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Eine Branche sucht Entlastung

Am Klinikum Bielefeld startet ein Pilotprojekt zur Vier-Tage-Woche

  • Timo Lemmer
  • Lesedauer: 4 Min.
In Bielefeld will man testen, ob eine Vier-Tage-Woche gegen den Notstand in der Pflege helfen kann.
In Bielefeld will man testen, ob eine Vier-Tage-Woche gegen den Notstand in der Pflege helfen kann.

Jahrelanger Pflegenotstand mit teils dramatischer Unterbesetzung in Kliniken und Einrichtungen – das Image des Pflegeberufs: selbst ein Patient. Insbesondere Arbeitsbedingungen und Bezahlung stehen schon seit Langem im Fokus. Dabei kommen in Deutschland nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit auf 100 offene Stellen nur 33 arbeitslose Pflegefachleute. Das Klinikum Bielefeld geht jetzt probeweise neue Wege und greift dabei eine generelle Debatte über Arbeit der Zukunft auf: Die Vier-Tage-Woche startet im Sommer auf einer neuen internistischen Station mit 30 Betten als Pilotprojekt für Pflegekräfte. Pflegeexperten und Verbände fragen sich: Kann das funktionieren?

Der NRW-Vertretung des Berufsverbandes für Pflegeberufe ist neben dem Versuch in Ostwestfalen kein weiterer dieser Art im Land bekannt – deutschlandweit gibt es nur wenige vergleichbare. Der Berufsverband, die Pflegekammer NRW und die Gewerkschaft Verdi befürworten diesen Vorstoß grundsätzlich. Paulina Heckmann, Pflegerin auf einer Intensivstation in Köln-Kalk, schließt sich an: »Die Aussicht auf einen Tag mehr frei fände ich gut und motivierend.«

Heckmanns Kollegen im ab Juli geplanten Pilotprojekt sollen vier statt fünf Dienste pro Woche leisten, garantiert jedes zweite Wochenende frei haben und sich auf Dienstpläne verlassen können, so das Klinikum. Derzeit laufe die Stellenausschreibung für 30 Vollzeitstellen für die neugegründete Station, sagt Geschäftsführer Michael Ackermann. »Wir wollen Anreize für den Job setzen.« Man setze eine Anregung aus der Mitarbeiterschaft um. Aber: Die Wochenarbeitszeit soll sich dabei insgesamt nicht verkürzen. Tariflich sei schließlich eine Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden für eine Vollzeitstelle vorgesehen, so Ackermann. Das gibt wiederum den Pflegevertretern zu denken. Sie argumentieren, dass die Belastung sich nicht verringere, wenn der gleiche Arbeitsumfang in weniger Tagen geleistet werde. Auch Pflegerin Heckmann betont: »Solch lange Schichten können extrem fordernd sein. Wir haben das auch mal im Team diskutiert. Vor allem die Jüngeren waren dafür, die Erfahreneren eher dagegen.«

Den allgemeinen Denkanstoß begrüßen Interessensgruppen und Gewerkschaft. Nur so sei langfristig der immense Bedarf zu decken. Es sei »unglaublich wichtig«, verschiedene Arbeitszeitmodelle auszuprobieren, sagt NRW-Pflegekammer-Präsidentin Sandra Postel. Das Statistische Bundesamt hat berechnet, dass bis 2055 allein in NRW fast 1,6 Millionen pflegebedürftige Menschen zu erwarten sind. Das ist ein Zuwachs um etwa 400 000 im Vergleich zu 2021. Ein Job mit Zukunftsperspektive also. Doch die allein lockt offensichtlich nicht: Dass der Rückgang neuer Pflege-Azubis in NRW besonders drastisch ausfällt, stellte das Bundesamt ebenfalls fest.

Tim Bergmann, Gewerkschaftssekretär bei Verdi im Pflege-Fachbereich, pflichtet der Pflegekammer-Präsidentin bei. Längere Erholungsphasen seien ein wichtiges Instrument, aber nicht bei identischer Wochenleistung: »Wir reden von einem körperlich wie mental sehr fordernden Beruf.« Postel kritisiert gar den Begriff »Vier-Tage-Woche«. Dieser sei dann »unlauter«, »wenn am Ende niemand weniger gearbeitet hat«. Das sei kein Geschenk an die Mitarbeiter, sondern lediglich eine Umstrukturierung. Ein möglicher Flickenteppich verschiedener Arbeitszeitmodelle könnte aus seiner Sicht gar die Personalprobleme der Branche noch verschärfen. »Wir müssen aufpassen, dass sich Einrichtungen nicht gegenseitig das Personal entziehen«, mahnt er. Dennoch: Viele mögliche Vorteile des Modells lägen auf der Hand, argumentiert Postel. Sie verweist auf Beispiele aus Österreich. Wenn die Belegschaft hinter der Vier-Tage-Woche stehe, bringe die Umsetzung für alle etwas. Die Pflege suche ihre Zukunftsfähigkeit und stehe unter massivem Druck – notwendig seien neue Wege also allemal. Gewerkschafter Bergmann blickt deshalb auch positiv auf den Versuch in Bielefeld, weil er von einem Domino-Effekt ausgeht: »Wenn der erste Maximalversorger auf vier Arbeitstage umstellt, werden die anderen im Wettbewerb um Fachkräfte nachziehen.«

Dass in der Pflegebranche intensive Diskussionen darüber geführt werden, wie es weitergehen kann, das befürwortet auch Paulina Heckmann. Sie persönlich findet, »zwei Stunden mehr am Tag machen den Braten auch nicht mehr fett«, weiß aber auch, dass das andere Teammitglieder ihrer Station anders sehen. Ihr Wunsch: verschiedene Arbeitszeitmodelle, sodass alle glücklich sind – und letztlich die Patienten profitieren. dpa/nd

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