Ignorierte Notlagen

Hilfsorganisation Care mahnt mehr Aufmerksamkeit und Engagement des Westens für Krisen in Afrika an

  • Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 4 Min.

Elend wird nicht geklickt, schon gar nicht, wenn es sich in Afrika abspielt. Das dürfte der wesentliche Grund dafür sein, dass TV-Sender, Zeitungen und Plattformen der Industrieländer Hunderttausende Berichte etwa über die »Reunion« von Actrice und Sängerin Jennifer Lopez mit Schauspieler Ben Affleck generieren.

Dagegen gab es weltweit zwischen Januar und Oktober 2022 gerade mal 1800 online auffindbare Artikel und Videos über eine der größten Hungerkrisen des vergangenen Jahres, nämlich jene in Angola. Das ist ein Befund der am Donnerstag von der Hilfsorganisation Care veröffentlichten Medienanalyse »Breaking the Silence: Zehn humanitäre Krisen, die 2022 keine Schlagzeilen machten«.

Dabei herrscht in Angola die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Die Verantwortung dafür liegt bei den Industrienationen, die für die Klimaerhitzung verantwortlich sind – und maßgeblich auch dafür, dass die frühere portugiesische Kolonie kaum Ressourcen hat, um seine Bewohner vor Hunger zu schützen. Fast vier Millionen Menschen in dem südafrikanischen Land leiden Hunger, unter ihnen mehr als 100 000 Kinder unter fünf Jahren. Trotzdem ist diese Krise diejenige, die 2022 am wenigsten Aufmerksamkeit erhalten hat.

Und die Lage ist in vielen anderen Staaten Afrikas kaum besser. Claudine Awute, Vize-Präsidentin für Internationale Programme bei Care, erinnerte bei der Vorstellung der Studie daran, dass die Vereinten Nationen kürzlich vor einer »historischen Hungerkrise in Afrika« gewarnt haben.

Die ist seit Langem Realität. Awute berichtete, Care-Mitarbeiter*innen erlebten das Ausmaß der Katastrophe täglich: »Eltern lassen Mahlzeiten aus, damit ihre Kinder nicht hungern. Felder trocknen aus, Vieh stirbt. Familien flüchten, weil sie keine Nahrung und kein Wasser finden.« Angesichts dessen sei es »umso besorgniserregender, dass über die Not der Menschen kaum berichtet wird«.

Alle zehn Krisen, über die am wenigsten berichtet wird, befinden sich auf dem afrikanischen Kontinent. Nach Angola folgt auf dem zweiten Platz der Liste der »vergessenen« großen Notlagen Malawi. Auch das südostafrikanische Land leidet aufgrund von Dürren, Wirbelstürmen und anderen Wetterextremen an Nahrungsmittelknappheit. Zudem war Malawi von einer Cholera-Epidemie betroffen.

An dritter Stelle steht die Zentralafrikanische Republik (ZAR). Dort führten neben Naturkatastrophen auch gewaltsame Konflikte dazu, dass mehr als drei Millionen Menschen von humanitärer Hilfe abhängig sind. Das sind fast zwei Drittel der Bevölkerung.

Darüber gab es im letzten Jahr international ganze 3700 Berichte. Wegen der bewaffneten Auseinandersetzungen in dem Land, das trotz Reichtum an Rohstoffen zu den ärmsten der Welt gehört, können Felder nicht bestellt werden. Deshalb hat jeder zweite Mensch in der ZAR nicht genug zu essen. Extreme Überschwemmungen zerstörten laut Care-Bericht 2022 zudem mehr als 2600 Häuser und 18 500 Hektar Anbaufläche. Mehr als 85 000 Menschen verloren ihr Zuhause. Schulen wurden zu Notunterkünften, weshalb rund 10 000 Kinder nicht ins neue Schuljahr starten konnten. All das kam in den Medien kaum vor.

Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von Care Deutschland, konstatierte, 2022 habe sich »die alte Regel« erneut bewahrheitet: »Je weniger räumliche Distanz zwischen uns und einer Krise ist und je besser wir uns mit den betroffenen Menschen identifizieren können, desto mehr Aufmerksamkeit widmen wir den Ereignissen.« Dies zeige der Ukraine-Krieg.

Noch 2021 gehörte die Ukraine zu den Ländern, über die kaum berichtet wurde, obwohl sich die materielle Not der Mehrheit der Bewohner im Jahr vor dem russischen Überfall extrem verschärft hatte. Damals bekam die humanitäre Situation in dem osteuropäischen Land so wenig Aufmerksamkeit, dass sie im damaligen Care-Report Platz 2 der vernachlässigten Krisen belegte. Durch den Krieg änderte sich die Situation: Mit 2,2 Millionen Online-Artikeln war die Krise in der Ukraine diejenige, über die mit Abstand am meisten berichtet wurde.

Im Bericht wird daran erinnert, dass der Ukraine-Krieg gerade die Krisen in Afrika verschärft: »Unterbrochene Lieferketten und fehlende Weizen- und Düngemittellieferungen bedeuten für Millionen Menschen noch mehr Hunger und Armut.« Wie die Klimakrise träfen die globalen Auswirkungen des Krieges jene Regionen und Menschen besonders hart, »die ohnehin zu den verletzlichsten und gefährdetsten gehören«, heißt es in der Analyse.

Die Hilfsorganisation appelliert an die Medien ebenso wie an Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Nichtregierungsorganisationen, den Status quo zu ändern. Die »humanitäre Berichterstattung« profitiere vom Austausch mit lokalen Fachleuten und davon, Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen. Dabei könnten NGOs unterstützen. Von den Industriestaaten bzw. Geberländern fordert Care, »den Menschen in den Krisenregionen zuzuhören, damit sie die Hilfe erhalten, die sie benötigen«.

Für die Analyse untersuchte der internationale Medienbeobachtungsdienst Meltwater im Auftrag von Care mehr als 5,8 Millionen Online-Artikel in den Sprachen Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch im Zeitraum vom 1. Januar bis 10. Oktober 2022. Aus einer Liste von 47 humanitären Krisen, die mindestens eine Million Menschen betreffen, wurden jene zehn mit der geringsten medialen Präsenz ermittelt. Der Bericht erscheint dieses Jahr zum siebten Mal.

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