AfD-Wähler haben Ressentiments oft »geerbt«

Studie erklärt, warum auch Spitzenverdiener für die Rechtsaußenpartei votieren

  • Sebastian Haak
  • Lesedauer: 4 Min.
Am Rande des 3. Bundesparteitages der AfD in Bremen hält ein Delegierter zwei Goldbarren mit Autogrammen in die Kamera.
Am Rande des 3. Bundesparteitages der AfD in Bremen hält ein Delegierter zwei Goldbarren mit Autogrammen in die Kamera.

Aktuelle Umfragen zeigen es: Die AfD hat in Thüringen wie auch in Teilen Sachsens und Sachsen-Anhalts weiter Chancen, bei kommenden Landtagswahlen stärkste Kraft zu werden. In den Sonntagsfragen der Demoskopen kam sie in Thüringen regelmäßig auf Zustimmungswerte von etwa 25 Prozent der Zweitstimmen. Folgerichtig befassen sich Forscher verschiedener Fachrichtungen immer wieder mit den Ursachen.

Jetzt haben Wirtschaftswissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena Ergebnisse einer Studie vorgelegt. Sie wollten wissen, ob Prekarisierung und Verarmung ein wesentlicher Grund für Menschen sind, die AfD zu wählen. Tatsächlich ist persönliche Armutsbetroffenheit nicht ausschlaggebend, das ist seit längerem bekannt.

Die Kernthese der Autoren Michael Fritsch, Maria Greve und Michael Wyrwich lautet, dass sich in den verschiedenen deutschen und europäischen Regionen eine Art kollektives Gedächtnis gebildet hat, das starken Einfluss darauf hat, ob Menschen Parteien wie der AfD zuneigen. Greve sagt: »Dort, wo der Bedeutungsverlust einer Region besonders groß ist, ist die Anfälligkeit gegenüber rechtspopulistischen Positionen besonders groß.« Rechtspopulismus sei oft »die Rache der Abgehängten«.

Die Ökonomen konnten belegen, dass viele Wähler von Rechtspopulisten zwar nicht selbst arm sind, aber häufiger in Regionen leben, die von einem wirtschaftlichen Abstieg betroffen waren. Dieser Mechanismus wirkt nach den Erkenntnissen der Jenaer Wissenschaftler grundsätzlich überall. »Das ist eine der großen Stärken unserer Studie: Sie zeigt, dass Ost-West-Unterschiede für den Erklärungsansatz praktisch keine Rolle spielen«, sagt Greve. In der Wissenschaft wird vielmehr von einer »Geography of Discontent« gesprochen, einer Geografie der Unzufriedenheit. »Die Logik dahinter: Nicht nur Menschen haben eigene Charakteristika«, erläutert Greve. Vielmehr gebe es auch »räumliche Effekte, die auf diejenigen zurückwirken, die an einem bestimmten Ort leben«.

Menschen in abgehängten Regionen suchten immer den Vergleich mit anderen, florierenden Gebieten – woraus sich letztlich eben doch eine gewisse Ost-Spezifik ergibt, denn der ökonomische Bedeutungsverlust war und ist hier insbesondere seit 1990 evident, obwohl der Wohlstand objektiv gewachsen ist.

Und die Forscher blicken eben auch auf sehr langfristige Entwicklungen. So seien etwa Südsachsen und Städte wie Bautzen und Dresden in Sachen Wirtschaftskraft in den 1920er Jahren deutschland- und europaweit führend gewesen, erläutert Michael Fritsch. Seit der Wiedervereinigung sei auch dort das Einkommen der Menschen angestiegen, zudem sei die Region im Ostdeutschland-Vergleich bei Innovationen, Einkommensentwicklung und Unternehmensgründungen führend. Aber: »Der Abstieg des Wirtschaftsstandorts von einer Führungsposition ins derzeit untere Viertel hinterlässt Spuren im Selbstverständnis und sorgt dafür, dass sich die Menschen stärker abgehängt fühlen, als sie es eigentlich sind«, sagt Fritsch.

Industriedenkmäler bestärkten bei Menschen das Gefühl, etwas verloren zu haben – auch wenn sie die »glorreiche Vergangenheit« selbst nicht erlebt hätten, sagt Maria Greve. Wo das Bewusstsein für eine »reiche Vergangenheit besonders stark ausgeprägt« sei, zeige sich auch die Korrelation »zwischen gefühltem Abstieg und dem Wahlerfolg der Rechtspopulisten besonders deutlich«.

Gleichwohl ist dies nur einer von vielen Erklärungsansätzen. Das betont auch Axel Salheiser, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Eine große Rolle spielten auch rassistische Ressentiments und Thesen von kultureller Überlegenheit, die in bestimmten Regionen von Generation zu Generation weitergegeben worden seien.

Wegen der Vielfalt von Ursachen sei es nicht leicht, Rechtspopulismus zurückzudrängen, sagt Greve. Diejenigen, die zu dem Phänomen forschten, seien sich zudem nicht darüber einig, ob Transferleistungen für »abgehängte Regionen« hilfreich seien.

Für ihre Studie haben die Jenaer Ökonomen Einkommensstatistiken aus den vergangenen 100 Jahren verglichen und das regionale Pro-Kopf-Einkommen in den Jahren 1925 und den Bundestagswahljahren 2017 und 2021 errechnet. Daraus haben sie ein nationales Ranking erstellt, aus dem deutlich wird, in welchen Regionen das Durchschnittseinkommen jeweils vergleichsweise hoch oder niedrig war. »Dabei ergab sich, dass die Stimmenanteile für die AfD in den Gegenden relativ hoch waren, die in den Ranglisten besonders stark abgestiegen sind«, sagt Fritsch.

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