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Zu Fuß heraus zum 1. Mai auf Kuba

In Kuba ersetzen dezentrale Festveranstaltungen die Massenkundgebung

  • Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist ein Indiz für die prekäre Versorgungslage: Was seit 1959, abgesehen von der Zeit der Corona-Pandemie, immer gelang, gelingt 2023 nicht. Am 1. Mai mobilisieren die kubanischen Behörden in der Regel Hunderttausende von Menschen an den Arbeitsplätzen und stellen Hunderte von Bussen für die Teilnehmenden bereit, um den Erfolg der Feierlichkeiten zu gewährleisten. 2023 werden die Prioritäten anders gesetzt, die zentrale Maiparade wurde abgesagt. Der Generalsekretär des Gewerkschaftsbunds CTC, Ulises Guilarte de Nacimiento, erklärte auf einer Pressekonferenz am Dienstag, die Entscheidung sei angesichts der begrenzten Verfügbarkeit von Treibstoff getroffen worden. »Die schwierige wirtschaftliche Lage, insbesondere die Einschränkungen bei der Treibstoffversorgung, haben uns dazu veranlasst, die ursprüngliche Planung für die Feierlichkeiten zum Internationalen Tag der Arbeit zu verändern«, sagte er. Stattdessen würden kleinere Veranstaltungen im ganzen Land abgehalten, die die Menschen zu Fuß erreichen könnten, was einen möglichst geringen Treibstoffverbrauch ermögliche.

In Havanna soll es einen zentralen Akt am Malecón geben. Die Uferpromenade ist ein symbolträchtiger Ort. Sie war in der Vergangenheit immer wieder Schauplatz wichtiger Mobilisierungen. Guilarte erklärte, dass schätzungsweise 120 000 Einwohner Havannas aus den fünf Stadtbezirken Cerro, La Habana Vieja, Centro Habana, Playa und Plaza an der Veranstaltung auf dem Malecón teilnehmen werden, um ihre Unterstützung für die Revolution zum Ausdruck zu bringen und die US-Blockade zu verurteilen, die das Haupthindernis für die Verwirklichung der Entwicklungsprogramme darstelle.

In den Jahren 2020 und 2021 war die Maiparade der Covid-19-Pandemie zum Opfer gefallen. Der Krisenmodus ist zum Dauerzustand auf Kuba geworden. Nach monatelangen Stromausfällen aufgrund des bedauernswerten Zustands zahlreicher Kraftwerke lähmt seit einigen Wochen eine neue Krise bei der Treibstoffversorgung den öffentlichen und privaten Verkehr auf der Insel und führt zu kilometerlangen Warteschlangen an den Tankstellen. Auto- und Taxifahrer schlafen zum Teil in ihren Fahrzeugen, während sie auf Tankwagen warten, von denen niemand weiß, ob und wann sie eintreffen werden. In einigen Provinzen wurde der Verkauf von Benzin und Diesel rationiert, zum Teil wurde sogar die Nutzung privater Fahrzeuge verboten, um öffentlichen Fahrzeugen wie Krankenwagen, Taxis und Bestattungsfahrzeugen Vorrang zu geben.

Die Gründe für die Mangelversorgung seien Lieferprobleme, erklärte Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel in der vergangenen Woche. Länder, mit denen Kuba Vereinbarungen über die Lieferung von Benzin habe, befänden sich ebenfalls in einer komplizierten Energiesituation und seien deshalb nicht in der Lage, ihre Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Das führe dazu, dass von den 500 bis 600 Tonnen Treibstoff, die das Land täglich verbrauche, im Moment weniger als 400 Tonnen für alle Aktivitäten im Land zur Verfügung stünden. Der Präsident stellte klar, dass diese Situation nichts mit der Ineffizienz des Landes oder den Problemen der Wärmekraftwerke oder Raffinerien zu tun habe, sondern vielmehr mit den ebenfalls sehr objektiven Gründen, die die Länder hätten, die Kuba mit Benzin versorgten.

Die Schwierigkeiten der Lieferanten würden durch die Auswirkungen der US-Blockade gegen Kuba noch verschärft, sagte der Minister für Energie und Bergbau, Vicente de la O Levy. Die Blockade erschwere es, Tanker für den Transport von Treibstoff und Finanzierungen zu bekommen. Aufgrund des Mangels habe die Regierung beschlossen, den verfügbaren Treibstoff in reduzierten Mengen zu verteilen, um ein gewisses Maß an Versorgung zu gewährleisten, so der Energieminister. Er kündigte an, dass die Rationierung in den verbleibenden April- und den ersten Maitagen fortgesetzt werde. Viele hoffen, dass die Behörden wie bei anderen Gelegenheiten auch irgendwo einen Öltanker »auftreiben« werden und dass auch diese neue Krise vorübergehen wird. Diesmal jedoch scheint die Lage vertrackter.

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