Das Wagnis freier Musik

Ist es Jazz? Ist es Impro? Ist es Avantgarde? Ein atemberaubendes Album von Stefanovich, Dell, Lillinger, Westergaard

  • Berthold Seliger
  • Lesedauer: 4 Min.
»Trotz hoher Grundaktivität ist zu jedem Zeitpunkt die Kommunikation zwischen den vier Quartettmitgliedern erkennbar.«
»Trotz hoher Grundaktivität ist zu jedem Zeitpunkt die Kommunikation zwischen den vier Quartettmitgliedern erkennbar.«

Christopher Dell haucht auf dem Vibrafon einige Töne in den Raum, die der Schlagzeuger und Percussionist Christian Lillinger feinfühlig ergänzt, und Jonas Westergaard tupft vorsichtig auf dem Kontrabass – das ist ein eingespieltes Trio, eines der besten nicht nur des deutschen Jazz. Mit dem Stück »Beograd I« beginnt es raffiniert und sensibel sein neues Album. Und mit einer Überraschung: Die Pianistin Tamara Stefanovich ist neu hier und fügt sich in die angedeutete Klangkulisse vorsichtig und suchend ein. Klangfetzen schweben, geerdet häufig durch das Vibrafon, immer neue kurze Motive werden von einem Instrument gleichsam vorgeschlagen und von den anderen beantwortet, wobei das impulsgebende Instrument kontinuierlich wechselt. Eine raffinierte Konstruktion, die gleichzeitig ihre eigene Dekonstruktion ist.

Im zweiten Stück dann das Gegenteil der impressionistischen Gelassenheit: In »Montbrison« herrscht zunächst etliche Minuten lang große Aufregung und Nervosität. Beim Klavier eine Mischung aus dissonanten Akkorden, häufig mit engen Intervallen, Arpeggien und Glissandi. Während Lillingers helle Schlagzeugsounds immer schneller werden, wird auch das Durcheinander größer und wilder, bis es dann irgendwie eingefangen wird, und man merkt, wie die Musiker*innen auf die motivischen und rhythmischen Vorschläge der jeweils anderen reagieren, wie aus kleinsten Motivpartikeln der einzelnen Instrumente etwas vage Zusammenhängendes, Größeres entsteht, wie sich eine zweite Temposchicht über die erste legt und das Geschehen beruhigt. Schrankenloser Rationalismus bei gleichzeitiger fantasievoller Klangimitation, so wie Pierre Boulez sie pflegte, dessen Geburtsort Montbrison diesem Stück seinen Titel gab?

Ein vorzügliches Album. Besonders bemerkenswert ist die Pianistin Tamara Stefanovich, die bisher als einzigartige Interpretin aktueller und aktuellster Musik sowie als versierte Kammermusikerin hervorgetreten ist. Doch die Musik, die Stefanovich bisher öffentlich gespielt hat, ist notiert, also vorgegeben, und harrte »nur« der Interpretation. Nun spielt sie Jazz, improvisierte Musik. Ist sie eine weitere Pianistin auf der schier endlosen Liste eher langweiliger und mehr oder minder krass scheiternder klassischer Musiker*innen, die sich am Jazz versuchen? Selbst bei Friedrich Gulda, einem der bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts, der eine tiefe Liebe zu Jazz und Improvisation empfand, reichen die Jazz-Alben (zum Beispiel Duo-Konzerte mit Chick Corea oder Joe Zawinul) nicht annähernd an die einsamen Höhen seiner Bach-, Mozart-, Beethoven- oder Debussy-Interpretationen heran.

Anders ist es bei Tamara Stefanovich: In den eher Free-Jazz-artigen Stücken hält sie mühelos den Flow der versierten Jazzer Dell, Lillinger und Westergaard und bestimmt bei »Hvidovre« mit ihren Klavierakkorden zu Beginn sogar Tonfall und Verlauf des ganzen Stückes. Doch das ist nicht alles: In den meisten Tracks dieses Albums wird eher wild improvisiert denn gejazzt (falls das ein Gegensatz sein kann und soll). Und hier finden sich vier Musiker*innen, die wie in einem klassischen Streichquartett gemeinsam auf eine Reise gehen, die sich auf geistvollem Niveau unterhalten, deren Diskurs man etwas abgewinnen und die Eigentümlichkeiten ihrer Instrumente kennenlernen kann, um Goethes berühmtes Aperçu zu paraphrasieren.

Es ist wohl kein Zufall, dass das zentrale und längste Stück des Albums »Darmstadt« heißt, also nach jener Stadt benannt ist, in der seit 1946 die legendären »Internationalen Ferienkurse für Neue Musik« stattfinden, ein Treffpunkt musikalischer Avantgarden. Die in den späten 50er Jahren kreierte »Darmstädter Schule« verfolgte eine theoriesatte, an der erweiterten Reihentechnik orientierte, möglichst komplizierte Kompositionsweise, und das mit einem vehementen Alleinvertretungsanspruch. Boulez hatte 1952 sogar geschrieben, »dass jeder Musiker, der die Notwendigkeit der zwölftönigen Sprache nicht erkannt hat (…), UNNÜTZ ist. Denn sein Werk steht außerhalb der Forderungen seiner Epoche.« Ein gewollter Affront in Richtung von Hans Werner Henze und anderen, den Boulez Jahrzehnte später zurücknahm. Für den Komponisten und Publizisten Konrad Boehmer war Darmstadt »nicht mehr als die Organisation modernistischen Kunstgewerbes«, also »der Umschlag von ›Avantgarde‹ in Kunstgewerbe«.

Ganz offensichtlich beschäftigen sich Stefanovich, Dell, Lillinger und Westergaard mit diesen Darmstädter Avantgarde-Positionen und setzen ihnen eine offene und spielerische Improvisation anhand von klanglichen Signaturen entgegen. Das ist »flink, gewandt und oft unbändig«, wie Leonie Reineke im Booklet zu diesem Album schreibt. »Trotz hoher Grundaktivität ist zu jedem Zeitpunkt die Kommunikation zwischen den vier Quartettmitgliedern erkennbar.« Und so entsteht eine ganz neue Form von Musik, in der die Freiheit der Improvisation mit »komponierter« (sagen wir: abgesprochener, konsensualer) Musik zusammenfällt.

Ist es Jazz? Ist es Impro? Ist es Avantgarde? Diese Musik entzieht sich komplett der Kategorisierung. Alles, was sie verlangt, sind wache und aufgeschlossene Zuhörer*innen, die bereit sind, sich auf das Wagnis freier Musik ohne Netz und doppelten Boden einzulassen. Sie werden belohnt mit einem spannenden und faszinierenden Album. Atemberaubende Musik »von anderem Planeten«.

Stefanovich, Dell, Lillinger, Westergaard: »SDLW« (bastille musique)

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