Gemeinwohl statt goldene Wasserhähne

In Wahlkampfzeiten legt die Gewobag einen Grundstein für über 1400 Wohnungen

  • Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 5 Min.
Gestapelt und kompakt: Bis zu achtgeschossige Häuser sollen bis Anfang 2026 an der Landsberger Allee entstehen.
Gestapelt und kompakt: Bis zu achtgeschossige Häuser sollen bis Anfang 2026 an der Landsberger Allee entstehen.

Es sei »ein großer Schluck aus der Pulle«, sagt die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). »1400 Wohnungen, das ist ’ne Hausnummer«, unterstreicht sie bei herrlichstem nasskalten Januarwetter auf der Bühne. Anfang 2026 soll alles fertig sein – rund 500 Studierenden-Apartments sowie etwa 900 Wohnungen, 222 davon preisgebunden.

Giffey hebt bei dem Termin am Freitag auch die Bauweise hervor, denn die Wohnungen sollen nicht klassisch Stein auf Stein entstehen. Stattdessen werden in einem Werk vorgefertigte containerartige Module auf der Baustelle aufeinandergestapelt und endmontiert. Durch Nutzung der Modulbauweise »haben wir eine Chance, diese benötigten 200 000 Wohnungen im nächsten Jahrzehnt auch zu schaffen. Es ist wichtig, dass wir alles daran setzen, hier auch vorwärts zu kommen«, ruft die Regierende ihr ambitioniertes Bauziel kurz vor der Wahlwiederholung am 12. Februar noch einmal in Erinnerung.

Im ersten und möglicherweise letzten Regierungsjahr von Giffey ist die Zielzahl von 20 000 schon mal deutlich gerissen worden – fertig geworden sind 2022 nur rund 16 500 Wohnungen. Und die Aussichten sind angesichts vervielfachter Bauzinsen, stark gestiegener Rohstoff- und Energiekosten und Lieferkettenproblemen düster.

Auch das Projekt an der Landsberger Allee wird nur realisiert, weil die Gewobag in die Bresche gesprungen ist, als ein privater Entwickler abgesprungen war. »Dank an mein Haus, dass sie mich überredet haben und deutlich gemacht haben, dass die Entscheidung getroffen werden muss. Dass, wenn Private Zweifel haben, ob sie solche Projekte wirtschaftlich stemmen können, die Aufgabe für die landeseigenen Wohnungsunternehmen ist, da zu sein und zu sagen: Ja wir trauen uns das zu, wir machen das«, sagt Bausenator Andreas Geisel (SPD). Das zeuge von »Mut, Entschlossenheit und wirtschaftlicher Stärke« bei der Gewobag.

Ursprünglich hätte die Gewobag nur die Hälfte der Wohnungen bauen sollen. Allein über 100 Eigentumswohnungen offerierte Everestate, eine Tochter des Berliner Immobilienhändlers Ziegert, zu Quadratmeterpreisen bis zu 5800 Euro in der unwirtlichen Gegend an der Verkehrsschneise Landsberger Allee, die als »urbaner Mikrokosmos« gepriesen worden ist.

2019 gründete die Gewobag ein Joint Venture mit der ZS Beteiligungs GmbH des Immobilieninvestoren Zsolt Farkas. Übernommen worden ist das Baugrundstück vom niederländischen Entwickler Harry van Caem. Just in jenem Jahr wurden Großspenden von zusammen 60 000 Euro an die CDU Lichtenberg bekannt. Gegenüber dem »Spiegel« begründete van Caem den Geldfluss zunächst damit, dass er »Türen offenhalten« wolle, was er später wieder dementierte. Dass auch die Berliner SPD kein Problem mit solchen Investoren hat, zeigt eine »nd« vorliegende Zuwendungsbestätigung des Landesverbands über eine Spende durch die Primus Immobilien AG vom September 2021. Exakt 9999 Euro spendete der »Immobilienentwickler im Premium-Segment« kurz vor der Wahl, ein Betrag genau einen Euro unter der Veröffentlichungsgrenze. Gegenüber der »Taz« wollte die SPD »keine weiteren Angaben zu Spenden« machen.

Auch Gewobag-Geschäftspartner Zsolt Farkas ist kein unbeschriebenes Blatt. Unter anderem kümmerte er sich persönlich 2015 um die Entmietung der Edel-Plattenbauten in der Wilhelmstraße in Mitte, die für den Bau von Luxus-Eigentumswohnungen abgerissen werden sollten. »Wir beauftragten einen Entmietungsspezialisten, aber wir merkten schnell, dass das gar nicht passte«, bekannte er freimütig 2016 im Interview mit dem Fachblatt »Immobilienmanager«.

