Wo ist die Taste für das »I« wie Ich?

Woran man bei »Reserve« von Prinz Harry zuletzt denkt: an den Ghostwriter, der ihm geholfen hat

  • Matthias Penzel
  • Lesedauer: 7 Min.
Prinz Harry schreibt auch selbst, ganz ohne Ghost: Zum Beispiel unterschreibt er Besucherbücher in Krankenhäusern.
Prinz Harry schreibt auch selbst, ganz ohne Ghost: Zum Beispiel unterschreibt er Besucherbücher in Krankenhäusern.

Diese Kampagne hat alles, was ausgebuffte alte weiße Männer zu Tränen rührt, sofern sie Werber sind: Die Veröffentlichung von »Reserve«, der ersten biografischen Bekenntnisse Prinz Harrys, des zweiten Sohnes von Charles und Diana, getauft als Henry Charles Albert David – doch von seinem älteren Bruder William, dem Kronprinzen, spöttisch stets »Harold« genannt. »Reserve« führt von der Idee (»Kleiner Prinz packt aus«) zur Hyperaktivität ganzer Armeen an Hofdamen, Simultan-Übersetzer*innen und Echos in allen Kammern der Presse und Social-Media-Kanälen.

Das nennt man Maximum Exposure. Vor Weihnachten gab es den weltweiten Launch mit der Netflix-Doku-Serie »Harry & Meghan« mit Streamingquoten, die doppelt so hoch waren wie die der fünften Staffel von »The Crown«. Nach einer wahren Geschichte, aus Gefühlslagen, die wir Sterblichen nie zu fassen kriegen: Die Story des 38-jährigen Prinzen, der mit seiner vom Palast verschmähten Gattin die »Mitarbeit« fürs englische Königshaus aufkündigt und ins Exil flüchtet. Auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist, fast reformerisch oder gar rebellisch präsentiert.

Shakespeare hätte dieses Drama nicht ergreifender hingebracht. Es avancierte im politisch eh zutiefst verwirrten Königreich zur meistgesehenen Netflix-Produktion des Jahres, zum erfolgreichstem Debüt einer Doku überhaupt. Sie wurde in den ersten vier Tagen über 80 Millionen Mal gestreamt, was ungefähr 28 Millionen Haushalten entspricht.

Als wäre das nicht genug der königlich servierten Extravaganz, laborierten und redigierten und übersetzten zeitgleich Zuarbeiter in mehr als einem Dutzend Ländern an »Spare«, wie Harrys Memoiren im Original heißen. Die Schauspieler für die Hörbuchaufnahmen nicht zu vergessen. Mit »Spare« treten die Hofberichterstatter in Konkurrenz mit den Meinungsmachern. Harrys Image-Produktionsmaschinerie droht am Overmuch zu kollabieren. 512 Seiten lang jammert er über zu viel Aufmerksamkeit. Seine Sympathiewerte scheinen schneller zu sinken, als die Memoiren ausgeliefert werden können.

Wie konnte das passieren? Zum einen liest er selbst kaum Bücher und beneidet in dieser Hinsicht seine Frau, dass sie den Bestseller »Eat Pray Live« von Elizabeth Gilbert verschlungen hat. Dass er in »Reserve« dagegen einen grausam-peinlichen Kindheitsmoment seines älteren Bruders öffentlich macht, schockte selbst Patti Davis, die Tochter des früheren US-Präsidenten Reagan so sehr, dass sie selbst tadelnd zum Griffel griff – das Offenbaren von Familiengeheimnissen habe seine Grenzen.

Wer aber führte dem Prinzen die Feder? Wer sorgte für nachvollziehbare Syntax und dramaturgische Bögen? Es ist ganz normal, wenn Promis, die einfach zu viel um die Ohren haben, einen Ghostwriter anheuern. Ghostwriter zu sein, ist ein kaum beachteter Job. Im Idealfall ist man unsichtbar. Und gilt als fast anrüchig, als eine Art Kuppler zwischen Spitzensportlern oder sonst wie nicht so sicher formulierenden Menschen, die, warum auch immer, im Rampenlicht stehen und über die deshalb alle Welt schon alles zu wissen meint. Wo ist noch mal die Taste für das »I« wie Ich?

Hier kommt Kunst wie solides Handwerk zum Zug. Alles für den Umsatz. Für »Spare« bzw. »Reserve«, ob von Harry entschieden oder ihm aufgedrückt, war in jedem Fall als Ghost allererste Wahl: J. R. Moehringer, Pulitzer-Preisträger.

Moehringer ist legendär seit Andre Agassis Buch »Open: Das Selbstporträt«. Zwei Jahre lang trafen sie sich im Bio-Supermarkt zum Frühstück (Burritos). Damit der Geist aus der Flasche kommt, profane Ballspiele nicht klingen wie Tennis hinter den Kulissen, monoton dahinploppend, plauderten sie jeden Morgen – und danach begab sich J. R. zurück in das Haus, das der Tennisstar extra erworben hatte. Den Ghost interessierte nur der Tisch. Der war sehr groß, ein Plateau für Handlungsstränge, die er ausbreitete.

