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  • Hausbesetzungen DDR

Ungeklärte Mieteingänge

In der DDR gab es eine sehr besondere Form der Wohnraumbesetzung

  • Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 6 Min.
Aufgestiegen aus Ruinen
Aufgestiegen aus Ruinen

Diese bestimmte Art des Gehens in den sehr abgewrackten Altbauvierteln Ostberlins. Dieser schweifende, suchende Blick, Stockwerk für Stockwerk, nach oben und wieder nach unten. Nächste Fensterreihe, nächstes Haus. Desolater Zustand, aber bewohnbar. Oder nicht? Dort oben, dritter Stock – die Wohnung sah doch in der vergangenen Woche und in der davor auch schon unbehaust aus. Steht die leer? Wäre hier ein Einzug ohne Zuweisung möglich? Reingehen, Lage einschätzen, Tür aufbrechen, Möbel und Hausrat herschaffen, Gardinen an die Fenster hängen, neues Schloss einbauen, auf einen offensichtlich unbenutzten Briefkasten unten im Hausflur seinen Namen schreiben, bei den Nachbarn freundlich nachfragen, auf welches Konto die ihre Miete überweisen und wie hoch die Miete ist. Sofort anfangen, Miete an die Kommunale Wohnungsverwaltung zu bezahlen. Die ist ja lächerlich gering, immer noch eingefroren auf dem Niveau des Jahres 1936. Höhere Mieten galten in dem Land, das sich weder durch Ochs noch durch Esel aufhalten lassen wollte, als ein weder vertretbares noch mit der Ideologie zu vereinbarendes Politikum. Nach drei Monaten regelmäßiger Zahlung, so eine ungeschriebene Faustregel, die nicht immer stimmen musste, war ein Schwarzbezug »legalisiert«.

OXI - Wirtschaft anders denken

Alle brauchen ein Dach über dem Kopf. Und doch sind wir weit entfernt von der Verwirklichung eines Menschenrechts auf Wohnen.

Was lässt sich lernen aus globalen Bewegungen, Wohnungs- und Siedlungsprogrammen der UNO, wie Habitat, Enteignungskampagnen und den Haken, die das Kapital schlägt, um sich in undurchsichtigen transnationalen Konsortien und Konzernen unangreifbar zu machen?

Die Ausgabe kommt am 13. Januar 2023 zu den Abonnent*innen, liegt am 14. Januar für alle, die ein »nd.DieWoche«-Abo haben, exklusiv bei.

1987 seien einmal in Berlin-Prenzlauer Berg, schreibt Wikipedia, die ungeklärten Mietverhältnisse ermittelt worden. Zu der Zeit soll es allein dort monatlich rund 30.000 Mark »ungeklärte Mieteingänge« gegeben haben. Es gab Studien, die bescheinigten der DDR in ihren letzten Monaten, dass rund 20 Prozent aller Wohnungen aufgrund ihres desolaten Zustands nicht bewohnbar seien. Dabei hatte das Land mit dem 1971 beschlossenen Wohnungsbauprogramm einen beachtlichen Kraftakt zustande gebracht und mehr als zwei Millionen Wohnungen in industrieller Plattenbauweise errichtet. Für eine Bevölkerung, die gerade mal 17 Millionen Menschen zählte, war das nicht wenig. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass im gleichen Zeitraum rund eine Million Altbauwohnungen geradezu wüst fielen, also nicht mehr bewohnbar waren. Der Historiker und Schriftsteller Udo Grashoff hat in mehreren Büchern das Phänomen des Schwarzwohnens in der DDR beleuchtet. Ebenso der Historiker Dirk Moldt in seinem Buch »Das Chaos ist aufgebraucht, es war die schönste Zeit – Fragmente zur Geschichte der Offenen Arbeit Berlin und der Kirche von Unten« (1997 erschienen). In gewisser Weise war der Ablauf einer geglückten Wohnungsbesetzung in der DDR dem behördlichen Absurdistan des Staates, dem die Überwachung seiner Bürgerinnen und Bürger so sehr »am Herzen lag«, geradezu auf den Leib geschrieben.

