Toter Winkel ausgeleuchtet

Die Potsdamer Autorin Sophie Sumburane legt einen Kriminalroman über Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch vor

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.
Das schwer Sagbare künstlerisch gestaltet
Das schwer Sagbare künstlerisch gestaltet

Drei Jahre lang arbeitete Sophie Sumburane als Referentin der Linksfraktion im Potsdamer Landtag und hörte Ende vergangenen Jahres auf. Zwei Jahre lang saß sie im Landesvorstand der Linkspartei und verzichtete Anfang vergangenen Jahres auf eine erneute Kandidatur für dieses Gremium. Die heute 35-jährige Schriftstellerin wollte sich wieder aufs Schreiben konzentrieren – auf das Schreiben ihrer Kriminalromane und auf das Schreiben ihrer Doktorarbeit zum Thema forensische Linguistik, was sich grob vereinfacht mit »kriminalistische Sprachwissenschaft« übersetzen lässt.

Die Promotion ist noch nicht fertig, aber Sumburanes neuer Kriminalroman »Tote Winkel« kam im September in den Handel und soll im Oktober das Buch aus dem Haus des Hamburger Verlags Edition Nautilus gewesen sein, das sich am besten verkaufte. Noch hat die Schriftstellerin keine Abrechnung, die erste müsste in den kommenden Tagen kommen, sagt sie. Aber »Tote Winkel« scheint bei den Lesern anzukommen. Das hat dieser alles andere als leicht verdauliche Krimi verdient, bei dem fraglich ist, ob er überhaupt noch ins Genre Kriminalroman fällt oder schon etwas anderes ist.

Bei ihrem nunmehr dritten Krimi kommt Sumburane erstmals ohne den sonst unverzichtbaren Ermittler aus. Ein paar Polizisten spielen lediglich Nebenrollen. Es gibt auch keinen Mordfall – oder vielleicht in gewissem Sinne doch? Um zu verstehen, warum sich diese Frage nicht ganz eindeutig beantworten lässt, muss man das Buch lesen.

Vordergründig geht es darin um Vergewaltigung und sexuellen Missbrauch. Dem Buch ist eine Warnung an die Leser vorangestellt: Der Roman enthalte Schilderungen sexueller, körperlicher und seelischer Gewalt, auch gegen Kinder und Jugendliche. Es sind jedoch nicht etwa zu plastische Darstellungen solcher Gewalt im Detail, die außerordentlich bedrückend sind. Schwer bis nicht mehr zu ertragen ist vielmehr, wie Sumburane auf hohem künstlerischen Niveau erzählt, was in den Köpfen der Opfer vorgeht. Das macht sie mit Monologen von drei Figuren, die einander abwechseln, mit Monologen, die miteinander zu tun haben, aber immer irgendwo auch nicht zusammenpassen.

Mit Absicht ist einiges nicht logisch nachvollziehbar. »Uneindeutiges Erzählen« nennt Sumburane diese Methode. So ist von Zwillingen die Rede, von denen ein Baby der Mutter wegen politischer Unzuverlässigkeit weggenommen worden sein soll. Das DDR-Ministerium für Staatssicherheit soll sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben. Aber warum ein Kind und das andere Kind nicht? Irgendwann wird dann klar, dass diese und jede andere Version der Geschichte vielleicht nicht stimmen, jedenfalls nicht hundertprozentig.

»Tote Winkel« bezeichnen im Straßenverkehr jene Bereiche, die der Autofahrer im Rück- und Seitenspiegel nicht einsehen kann, was die Gefahr schwerer und tödlicher Unfälle heraufbeschwört. Sumburanes Roman ist ein Versuch, den in aller Heimlichkeit verübten sexuellen Missbrauch sichtbar zu machen. Nebenbei bemerkt ist er in allen Belangen politisch korrekt, sogar die Uneindeutigkeit von Geschlechterrollen und Geschlechterbildern wird gestreift, ohne damit auch nur die Spur anstrengend modern zu sein. Gesamturteil: Fesselnd, erschütternd, herausragend!

Die beiden ersten Romane von Sophie Sumburane sind in anderen Verlagen erschienen. Die 1974 gegründete Edition Nautilus passt sehr gut zu ihr, denn sie ist ein subversiver linker Verlag. Seit 2022 dort wieder verfügbar ist beispielsweise Inge Vietts »Nie war ich furchtloser« von 1997. Es ist die in der Haft verfasste Autobiografie der Terroristin, die 1982 mit Hilfe der Staatssicherheit aus dem Kreislauf der Gewalt ausstieg, in der DDR untertauchte und 1990 gefasst wurde.

Zum Inhalt des Romans »Tote Winkel« sei hier nicht mehr verraten, als auf den Buchrücken gedruckt ist, da ein Kriminalroman nun einmal von Spannung lebt, auch wenn er wie der vorliegende so wenig ins Muster eines klassischen Krimis passt. Auf dem Buchrücken steht: »Was, wenn dein Ehemann wegen Vergewaltigung verhaftet wurde, sogar geständig ist – und das Opfer genauso aussieht wie du selbst?«

Sophie Sumburane: Tote Winkel, Edition Nautilus, 198 Seiten, 18 Euro

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