Glitterclit: Die Gesellschaft macht Identität an Genitalien fest

Linu Lätitia Blatt über Sexualpädagogik, Geschlechterklischees und das Sprechen über Körper

  • Julia Hummer
  • Lesedauer: 7 Min.
Linu Lätitia Blatt ist Teil des sexualpädagogischen Kunstkollektivs Glitterclit aus Frankfurt am Main.
Linu Lätitia Blatt ist Teil des sexualpädagogischen Kunstkollektivs Glitterclit aus Frankfurt am Main.

Wie kam es zu eurem ersten glitzernden Klitoris-Modell?

Die Idee von »Doris die Klitoris«, entstand durch eine grundlegende Erfahrung: Wir und sehr viele andere Personen sind mit der Vorstellung aufgewachsen, die Klitoris sei ein kleiner Knubbel. Das vollständige Organ mit Schwellkörper war bis vor wenigen Jahren weder im Sexualunterricht noch in größeren Medien präsent. Diese gesamtgesellschaftliche Wissenslücke über den Körper und die Tatsache, dass Noa Lovis Peifer verdammt gut nähen kann, führten 2019 zu dem ersten kuscheligen und glitzernden Modell von Doris der Klitoris. Mittlerweile gibt’s auch bunt-glitzernde Vulven und Penisse in unserem Online-Shop.

Seid ihr Künstler*innen oder Sexual-
pädagog*innen?

Eine Mischung aus beidem – seit 2019 sind wir das sexualpädagogische Kunstkollektiv Glitterclit. Das bedeutet konkret: Wir nutzen künstlerische Methoden, um sexualpädagogische Inhalte zu vermitteln, und sexualpädagogische Methoden, um Kunst zu machen. Nach dem Lehramtsstudium haben wir eine sexualpädagogische Weiterbildung gemacht und konzentrieren uns mit Glitterclit auf ästhetische, zugängliche und manchmal auch witzige Materialien für die sexuelle Bildung. Dabei geht es immer auch darum, Zugänge zu Wissen über den eigenen Körper zu schaffen. Alle lernen, wie man Kondome überzieht und welche sexuell übertragbaren Krankheiten es gibt. Das ist total wichtig, aber uns fehlt manchmal der unbeschwerte, freie und positive Zugang zu körperbezogenen Themen. Sexualpädagogik darf auch Spaß machen und lustig sein.

Gibt es einen Mangel an solchen positiven und ansprechenden Materialien?

Es gibt spannende und coole Dinge, zum Beispiel die »Vielfältigen Modelle« von Vielma oder die Vulva-Puppet von Dorrie Lane. Leider sind diese wertvollen Materialien oft nur innerhalb feministischer oder sexualpädagogischer Kreise bekannt. Und das ist unser Anspruch: auch Menschen zu erreichen, die nicht in einer feministischen Bubble stecken. Instagram ist dafür ein gutes Tool, weil es viele Menschen nutzen. Aus dem gleichen Grund haben wir auch die Website »Körperwörter« gegründet. Dort rezensieren wir sexualpädagogische Bücher, schreiben kurze Inhaltsangaben und geben Hinweise. Zum Beispiel, ob ein Buch nur binäre cis Personen zeigt oder welche Lektüre wir als Ergänzung empfehlen. Das verschafft Menschen, die pädagogisch tätig sind, oder auch Eltern und Bezugspersonen einen guten Überblick.

Warum ist das Wissen über Genitalien – und vor allem über Vulva, Vagina und Klitoris – in unserer Gesellschaft so schlecht?

Das hat etwas mit patriarchalen Strukturen und Geschlechterrollen zu tun. Weiblich gelesene Körper und insbesondere Genitalien sind immer noch an eine gesellschaftliche Vorstellung von Passivität gekoppelt. Männliche hingegen gelten als aktiv. Das zeigen unsere Begriffe für Genitalien: »Scheide« beschreibt eine Hülle, in die das scharfe und kraftvolle Schwert hineingeschoben wird. Eine Scheide selbst hat keine aktiven Eigenschaften, ist nicht ganz so wichtig und nicht so sichtbar. Und dieser erzählte Gegensatz sitzt in unserer Gesellschaft sehr tief. Von ihm werden vergeschlechtliche Klischees und Rollenbilder abgeleitet, die das Leben von Menschen grundlegend prägen. Dieses Narrativ lässt uns als Gesellschaft glauben, dass wir aus dem Blick auf das Genital relevantes Wissen über die zugehörige Person ableiten könnten. Zum Beispiel, ob sie ein Mann, eine Frau oder nichts von beidem ist. Dabei lässt sich an Genitalien erstmal gar nichts über die zugehörige Person ablesen. Genitalien sind einfach nur Genitalien. Lasst die Genitalien in Ruhe!

Die hohe Nachfrage nach eurem neuen Buch »Untenrum. Und wie sagst du?« zeigt auch, dass es einen Bedarf an besseren Materialien gibt.

