Revolution im Iran: »Feminismus bedeutet sehr viel Engagement«

Suzan Karimi über die Revolution im Iran, den Aktivismus im Land und das Leben in Europa

  • Leonie Ruhland
  • Lesedauer: 7 Min.
Einen Monat, bevor Suzan Karimi nach Utrecht zog, begann in ihrem Heimatland Iran die Revolution.
Einen Monat, bevor Suzan Karimi nach Utrecht zog, begann in ihrem Heimatland Iran die Revolution.

Frau Karimi, wie sah Ihre letzte Woche aus?

Interview

Suzan Karimi, 29, studiert Gender Studies in Utrecht. In ihrer Heimat Iran war sie eine feministische Aktivistin und freie Autorin. Die Revolution begann nur einen Monat nach ihrer Abreise aus dem Land.

Sie war düster, und das nicht nur wegen des Wetters. Ich spüre ein Gefühl, das ich geografische Schizophrenie nenne. Mein Geist ist irgendwo zwischen meinen Freund*innen und einem Kampf, mit dem ich mich absolut identifizieren kann, weil er mit jedem Herzschlag meines Lebens zu tun hat. Du spürst diese manische Freude, während sich die Revolution ausbreitet. Gleichzeitig zeigt die Islamische Republik ihr wahres Gesicht und exekutiert 20- oder 19-Jährige ohne Vorankündigung. In diesen Zeiten wird meine physische Distanz deutlich.

Weil Sie hier in Utrecht sind und nicht im Iran. Können Sie mir etwas über Ihre persönliche Perspektive auf den Start der Revolution erzählen?

Das ist heute interessant zu beantworten. Es gab eine ähnliche Situation, bevor im Herbst 2022 alles begann. Der Jahrestag der Hinrichtung des Ringers Navid Afkari hatte einen landesweiten Konflikt ausgelöst. Er war auch ein gewöhnlicher Mensch, der vor Jahren bei einem der Proteste von der Straße geholt wurde. Da wir Bilder von ihm beim Tanzen gesehen und seine Stimme gehört haben, war seine Hinrichtung für uns alle traumatisierend. Als sie Jina Amini töteten, verschlimmerte sich diese Situation.

Alle waren pissed.

Ja, sehr. Vor allem Feministinnen im Iran wussten, dass dies eine neue Welle ist, die bereits vor Jahren begonnen hat. Dieser Frust traf auf Feministinnen und Frauen, die die Initiative ergriffen. Aber ich war trotzdem total überrascht. Ich hatte das Land verlassen, weil ich sicher war, dass die Dinge, die wir wollten, so früh nicht passieren würden.

Würden Sie sich jetzt wünschen, Sie wären geblieben?

Es ist ein bisschen seltsam. Ich war mir sicher, wenn ich dort wäre, ginge es mir noch beschissener. Ich säße entweder bereits im Gefängnis oder ich stünde außerhalb, am Boden zerstört wegen der Menschen darin. Diese Distanz gibt ein Gefühl, als wäre man nirgendwo. Du bist nicht dort und du bist nicht wirklich hier. Du kannst dich nicht mit dem Leben und den Menschen hier identifizieren und du kannst nicht mit deinen Gleichgesinnten dort kämpfen. Dennoch würde ich sagen, dass ich hier besser dran bin. Ich kann mehr Dinge tun.

Zum Beispiel?

Erstens kann ich auf eine freie Weise schreiben, wie ich es dort nicht konnte. Ich erinnere mich an eine der ersten Erfahrungen hier, als ich ohne Angst den Namen des obersten Führers aufgeschrieben habe, und das nur in meinem persönlichen Tagebuch. Sich frei zu äußern, ist etwas, das man im Iran nicht machen kann. Als Feministin hätte man diesen Raum natürlich gerne. Und diesen Raum gibt es hier. Obwohl – ich will nicht wertend sein, aber der Feminismus im Iran ist ganz anders als hier, sehr viel leidenschaftlicher und ernsthafter.

Können Sie mir das erklären?

Viele Menschen haben sich dort aus der Not heraus dem Feminismus zugewandt, weil sie eine Lebensweise finden müssen, Wege finden, Dinge ändern zu können. Feminismus bedeutet dort also sehr viel Engagement und quasi, 24/7 Feministin zu sein, nicht nur im akademischen oder aktivistischen Sinne.

Feminismus als eine Art Gegenpolitik zum Mainstream im Iran.

Ja. Eine Zeit lang waren nur Frauen Feministinnen. Aber die Ereignisse in den letzten Jahren haben den Stand des Feminismus gepusht. Das Neue und Ermächtigende an dieser Revolution ist, dass sich alle marginalisierten Körper in diesem Glauben an Frauen, Leben und Freiheit wiedergefunden haben. Es ist das größte Bündnis zwischen Frauen aus allen Klassen und allen möglichen Orten und Ländern. Wenn ich mit Leuten im Iran spreche, sind jetzt sogar Cis-Männer involviert, die früher nicht so viel Ahnung von Feminismus hatten. Es breitet sich immer weiter aus.