Spannender Typ, der Moehringer. Kitzelt aus den Leuten Sachen, die einen umhauen. Er weiß, wie man eine Welle macht. Da wird dann seine Zeitungsreportage über einen Obdachlosen, der sich für einen bekannten Ex-Profi-Boxer hält (und zwar für einen, der seit Jahren tot ist), erst zum Buch, dann zum Kinofilm und schließlich zum Millionen-Geschäft. Ob man so jemandem die eigenen Memoiren abkauft, ist eine andere Geschichte. George Clooney nahm sie ihm jedenfalls ab und drehte nach Moehringers als autobiografisch apostrophierten Roman 2021 den Film »The Tender Bar.« Begeisternd am Schreiber Moehringer ist, dass er im Spiel um die große Aufmerksamkeit sein Blatt so ausspielt, dass es alle glauben. Anmerkung: Deutsche Verlage schreiben, er sei 1966 geboren, in den USA ist er Jahrgang 1964.

Ghostwriter sein ist anstrengend. Auch ich war schon als Ghost tätig, einmal für einen Rockstar alter Schule. Anstelle des Exklusiv-Biomarktes in Las Vegas entschieden wir uns dort für eine Finca mit Pool, die im Auftrag eines ehemaligen Managers eines Fußballvereins aus Barcelona erbaut worden war. Echt wahr. Und selten blöd, was nie ins Buch einfließt: Das Schwimmbecken war umgeben von Bäumen, die zu jeder Jahreszeit unermüdlich aufs Wasser nadeln. Es war eine Sauarbeit, die jeden Morgen da rauszufischen. Im Hotel war es dem Rockstar zu eng. Er hatte dauernd neue Ideen, Update an wechselnden Orten. Unvergesslich, wiewohl hier unbemerkt, als ein anderer Ghost übernahm. Mal im Pub, dann im Elite-Fitness-Center, wo der Star den Schwitzenden zusieht und für Bodybildung wenig mehr hebt als ein Glas. Das hält schlank. Apropos, flüssig ist er grad nicht. Der Ghost begleicht Rechnung.

Dabei leben Rockstars doch so, wie wir träumen, denkt man. Orgien mit illegalen Zutaten und Nebenwirkungen wie Gehörschaden und Gedächtnisverlust. Wenn man das ausbreitet, kommen alle auf ihre Kosten – wenn auch mit weniger Resonanz als bei Bob Dylans »Chronicles«. Die lesen sich wie alles Mögliche, nur nicht wie Chroniken. Aber sie waren gut genug für einen Nobelpreis, ganz ohne Ghost.

Zurück zum Job, in die Niederungen der unsichtbaren Geister, die doch auch mal Gedächtnislücken und Blackouts haben. Wie sollen sie das unbekannte Nie-Gesagte zum Aufhänger des Klappentextes befördern? Vielleicht so: Auftakt Kindheit. Jetzt etwas Tiefenpsychologie, Para ginge auch. Sitzt man mit einem Extrempromi am Tisch, werden alle Register gezogen – Fan und Freund, Seelsorger und Mitwisser, Führungsoffizier und Auteur. Beim Entkorken von Geist und Flasche, dem Tasten nach Unbekanntem, auch nach Schmutz, jedoch behutsam dosiert – scharf genug für Aufruhr, nicht verfänglich genug, um mit Klagen überzogen zu werden.

Merke: König oder Queen werden nur Erstgeborene. Bei Staatschefs ist das merkwürdigerweise meist genauso. Spätergeborene werden irgendetwas anderes (siehe SPD-Politiker Martin Schulz). Zum Vergleich älteste versus jüngste Kinder gibt es viele psychoanalytische Untersuchungen, kaum aber eine zum Phänomen der schwarzen Schafe, wie sie in Familien ab zwei Kindern gelegentlich vorkommen, ab drei Kindern immer. Die komplizierte Positionierung kann einen dann zum Star machen, zum Außenseiter in jedem Fall – vorher generell zum Prügelkind und Eigenbrötler, starrsinnig wie wenige. Auch solche Register, zum Ordnen der Eindrücke, Fräsen an der Plot-Entwicklung, geistern um den Ghostwriter. 

Ein Notnagel ist Astrologie, notfalls die chinesische; der zufolge ist Harry Ratte. Ausbuchstabiert: angriffslustig, clever und am liebsten im Rampenlicht. Fast alle Sänger sind Ratte, auch Gitarristen, die mit Soli oder Soloalben oder sonst wie ins Spotlight drängeln. William ist Hund – treu, so die 4000 Jahre alte Sternendeutung. 

Womit wir beim wirklich Tragischen sind. Kein König musste so lange warten, keiner hat sich so lange darauf vorbereitet wie der jetzige von England, der mit seinem Jüngsten nicht nur das Sternzeichen Ratte gemeinsam hat – sondern, auch deshalb sind Harry und Meghan beachtenswert, auch der schräge König will ja modernisieren. Das geht aber nur mit einem Stab cleverer Berater*innen. Und mit Geistern, die wissen, wie man eine Geschichte spannend erzählt.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal