Wohnungsmarkt in Berlin: Brütende Vögel als Genossen

Eine Bustour informiert über zahlreiche vom Abriss bedrohte Häuser

  • Peter Nowak
  • Lesedauer: 4 Min.

Zahlreiche Menschen stehen am Sonntagmittag vor der Baustelle des Hauses der Statistik in Mitte vor einem Bus. Auf seiner Rückseite sind Plakate zu sehen, die sich gegen den Abriss gut erhaltener Gebäude in Berlin wenden. Ein Großteil der Teilnehmer*innen der Busfahrt sind Aktivist*innen. In den nächsten vier Stunden geht es um bevorstehende oder schon vollzogene Abrisse von gut erhaltenen Gebäuden.

Der Auftaktort, das Haus der Statistik, ist ein Beispiel für einen erfolgreichen Kampf gegen den Abriss. Aktivst*innen berichten über den langen Weg um die Nutzung des großen Gebäudes am Rande des Alexanderplatzes als Ort für Kunst, Kultur und Soziales. Doch nicht weit davon entfernt wurde ein gut erhaltenes Wohnhaus abgerissen. »Hier muss ein weiteres Gebäude der Ostmoderne einem teuren Bürohaus weichen«, erklärte eine der Aktivist*innen des Berliner Bündnisses gegen Abriss am Busmikrofon. Das Bündnis wurde von Künstler*innen und Architekturstudent*innen gegründet, die sich gegen das Credo wenden, dass Berlin immer neue Bürohäuser und Lofts brauche. In letzter Zeit fand es mit seiner Forderung, gut erhaltenen Wohnraum aus Umweltgründen zu sanieren, statt abzureißen, zunehmend Gehör. Am 25. Februar organisierten sie eine Demonstration von der Kurfürstenstraße zur Urania – in einer Gegend, in der gleich mehrere gut erhaltene Gebäude verschwinden sollen.

Die für die Demonstration gebastelten Modelle der vom Abriss bedrohten Gebäude wurden auch auf der Busfahrt mitgeführt. An mehreren Stellen gab es kurze Zwischenstopps, wo sie ausgepackt wurden. Die Reisegruppe platzierte sich dann hinter dem Transparent »Stopp den Abriss« und sorgte damit in der Nachbarschaft für Aufmerksamkeit und oft auch für Zustimmung.

Auf einem Zwischenstopp am Hermannplatz am ebenfalls von Abriss bedrohten Gebäudekomplex des Warenhauses Karstadt blieben Passant*innen stehen und informierten sich darüber, dass der ehemalige grüne Außenminister Joschka Fischer mit seiner Beraterfirma für den Eigentümer Signa arbeitet, der den Komplex abreißen und dort ein pseudohistorisches Gebäude errichten will.

Die Anwohner*innen-Initiative, die sich dagegen wehrt, bewirtet die Fahrgäste der solidarischen Bustour auch mit Essen und Getränken. Für den freundlichen Empfang sorgte die Küche für Alle, die seit einem Jahr jeden Sonntag ab 14 Uhr in einem Kiosk am Rande des Hermannplatzes Essen und Getränke auf Spendenbasis anbietet. »Damit machen wir die Alternative deutlich – statt eines Nobel-Kaufhauses für Besserverdienende wollen wir dafür sorgen, dass die Menschen mit wenig Geld nicht vertrieben werden«, sagte Britta, die am Sonntag bei der Küche für Alle half.

Die soziale Frage stand bei vielen der Stationen, die auf der Bustour angesteuert wurden, im Mittelpunkt. So berichtete eine langjährige Mieterin der Jagowstraße 35, dass in dem Haus bezahlbarer Wohnraum vernichtet werden soll. Der Eigentümer hat beim Bauamt den Antrag auf Abriss des Vorderhauses und den Bau einer Tiefgarage gestellt. Auch der Seitenflügel soll teuer saniert werden. »Wir protestieren seit Jahren gegen die Entmietung. Oft werden wir gar nicht gehört, sodass ich manchmal zweifle, ob wir noch in einem Rechtsstaat leben«, sagt eine Mieterin. Sie bedankte sich ausdrücklich bei den Teilnehmer*innen der Bustour. »Es macht uns Mut, dass Sie extra zu uns kommen, um uns zu unterstützen«, sagte sie zum Abschied.

Worte des Dankes kamen auch von Mieter*innen der Tegeler Straße 2 bis 5, wo der Bayer-Konzern Häuser abreißen lassen will. An dem Plattenbau in der Straße der Pariser Kommune 20 warteten keine Bewohner*innen mehr. Das Gebäude steht seit Wochen leer, die Eigentümer ließ Fenster und Sanitäranlagen ausbauen. »Für einen Großteil der Bewohner*innen, überwiegend Rom*nja aus Rumänien, konnte Ersatzwohnraum in besserem Zustand gefunden werden«, informierte ein Aktivst.

Der Abriss verzögere sich aber. In das Gebäude seien Mauersegler eingezogen, und damit sind zumindest in deren Brutzeit keine weiteren Bauarbeiten an dem Gebäude möglich. Für die gefiederten Bündnispartner, die den Abriss wenigstens verschieben, gab es im Bus spontanen Applaus.

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