In Friedrichshain-Kreuzberg schlägt sich der Bezirk mit einem jahrelang leer stehenden Parkhaus am Mehringplatz herum. Der Schandfleck harrt einer lukrativen Projektentwicklung durch Farkas.

»Ich freue mich, dass sie hier sind«, sagt der Lichtenberger Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPD) auf der Bühne, als er Zsolt Farkas im Publikum erblickt. »Der Grundstein war ein Privater, Herr Farkas, der das Gelände gekauft hat. Das dürfen wir nicht verteufeln, sondern müssen es gut finden«, gibt er die Stoßrichtung vor. Zuvor wiederholte Franziska Giffey ihr Mantra: »Es geht nur im Schulterschluss gemeinsam.« Senat, Bezirk, Landeseigene, Genossenschaften und eben die Privaten. Und verwies auf ihr weitgehend ergebnisloses Wohnungsbündnis.

Nur ein Viertel der knapp 900 Wohnungen sollen sozial gebunden sein, obwohl es sich nun um ein komplett städtisches Projekt handelt. Stadtrat Hönicke begründet das auf nd-Nachfrage damit, dass das den Regularien von 2017 entspricht, als der städtebauliche Vertrag geschlossen worden ist.

»Die geringe Sozialquote ist eigentlich nicht hinnehmbar. Die Landeseigenen bekommen nicht umsonst die Vorgabe, 50 Prozent der Wohnungen als geförderte Wohnungen zu errichten«, sagt Niklas Schenker, der mietenpolitische Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, zu »nd«. »In den vergangenen Jahren haben die Landeseigenen stets die vorgegebene Sozialquote im Neubau unterschritten. Es gibt also Nachholbedarf, weshalb wir eine Ausweitung auf künftig 75 Prozent vorschlagen«, so Schenker weiter.

»Ich bin heilfroh, dass wir das ganze Projekt wirtschaftlich darstellen können«, sagt Gewobag-Finanzvorstand Markus Terboven. Gegenüber dem ursprünglichen Eigentumswohnungs-Projekt habe man einiges umplanen müssen, berichtet er im Gespräch mit »nd«. »Kein Parkett, keine Luxusbäder«, nennt er Beispiele. Auch sei der ursprünglich ausgewählte Modulbau-Anbieter schließlich nicht beauftragt worden, auch weil es deutliche Preisnachforderungen gegeben habe.

Ursprünglich hätte es Maxmodul des bayerischen Baukonzerns Max Bögl sein sollen. Dort ist man deutlich verstimmt. Drei Jahre lang habe man gemeinsam mit dem Bauherrn die Planung für das Projekt bis zur Planreife vorangetrieben, erklärt Konzernsprecher Jürgen Kotzbauer auf nd-Anfrage. »Umso erstaunter waren wir, dass uns Ende 2022 lapidar mitgeteilt wurde, man habe unbeachtlich erbrachter Leistungen eine andere Baufirma für das Projekt ›Landsberger Allee‹ beauftragt. Dies hat uns mehr als überrascht, da wir trotz der zum Teil schwierigen Rahmenbedingungen (Lieferengpässe, Ukrainekonflikt usw.) erhebliche Vorleistungen erbringen mussten«, berichtet Kotzbauer. Weder transparent noch nachvollziehbar sei dieser Prozess gewesen. »Darum prüfen wir derzeit die gebotenen rechtlichen Schritte bis hin zum Schadensersatz«, so der Konzernsprecher.

Neuer Auftragnehmer ist der japanisch-niederländische Konzern Daiwa House Modular Europe, der den Berliner Markt aufrollen möchte. 2022 hatte der Konzern in Fürstenwalde, rund 35 Kilometer östlich von Berlin, ein Fabrikgelände gekauft, das zur Mega-Modulfabrik werden soll. Im Endausbau sollen dort bis zu 50 000 Wohnungen pro Jahr industriell vorgefertigt werden. Das Vorhaben gilt als zweitgrößte Ansiedlung nach der Tesla-Autofabrik in der Region. Versprochen wird auch ein Gewinn für die Umwelt: Gegenüber dem traditionellen Bauen sollen die CO2-Emissionen um 30 bis 50 Prozent niedriger liegen. Doch der Produktionsbeginn ist erst für 2024 geplant. Möglicherweise ist die Grundsteinlegung also mit Blick auf die anstehende Wahl terminiert worden.

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