Es ist eine feministische Revolution.

Ich würde es eine feministische Revolution nennen, obwohl viele Leute es nicht mögen, wenn ich das sage (lacht). Meine Freund*innen und ich wussten, dass es nur eine feministische oder von Frauen geführte Revolution sein kann, die uns alle retten würde. Denn die Regierung spaltet Menschen in Bezug auf Klasse, ethnische Zugehörigkeit und vieles mehr. Was sie nicht überwinden können, ist, dass sich in all diesen Sparten Frauen befinden, die zusammenkommen und diese Spaltung überwinden können.

Sie sind also auch aus Not heraus feministische Aktivistin?

Es erschreckt mich ein wenig, es Aktivismus zu nennen. Ich erinnere mich, dass es mich total getriggert hat, als ein Klassenkamerad hier in Utrecht zu mir sagte: »Es ist gut, dass du dich entschieden hast, eine Aktivistin zu sein.« Ich war kurz davor zu weinen. Ich wäre gerne keine Aktivistin gewesen. Ich wollte keine Aktivistin sein. Aber ich habe keine Wahl. Ich würde mich beschissen fühlen, weil Iran das Land ist, in dem ich aufgewachsen bin und alle Teile meines Wesens eine Beziehung zu diesem politischen System haben.

Sie sind im Jina-Kollektiv aktiv. Können Sie mir ein wenig darüber erzählen?

Die iranische Diaspora ist riesig. Gleichzeitig ist es schwierig, eine Gruppe von Menschen zu finden, die völlig einer Meinung sind. Das Jina-Kollektiv schweißt uns zusammen. Wir wollten mehr tun, wir wollten uns zu dem Glauben bekennen, dass dies eine feministische Revolution ist, und wir wollten diese feministische Revolution weiter vorantreiben.

Sie sind gewissermaßen eine Art Subaktivist*innengruppe der iranischen Revolution.

Ja, ein Teil unserer Arbeit besteht darin, das Bewusstsein dafür zu schärfen. Aber es gibt noch andere Dinge, die wir gerne tun würden. Eine davon besteht darin, internationale Verbündete zu finden und zu versuchen, es zu einer transnationalen Sache zu machen. Daneben versuchen wir, den Kampf für das iranische Volk so gut wie möglich zu erleichtern.

Und wahrscheinlich sind die Mitglieder des Kollektivs auch eine Art Stütze füreinander?

Sicher. Die Kraft, dasselbe Verlangen zu haben, verbindet, ohne dass sich Menschen lange kennen müssen. Und das Gefühl habe ich nicht nur bei meinen iranischen Freund*innen. Es gibt Menschen, die sich aus ihrer eigenen Subjektivität in meine Situation hineinversetzen können. Nichtbinäre Menschen zum Beispiel. Hier ist interessant zu erfahren, wie sich auch weiße Menschen aufgrund ihrer Körpererfahrung auf mein Empfinden beziehen können.

Ihre Situation ist mit dem Umzug ins Ausland also schon ganz neu, jetzt passieren all diese Dinge zu Hause – woher nehmen Sie die Kraft, weiterzumachen?

In manchen Momenten spüre ich überhaupt keine Kraft. Aber in einer Revolution zu sein, ist hilfreich, weil du in deinem Ego nicht so eingeschränkt bist. Du als Individuum bist nicht mehr wichtig. Du fängst an, dich selbst als eine Ansammlung von Fähigkeiten oder Energien zu sehen, die du irgendwo unterbringen kannst. Mit diesem Gedanken geht es leichter weiter.

Haben Sie Pläne für die Zeit nach dem Studium?

Ich wollte immer Schriftstellerin werden. Ich habe zwei Bücher und einige kleine Artikel veröffentlicht, vorrangig feministische, theoretische Dinge sowie Essays. Ich interessiere mich sehr für feministische Philosophie und Literaturtheorie und eine Art Kulturkritik. Ich könnte mir vorstellen, in eine schriftstellerische Laufbahn einzusteigen, sei es an der Akademie oder als Freiberuflerin.

Gibt es etwas, das Sie an die Menschen in Europa richten möchten?

Nach meiner persönlichen Erfahrung waren Frauen und Feministinnen im Iran am fähigsten, Dinge zu organisieren. Ich würde mir also mehr Feminismus wünschen und mehr Macht für feministische Aktionen. Außerdem glaube ich, dass diese Hyperindividualisierung der Menschen sehr giftig ist. Ich frage mich immer, warum viele so zögern, strukturelle Verbindungen für sich selbst herzustellen, wie zum Beispiel alle Regierungen der Welt irgendwie miteinander verbunden sind. Wenn sie anfangen würden, über die moralischen Begriffe des individuellen Interesses oder der Verpflichtung hinaus über Solidarität nachzudenken, würden sie vielleicht auch mehr Potenzial in Bezug auf ihr eigenes Leben erkennen.

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