Ja, die erste Auflage war nach zwei Wochen ausverkauft. Das Konzept und den Text für das Buch planten wir seit zwei Jahren, und in der Zeit sind auch andere feministische Kinderbücher erschienen. Wir hatten fast Angst, dass wir schon zu spät sind. Aber es scheint genau der richtige Zeitpunkt zu sein, und deshalb hat unser Verlag nachgedruckt.

Worum geht es in dem Buch?

Es geht um ein vierjähriges Kind, Lo. An einem Tag kommt Lo vom Kindergarten nach Hause und fragt Papa, was das »Untenrum« sei. Daraufhin fangen sie gemeinsam an, sich über Genitalien, also Untenrums, Gedanken zu machen. Lo lernt Wörter für das Untenrum und denkt sich selbst welche aus. Die Familie spricht unter anderem darüber, was verschiedene Genitalien können, wie Kinder entstehen und dass Erwachsene niemals in Körperspiele von Kindern involviert sein dürfen. Im Buch steht Sprache im Zentrum. Es zeigt, dass es in verschiedenen Kontexten verschiedene Begriffe für Genitalien gibt. Vulva und Penis sind solche, die zum Beispiel in der Arztpraxis angebracht sind. Aber welche Wörter Menschen für ihr eigenes Genital finden, darf viel freier und intimer sein. Dazu laden wir die Leser*innen auch immer wieder ein: Dinge selbst zu reflektieren und gemeinsam mit Kindern einen offenen und sanften Zugang zu körperbezogenen Themen zu finden.

Funktioniert das auch für Personen, die mit dem Thema überfordert sind?

Ja, im Buch ist Papa auch erst mal etwas überrumpelt von Los Frage. Und das ist vollkommen in Ordnung. Genitalien sind von gesellschaftlichen Tabus besetzt, damit sind wir alle aufgewachsen, und es fällt vielen Menschen schwer, souverän und locker darüber zu sprechen. Deswegen haben wir auch am Ende des Buches einen Teil für Erwachsene hinzugefügt, der Eltern oder Bezugspersonen ein paar Tipps an die Hand gibt, wie man mit Kindern über körperbezogene Themen sprechen kann. Denn das Sprechen über Genitalien ist wichtig: Es geht darum, Kinder zu befähigen und ihren Körper kennenzulernen. Wenn Kinder die Begriffe für ihr Untenrum nicht kennen, nimmt man ihnen die Möglichkeit, auf Probleme hinzuweisen. Egal, ob es dabei um medizinische Dinge geht oder um Gewalt.

Wie ist das Feedback der Leser*innen?

Uns erreichen viele begeisterte Nachrichten auf Insta, gerade auch von Eltern und Pädagog*innen, die sich nicht jahrelang mit Gender Studies beschäftigt haben. Die Rückmeldungen sind, dass das Buch ermuntert, Spaß macht und nicht bevormundet. Und genau das war uns wichtig: dass wir als Akademiker*innen nicht von oben herab sprechen, sondern Räume zum Reflektieren eröffnen. Das Buch stellt viele Fragen, lädt zum Nachdenken ein und erklärt natürlich auch, was Genitalien alles können.

Euer Buch ist genderkritisch. Inwiefern spielt Queerness eine Rolle?

Das Geschlecht und die Pronomen von Lo bleiben offen und auch die Illustrationen geben nicht vor, ob Lo eher als männlich oder weiblich gelesen wird. Leser*innen können das für sich selbst entscheiden, ob sie Lo gendern wollen. Außerdem gibt es in der Geschichte eine nichtbinäre trans Person – Onte Stef. Onte ist ein eigenes Wort, dass sich Los Eltern überlegt haben – also weder Onkel noch Tante.

Hat das Kritik hervorgerufen?

Überraschend wenig. In ein paar Rezensionen haben Menschen geschrieben, dass sie den Teil zu Körpern toll fanden, aber dass Onte Stef oder auch das Thematisieren von inter Genitalien zu viel sei. Eine Person fand, dass das für Kinder zu extrem sei und sie damit überfordert wären. Unsere Haltung dazu ist klar: Es gibt nichtbinäre trans Personen, und die sind auch Teil von Familien; das war schon immer so. Und wenn man über Genitalien spricht, muss man auch über Identitäten sprechen. Unsere Gesellschaft macht schließlich Identitäten an Genitalien fest. Genau das lernt Lo im Buch: Wir schauen Neugeborenen zwischen die Beine und legen daraufhin fest, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Für manche stimmt das, aber das gilt eben nicht für alle Menschen. Viele der Menschen, für die diese Zuordnung nicht passt, benutzen das Wort »trans«, was einfach bedeutet, dass das ihnen zugewiesene Geschlecht nicht mit dem tatsächlichen Geschlecht übereinstimmt. Eigentlich gar nicht so kompliziert, oder? Aus unserer sexualpädagogischen Arbeit wissen Noa und ich, dass nicht die Kinder, sondern eher die Erwachsenen, die schon jahrzehntelang in diesen Kategorien denken, überfordert damit sind. Und wenn das so ist, dann ist das schade. Vor allem für die Kinder.

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