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Die Schockstrategie der Chicago-Boys

NAOMI KLEIN ÜBER DEN KATASTROPHENKAPITALISMUS

Vom Präsidentenpalast in Santiago de Chile bis nach Kabul und Bagdad zieht sich die Blutspur, vom überschwemmten New Orleans bis zu den Tsunamiküsten Sri Lankas reicht der Elendsgürtel, den die 1970 in Montreal geborene Naomi Klein ausmacht. Sie beschreibt den »Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus« und folgt der Spur der Katastrophengewinnler von jenem 11. September 1973 an, als Pinochet mit Unterstützung der CIA den chilenischen Volksfront-Premier Salvador Allende wegputschte.

Sie hätte auch früher ansetzen können, etwa am 19. August 1953, als, wiederum mit Unterstützung der CIA, die iranische Armee Ministerpräsident Mossadegh stürzte, der die britischen Ölgesellschaft im Lande verstaatlicht hatte. Aber da hätte die Autorin noch nicht die theoretischen und ideologischen Wegbereiter dessen namhaft machen können, was die Globalisierungskritikerin »Schockstrategie« nennt und was in aller Welt Schaden angerichtet hat: die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der University of Chicago, ihren damaligen charismatischen und hyperdynamischen Vorkämpfer Milton Friedman und den »Schutzheiligen« dieser Chicagoer Schule, Friedrich von Hayek. Dieser in Wien geborene Neoliberale früher Stunde war jahrzehntelang Professor an der London School of Economics, an der die Autorin heute Fellow ist, lehrte dann in Chicago, ehe er seine akademische Laufbahn 1968 in Freiburg/Breisgau beendete. Die »Chicago Boys« vertraten neoliberale Überzeugungen und haben noch heute viele Anhänger.

Naomi Klein dekliniert drei Jahrzehnte Weltgeschichte, belegt dabei die Rolle der »Chicago Boys« und ihrer internationalen Ableger und natürlich immer wieder die tätige Mitwirkung der CIA. Sie beklagt die Wehrlosigkeit der Menschen gegen die radikale Umverteilung von unten nach oben, ob in New Orleans, Bolivien, Polen oder China (wo übrigens Friedman schon vor Jahrzehnten der kommunistischen Partei für den Übergang zum Kapitalismus »wertvolle« Ratschläge gab), Südafrika oder Russland. Das gilt erst recht für Afghanistan und Irak. Naomi Klein zitiert den früheren Finanzminister der USA Paul O'Neill, der 2002 in Kabul zynisch von sich gab: »Es ist ein Vorteil für sie, bei Null anzufangen, denn anderswo muss man Systeme mitschleppen, die 100 oder 200 Jahre alt sind. So gesehen ist dies ein Vorteil für Afghanistan, mit den besten Ideen und dem besten technischen Know-how von vorne anzufangen.«

Ein Lehrstück ist für Naomi Klein auch Margaret Thatchers Politik: Als deren erste Wiederwahl 1982 gefährdet war und sie ihren neoliberalen Wirtschaftskurs nicht recht durchsetzen konnte, benutzte sie den Schock, den der anachronistische Krieg um die Falkland-Inseln auslöste, um im eigenen Land die Gewerkschaften niederzuringen und eine große Privatisierungswelle zu beginnen. Der Krieg als Schock, um bei der Stimmabgabe nachzuhelfen. Aber auch die Wirkung eines Schocks lässt irgendwann nach. Naomi Klein verweist auf Europa und Lateinamerika.

Den Kapitalismus stellt die Autorin nicht in Frage. Sie setzt auf verantwortungsvollere Varianten à la Keynes oder Roosevelt und auf das demokratische Prinzip Öffentlichkeit. In ihrem Buch hat sie zusammengefasst, was sich im Gedächtnis der Völker manchmal als Antiamerikanismus artikuliert, was in Wirklichkeit aber das Bewusstsein der verheerenden Folgen des Katastrophen-Kapitalismus weltweit ist.

Naomi Klein: Die Schockstrategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. S. Fischer, Frankfurt (Main). 763 S., geb., 22,90 EUR.

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