Wir Lemminge in der Klimakrise

Wolfgang Pomrehn hält das Nichtstun gegen die Klimakrise für unverantwortlich

  • Wolfgang Pomrehn
  • Lesedauer: 3 Min.

Sind wir eigentlich noch zu retten? Und ich meine nicht wir als Menschheit, um die es angesichts der galoppierenden Klimakrise, der um sich greifenden Waldbrände in Kanada und anderswo, des nächsten Dürrejahres, den asiatischen Hitzewellen diesmal schon im April und des herannahenden El-Niño-Jahres mit erneuten Rekordtemperaturen wirklich nicht gut bestellt ist. Die wird schon irgendwie überleben. Unsere – sehr wenigen – Ur-Ur-Ur-Enkel werden dann die Scherben aufräumen, die Küstenstädte aufgeben, die Deiche ins Inland verlegen und sich fragen, was die damals mit ihrem irrsinnigen Kapitalismus nur angerichtet haben? Wie konnte es sein, dass Milliarden Menschen wie die Lemminge das alles mitmachten?

Nein, ich meine nur uns, die deutsche Gesellschaft. Über die Menschheit als Ganzes nachzudenken ist ja in Zeiten der Zeitenwende, das heißt: der neuen imperialistischen Konfrontation, selbst in grünen Milieus nicht mehr angesagt. Man gilt schnell als Putin-Fan, wenn man die allgemeine Kriegsbegeisterung nicht teilen mag. Oder als Chinesen-Versteher, wenn man die Idee von der gemeinsamen Zukunft für alle als eine vernünftige Sache ansieht.

Wolfgang Pomrehn
Wolfgang Pomrehn ist freier Journalist und schreibt zu klimapolitischen Themen.

Anders ausgedrückt: Wie ist es um den Geisteszustand einer Gesellschaft bestellt, die einerseits Klimawissenschaftler, wie demnächst in Berlin, vor Gericht stellt, weil sie nach drei Jahrzehnten der leeren Versprechungen aus Protest gegen das Ausbleiben einer nennenswerten Klimaschutzpolitik, den zahllosen Staus auf den Straßen der Hauptstadt einen weiteren hinzugefügt haben? Oder die, wie am vergangenen Dienstag in Regensburg geschehen, einen jungen Solaringenieur aus seiner Wohnung abholen und in Polizeigewahrsam nehmen lässt, weil die Möglichkeit bestand, er könnte sich an einer ähnlichen Aktion beteiligen?

Gleichzeitig sieht die Gesellschaft andererseits zu, wie ihre Regierung auch noch das letzte bisschen Klimaschutz ad absurdum führt: Erst werden über Nacht Flüssiggas-Terminals für das besonders klimaschädliche Fracking-Gas aus den USA aus dem Boden gestampft. Und gleichzeitig bekommt RWE grünes Licht für die weitere Zerstörung von Dörfern und den fast zügellosen Abbau von Braunkohle. Dann wird für den Gebäudesektor, hierzulande immerhin eine der wichtigsten Quellen von Treibhausgasen, ein kastriertes Gesetz auf den Weg gebracht, das – ganz technologieoffen – einen weiter steigenden Verbrauch von Holz in Zeiten sterbender Wälder fördert, die eher als Kohlenstoffspeicher gebraucht würden.

Und schließlich soll auch noch mit der Entkernung des Klimaschutzgesetzes die Arbeitsverweigerung des Bundesverkehrsministers belohnt und legalisiert werden, der sich gegen jede noch so kleine Maßnahme wehrt, mit der in seinem Bereich der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert werden könnte. Die Sektorenziele, die nun gekippt werden sollen, waren erst 2021 nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts verschärft worden, das Parlament und Regierung bescheinigt hatte, mit ihrer Untätigkeit die Rechte der jungen Generation zu verletzen.

Das alles geschieht vor dem Hintergrund eines sich abzeichnenden weiteren Dürrejahres in Deutschland. Es passiert, während zugleich der Nordatlantik so warm wie nie ist, der Anstieg der Meere sich zu beschleunigen beginnt und der Dachverband der nationalen Wetterdienste, die Weltmeteorologieorganisation, bekannt gibt, dass bereits in den nächsten Jahren damit zu rechnen ist, dass der Jahresmittelwert der globalen Temperatur erstmalig die Grenze von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau erreichen wird.

Derweil macht das Vorgehen gegen Klimaproteste klar, wie die Antwort der im Interesse der fossilen Konzerne Verzögernden und Verhindernden auf die sich entfaltende Krise sein wird: Repression nach innen und unbarmherzige Militarisierung nach außen, die Klimaflüchtlinge abhalten und Reparationsforderungen abwehren soll. Die Flüchtlinge, die man dieser Tage kaltherzig vor der griechischen Küste ertrinken ließ, waren erst der Anfang.

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