Für Katar ist die Weltmeisterschaft nur eine Zwischenstation

Die Handballer des Emirats treffen zum Auftakt auf Deutschland – der Asienmeister denkt aber schon weiter

  • Erik Eggers
  • Lesedauer: 4 Min.
Für Rafael Capote (hi.) und Katar kam 2021 bei der letzten WM das Aus im Viertelfinale gegen Schweden.
Für Rafael Capote (hi.) und Katar kam 2021 bei der letzten WM das Aus im Viertelfinale gegen Schweden.

Plötzlich tauchte das katarische Staatsoberhaupt auf. Begleitet von Leibwächtern, umzingelt von seiner Entourage, schritt Tamim bin Hamad Al Thani durch den Pressebereich der Lusail Multipurpose Hall und verschwand für ein paar Minuten in der Kabine des katarischen Gastgebers. Dort hielt der Emir eine kurze Rede, berichteten später Zeugen dieses denkwürdigen Auftritts. Er sei sehr zufrieden mit ihnen, sagte Al Thani demnach, und dass sie für ihre Leistungen angemessen belohnt werden würden.

Vorausgegangen war ein sensationeller Sieg der katarischen Handballer im Viertelfinale der WM 2015 in Doha. Mit 26:24-Toren hatte das Team von Valero Rivera den dreimaligen Weltmeister Deutschland geschlagen – und besiegte im folgenden Halbfinale auch noch die damals starken Polen. Erst die Franzosen stoppten im Endspiel den Lauf des Gastgebers, der angesichts spektakulärer Schiedsrichterleistungen freilich von bösen Gerüchten flankiert wurde.

Damals wurde ebenfalls debattiert, wie nachhaltig die enormen Investitionen des Staates in die WM sein würden. Angeblich kostete das Turnier das Emirat rund 200 Millionen US-Dollar – im Vergleich zu den Milliarden, die Katar für die Fußball-WM 2022 ausgab, klingt das nach einer müden Anzahlung. Aber die Scheichs machten das Turnier damit zur teuersten Handball-WM aller Zeiten. Gelohnt hat sich das Handball-Projekt aus sportpolitischer Sicht allemal. Denn ein Jahr später löste das Team auch das Ticket für das olympische Turnier 2016 in Rio de Janeiro und erreichte dort das Viertelfinale. Ein prestigeträchtiger Erfolg, der 2013, als das Emirat den spanischen Star-Coach Rivera verpflichtete, noch utopisch erschienen war.

Rivera, der im Januar 2013 mit Spanien Weltmeister geworden war, erfüllt seither seinen Auftrag, eine schlagkräftige Mannschaft zu formen. Er fahndete damals erfolgreich nach Legionären, die bereit waren, für das Emirat zu spielen. Ein Schlüsselspieler war dabei Rafael Capote, ein gebürtiger Kubaner, der 2007 bei den Panamerikanischen Spielen in Rio geflüchtet und über Italien nach Spanien gelangt war.

Capote, ein physisch enorm starker Halblinker, wurde von Rivera taktisch stark weiterentwickelt, in Abwehr und Angriff. Der Rechtshänder tat den Deutschen nicht nur im WM-Viertelfinale 2015 sehr weh. Auch im WM-Achtelfinale 2017, als die DHB-Auswahl in Frankreich als amtierender Europameister zu den Favoriten gehörte und in guter Form spielte, war er beim 21:20-Sieg des Außenseiters einer der besten Profis.

Inzwischen ist Capote 35 Jahre alt und spielt immer noch beim Al-Duhail SC. »Es war eine Bestätigung dafür, dass es mit Arbeit und Hingabe möglich ist, das Höchste zu erreichen«, zog er bereits eine Bilanz. Der zweite katarisierte Kubaner im linken Rückraum, Frankis Carol, der inzwischen in Kuwait spielt und als Torschützenkönig der WM 2021 glänzte, ist ebenfalls 35. Fraglich ist, ob beide zum WM-Auftakt gegen Deutschland an diesem Freitag in Katowice auflaufen. Carol fehlte beim letzten Lehrgang und auch bei den letzten Tests gegen Montenegro. Capote trat in der letzten Partie unglücklich auf den Ball und verließ verletzt das Feld. Selbst ohne diese erfahrenen Rückraumspieler wird die DHB-Auswahl diesen Gegner aber nicht unterschätzen.

Wie gut der Asienmeister eingespielt ist, unterstrich das Team im Dezember beim 30:30-Remis gegen den Olympiavierten Ägypten. Und Trainer Rivera konnte dabei noch nicht einmal auf eine weitere Stütze wie Kreisläufer Youssef Ben Ali zurückgreifen. Der gebürtige Tunesier, der im vergangenen Jahr mit dem FC Barcelona die Champions League gewann, spielt inzwischen beim französischen Erstligisten Pays d’Aix UC. Auch er ist schon 35 Jahre alt, will aber wie Capote und Carol den olympischen Zyklus noch beenden. Sie hoffen auf die nächste olympische Chance 2024 in Paris.

Bis dahin hat auch Rivera unterschrieben, der spanische Startrainer. Der inzwischen 70-Jährige verhehlt heute nicht seinen Stolz, dass neben weiteren eingebürgerten Profis wie dem syrischen Spielmacher Kamalaldin Mallash inzwischen auch in Katar geborene Spieler zum WM-Kader gehören. »Wir sind inzwischen ein Vorbild für andere Teams aus Asien«, sagt Rivera. Die WM 2023 in Polen und Schweden stellt für ihn indes nur eine Zwischenstation dar. Neben dem fürstlichen Gehalt, das er kassiert, besteht Riveras größte Motivation darin, seine schwerste Niederlage mit Katar zu kompensieren: das verpasste Olympiaticket für Tokio 2021. Damals scheiterte das Team an Bahrain, das für eine ausgezeichnete Jugendarbeit bekannt ist.

Finanziell hat sich auch für Profis wie Capote die Entscheidung gelohnt, für das Emirat aufzulaufen. Denn der Emir hielt nach der WM 2015 sein Wort. Den Spielern, die das Prestige des Wüstenstaates aus Sicht des Staatsoberhaupts erhöht hatten, verlieh er nach dem Turnier die volle katarische Staatsbürgerschaft. Das ist nicht nur ein bürokratischer Akt. Im Emirat sind damit enorme Privilegien verknüpft. Denn jeder Staatsbürger erhielt damals rund 200 000 Dollar jährlich. Steuerfrei, versteht sich.

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