miteinander verbundenen Kraftströmen, die sehr subtil abgewandelt sind, hier dicht und pulsierend, dort wie zu einem Raster zusammengefasst.

Der Künstler hat seine Phantasieschauspiele zweimal erlebt: einmal im täglichen Alltag, in seiner Lausitzer Umwelt, in den Medien, in Film und Fernsehen. Und dann hat er sie sich mit seiner ungeheuren Imaginationskraft vorgestellt, in der zwingenden traumartigen Eigenschaft seiner Bildergeschichten – Wimmelbilder, Bilderpuzzle, Bilderrätsel, Bilder in Bildern kann man sie auch nennen. Sie stehen plötzlich vor uns, unvermittelt und nicht ohne Doppel- und Vieldeutigkeit. Einige Motive tauchen immer wieder auf, aber es hat schon eine Metamorphose stattgefunden. Es ist diese Mutationsfähigkeit des Lebens, die unbezähmbare, laichartige Vermehrung – alles kann unter dem Druck einer drängenden animalischen Vitalität eine andere Form annehmen –, die ihm die Surrealisten nahebrachten. Zimmermann hat sein menschliches und tierisches Bestiarium voll im Griff. Unterschiedliche und räumlich entfernte Dinge vermag er so miteinander zu verknüpfen, dass sie sich in den neuen visuellen Bezügen gegenseitig aufheben.

Wir erleben detailfreudige Inszenierungen und weiträumige Kameraperspektiven. Einzelszenen sind stockartig neben-, über- und ineinander aufgebaut oder rotieren in Kreisen und Ellipsen. Die Wege und Stege erweisen sich als schwankend und in die Irre führend; Risse, Bruchlinien, Unterhöhlungen der Festigkeit der Materie zeigen sich an vielen Gegenständen. Das Ruinöse steckt bereits im Detail. Zimmermann zeichnet Architekturen wie Potemkinsche Dorffassaden, lässt dann wieder durch prismatische Brechungen die Leere wirken.

Bilder haben heute nur noch eine Chance, in unserer Erinnerung haften zu bleiben, wenn sie zeichenhaft sind: einfach, klar und wiederholbar. Wenn Zimmermann in Serien malt, dann hatten das auch schon frühere Künstler, etwa Claude Monet, getan. Aber als Monet seine Heuhaufen und Seerosen malte, sollte die ständige, wiederholende Variation eines Motivs aufzeigen, wie das Auge winzige Unterschiede aufdecken kann und wie diese Unterschiede sich zu einer ständig veränderten Wirklichkeit summieren. Diese Bilder handelten vom Unterscheidungsvermögen mitten in der Fülle. Heute haben wir Gleichheit im Überfluss, und das ist Zimmermanns Thema. Seine Arbeiten deuten auf eine durchlässige Welt hin, eine Welt voller Dinge, die ständig eine Bedeutung ablegen und eine neue annehmen. Bei diesem Künstler hat es die Dingwelt irgendwie geschafft, sich gegen ihre Besitzer zu erheben.

Der Blick des Betrachters geht nach oben und nach unten und gleichzeitig nach vorn. Aber wo ist vorn? Eine solche Vorstellung, die nicht mehr auf den ruhenden Fluchtpunkt bezogen ist, sondern die dem Geschehen innewohnende Bewegung ausdrücken will, soll mit Hilfe hieroglyphenartiger Kürzel erreicht werden. Der Gegenstand wird fragmentarisch aufgespalten, mehrmals gezeigt, und zwar im Rhythmus des zu suggerierenden Bewegungsablaufes verschoben.

Das erinnert an die frühen Versuche in der Fotografie, Bewegungsabläufe festzuhalten, wobei sich das Motiv ruckartig verschiebt und dabei seine Stellung verändert – in der Auffassung von Simultaneität, in der Einbindung des Gegenständlichen in übergeordnete Bewegungszusammenhänge, der facettierenden Aufschlüsselung der Bildfläche, um sie mit Lichtwerten auszustatten, durch welche die Welt überhaupt erst sichtbar gemacht werden kann.

Das sind seine Bilder eben auch: Spukinszenierungen, Protokolle einer möglichen Wirklichkeit, ungemütliche Stillleben, stille Katastrophen, strahlende Apokalypsen. Eine bildgewordene Dramatik zwischen materieller und psychischer Realität.

»Dieter Zimmermann – Vom Ausschwärmen der Bilder«, bis zum 25. Februar, Kunsthalle Lausitz (ehemals Alte Segeltuchfabrik) und Galerie MA/RIE/MIX 23, Cottbus

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