Managerprofs

Sozialfigur von Angst, Bluff und Highperformance

Manch ältere Professor*innen mögen sich noch wohlwollend an Wolf Wagners »Uni-Angst und Uni-Bluff« aus ihrer Studienzeit erinnern. Den Erstsemestern Ende der 1970er Jahre zur Orientierung empfohlen, galt Wagners Buch als linkes Empowerment, um sich vom Distinktionsgehabe der Universität nicht einschüchtern und vereinzeln zu lassen. Kapitalistischer Konkurrenzdruck schlage sich eben auch an der Universität nieder, fordere Mehrwertproduktion und sichere deren Reproduktion durch die »feinen Unterschiede« des Habitus ab.

Im Zuge der Bologna-Reform mit ihren Bachelor- und Masterstudiengängen erfuhr das Buch eine überarbeitete Neuauflage, die jedoch zur Apologetik von Konkurrenz und Aufstiegsgerangel verkam. Keine Spur mehr von Systemkritik. Stattdessen war Wolf zum kapitalistischen Realisten geworden und verteilte in diesem Sinne Ratschläge. Jene, die sich damals – vielleicht auch mit Hilfe Wagners – zur Professor*in hochgearbeitet hatten und bald vor der Emeritierung stehen, dürften entsprechend enttäuscht gewesen sein. 

Wagners Sinneswandel war jedoch nur Symptom für das Auslaufmodell einer Universität als Hort gesellschaftlicher Veränderung. Trotz der Hochkonjunktur aller möglichen »kritischen« Forschung und Lehre wurde die Universität zunehmend zum Anpassungsbetrieb. Das spüren nicht nur die Studierenden, deren »berufsqualifizierende« Abschlüsse zur Grundvoraussetzung für beliebige Anstellungsverhältnisse geworden sind. Auch jene in der guten alten Zeit vor Massenuniversität, Modularisierung und Credit-Points-Metrik schwelgenden Professor*innen wissen, dass sie längst durch einen anderen Typus ersetzt wurden: die Managerprofs.

Managerprofs leiten drittmittelfinanzierte Forschungsinstitute oder Exzellenzcluster, sie stemmen Akkreditierungsverfahren für neuerfundene Studiengänge, schreiben unzählige Forschungsanträge und orchestrieren ein Team an prekär beschäftigtem Mittelbau, das seine eigene Stellenfinanzierung einwerben muss. Ihre Forschung dient der Standortkonkurrenz und Markenbildung, wird in Sachbüchern vermittelt und qualifiziert sie nicht selten zu öffentlichen Intellektuellen. Blitzschnell ordnen sie aktuelle Geschehnisse ein, nichts am medialen Diskurs ist ihnen fremd. Dafür dient ihnen ausgeprägtes Ticketdenken: Alles passt zu den akademischen Schlagwörtern, zumindest wurde das eigene Profil auf diesen Zweck ausgerichtet. Neue Erkenntnisse sind dann »interessant« und »spannend«, so wie es die geringe öffentliche Aufmerksamkeitsspanne eben verlangt.

Kurzum: Sie tun, was getan werden muss. Vielleicht trauern manche von ihnen darum, dass sie bei all dem Druck an der Grenze zum Burnout gar nicht mehr zu dem kommen, wofür sie all die Anpassung einmal in Kauf genommen haben. Ihnen bleibt scheinbar nur die Identifikation mit der Ordnung, die ihnen diese Opfer abverlangt. Kritik, die nicht selbst wieder verwertbar ist, oder Gedanken, die nicht unmittelbar ins Schloss springen, haben darin keinen Platz. Und eigentlich ist alles nur noch Angst und Bluff.

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