Den Nachbarn versichern, dass man sich gut um die Wohnung kümmern und bemühen wird, die ein bisschen herzurichten. Es sei ja in aller Interesse, wenn das Haus nicht weiter verfällt. Darauf hoffen, dass die sich eher freuen und nicht den Behörden melden, was hier Illegales geschieht. Gibt es ein Hausbuch? Dann eintragen lassen, ganz ordnungsgemäß. Oh, die Wohnraumzuweisung? Liegt gerade beim Wohnungsamt, reiche ich nach. Wie kommt man nun zu einem Mietvertrag? Und zu einer polizeilichen Anmeldung? Erst Polizei, dann Kommunale Wohnungsverwaltung. Möglichst kurz vor Büroschluss. Gut, wenn das Wartezimmer in der Meldestelle voll ist. Alle sind müde, auch die Polizistin. Nach einiger Zeit die Wohnungsverwaltung von der Besetzung unterrichten. Kommt sowieso raus, und man hat ja schon die Miete überwiesen. Und nun wohne man hier schon ein paar Monate, habe sich gut um die Wohnung gekümmert, das eine und andere hergerichtet und wolle einen Mietvertrag, damit das alles seine Ordnung hat. Ach ja, inzwischen sei man auch guter Hoffnung, ein Kind wird kommen.

So ähnlich hat Dirk Moldt sehr lebendig beschrieben, wie es in der DDR gelingen konnte, eine Wohnungsbesetzung durch die Behörden legalisieren zu lassen. Wobei das mit der Besetzung eine halbe Wahrheit ist. Dem subversiven Akt fehlte meist das politische Statement. Er wurde aus einer beträchtlichen Not geboren.

Es war ein Phänomen vor allem der 1970er und 1980er Jahre. Wurde nicht Hausbesetzung oder Wohnungsbesetzung genannt, bekam stattdessen den Namen »Schwarzwohnen«. Wie Schwarzfahren, Schwarztaxi. Illegal also schon, aber eben nicht unbedingt ein politisches Statement. Das konnte es auch sein, wollte man dem Staat den Stinkefinger zeigen oder einfach von ihm in Ruhe gelassen werden oder einen Ort haben, an dem sich Subversive, Oppositionelle, Künstlerinnen und Aussteiger treffen, miteinander leben konnten. In Warteposition, wenn man fortwollte, mit Hoffnung, wenn man an die Möglichkeit glaubte, die Verhältnisse zu ändern. Die meisten aber, die »schwarzwohnten«, taten dies, weil sie auf anderem, legalem Weg keine Chance auf Wohnraumzuweisung hatten.

1985 ergab eine geheim gehaltene Studie der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, dass in der DDR 235.133 Wohnungen leerstanden. Die Zahl der Wohnungsanträge war höher. 1990 betraf der Leerstand in der Immer-noch-DDR rund 400.000 Wohnungen. Dies hatte viel mit mangelnden Mitteln und Möglichkeiten zu tun, die Altbauwohnungen zu sanieren. Aber auch damit, dass Stadtplanung und Wohnungsplanung zwei völlig getrennte Dinge waren. Auf die verfallenen Altbaugebiete ließ sich die zu schon recht hoher Weihe gebrachte industrielle Bauweise nicht anwenden. Für den Wendekreis eines Krans fand sich in Berlin-Marzahn ausreichend Platz, in den Seitenstraßen der Schönhauser Allee nicht. Zumal die Bauindustrie das einstige Handwerk mit seinen für die Sanierung von Altbauten dringend notwendigen Gewerken verdrängt hatte. Kaum jemand konnte noch eine Ziegelmauer hochziehen, Fertigelemente zusammenzufügen war etwas ganz anderes.

An den Rändern der Städte entstanden die großen Siedlungen, die Zentren verfielen. Schwarzwohnen hielt den Verfall ein wenig auf. Ging aber nur, wenn nicht schon Lebensgefahr durch fortgeschrittenen Verfall bestand. Und das war nicht selten der Fall. Selbst für Abriss fehlte das Geld. Zum Glück, ließ sich viel später sagen. Aber da war die DDR schon Geschichte.

In ihrem Roman »Franziska Linkerhand« lässt die DDR-Autorin Brigitte Reimann ihre Protagonistin, eine junge Architektin, sagen: »Ich fühle mich schuldig. Wir haben sie in Komfortzellen gesperrt, Nachbarschaft nicht gefördert … Schlaf ruhig, Bürger; was auf deiner Straße passiert – wie, sagte ich: Straße? Man trennt sich schwer von lieben alten Wörtern. Ach, unsere Träume von einer schönen Gesellschaft: Studententräume, die an der Wirklichkeit zerschellen; unsere Projekte – unstreitbar, das schon –, die Wohnungen, Wohneinheiten für eine tausendköpfige Familie … Zukunftsmusik, aber wir hörten sie schon, und wir hörten und verstanden Reger, bei dem wir lernten, daß ein Architekt nicht nur Häuser entwirft, sondern Beziehungen, die Kontakte ihrer Bewohner, eine gesellschaftliche Ordnung. Wir haben versagt.«

Grashoff, Udo: »Schwarzwohnen. Die Unterwanderung der staatlichen Wohnraumlenkung in der DDR«, V&R unipress, Göttingen, 2011

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