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Niederländische Bauern: »Wir fühlen Druck und Ohnmacht«

Der Milchbauer Albert Hooijer über die Stickstoffpläne in den Niederlanden und die neue Partei BBB

  • Interview: Sarah Tekath
  • Lesedauer: 5 Min.
Blau-weiß-rot statt rot-weiß-blau ist die Flagge der Bauernprotestbewegung, die die Verhältnisse zurechtrücken will.
Blau-weiß-rot statt rot-weiß-blau ist die Flagge der Bauernprotestbewegung, die die Verhältnisse zurechtrücken will.

Die Niederlande sind weit davon entfernt, ihre Klimaziele zu erreichen. Deswegen setzt die Regierung aktuell strenge Stickstoff-Pläne um, die eine starke Reduzierung von Milchkühen vorsehen und vor allem die lokalen Bauern und Bäuerinnen treffen. Im Gespräch waren zwei Kühe auf der Fläche eines Fußballfeldes. Was würde das für Ihr Unternehmen bedeuten?

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Das bedeutet, dass ich den Umsatz meines Unternehmens, so wie es aktuell ist, nicht mehr vergrößern kann. Wir müssen wachsen, um zu überleben. Sonst sterben wir einen langsamen Tod. Wenn ich mehr Milchvieh haben will, muss ich erst mehr Land kaufen oder pachten. Außerdem wächst auf meinem Land mehr Gras, als diese zwei zugelassenen Kühe fressen werden.

Wie lange sind Sie schon Milchbauer?

Ich melke Kühe, seit ich 15 Jahre alt bin und seit ich 21 Jahre alt bin, bin ich als Unternehmer selbstständig.

Seit wann besteht dieser Milchviehbetrieb?

Seit 1929 mit meinem Großvater, dann kam mein Vater und jetzt ich. Wenn mein Sohn den Betrieb weiterführt, dann werden es vier Generationen und mehr als 100 Jahre sein.

Wie viel Vieh gibt es aktuell hier?

Wir besitzen 48 Hektar Land und grenzen damit an zwei Natura2000-Gebiete. Auf unserem Bauernhof leben 60 Milchkühe, 50 Stück Jungvieh und 50 Schafe. Die Milch geht in die Käseproduktion.

Die Niederlande sind weltbekannt für ihre Landwirtschaft. Wie würden Sie niederländische Bauern und Bäuerinnen beschreiben?

Wir haben so viel Fachkenntnis. Die Bauern und Bäuerinnen arbeiten sehr genau und leistungsorientiert. Wir kümmern uns gut um unser Land und unser Vieh und wir arbeiten jeden Tag mit der Natur. Wenn man uns unser Land wegnimmt, wer soll sich darum kümmern? Außerdem produzieren wir gesunde und wichtige Lebensmittel für die Bevölkerung. Die Menschen vergessen: Wenn sie den Bauern wehtun, tun sie sich selbst weh.

Ist die Arbeit als Milchbauer heute schwerer als früher?

Das politische Klima und die Entwicklungen in der Gesellschaft machen es schwer. Außerdem all die Regeln, denen wir heutzutage folgen müssen.

Ist das ein Problem, das erst in der Zeit von Ministerpräsident Mark Rutte entstanden ist, der nach 13 Jahren im Amt am 10. Juli zurückgetreten ist?

Nein, es hat angefangen mit dem Festlegen der Natura2000-Gebiete in den Niederlanden im Jahr 2000 und 2004. Und jedes Jahr werden die Regulierungen für uns strenger.

Durch die direkte Lage Ihres Hofs zwischen den Natura2000-Gebieten, glauben Sie, dass Ihr Hof für die aktuell besprochenen Aufkäufe durch die Regierung in Frage kommt?

Das denken wir seit vier Jahren – aber bisher ist noch nichts passiert.

Würden Sie einen Verkauf in Erwägung ziehen?

Nein, niemals. Wir machen genau das, was die Gesellschaft will. Unsere Kühe sind draußen auf dem Grasland, wir sind autark in der Futterproduktion und wir nutzen den Dung der Kühe auf unserem eigenen Land. Wir haben uns nach allem gerichtet, was die Gesellschaft in der Vergangenheit gefordert hat. Wir sind zu 40 Prozent verantwortlich für den Stickstoff. Die anderen 60 Prozent sind der Verkehr, der Flughafen und die Bevölkerung. Es wird gesagt, dass alle Sektoren gemäß ihres Anteils Einsparungen vornehmen müssen. Aber das macht Rutte nicht. Er nimmt allein die Bauern in die Verantwortung. Wir fühlen den Druck, aber wir fühlen auch die Ohnmacht. Wir haben das Gefühl, dass die Regierung nur auf den Landwirtschaftssektor schaut und den Rest der Bevölkerung einfach weitermachen lässt.

Die Bauernproteste im vergangenen Sommer machten auch den Eindruck, dass die Bauern sich nichts sagen lassen wollen. Stimmt das?

Ich würde sagen, teilweise. Uns stört die Art, wie die Gesellschaft, der »elitäre Grachtengürtel in der Stadt«, auf Bauern schaut. Es wird gerade im Land Stimmung gemacht gegen Bauern, in den Städten und in den Medien. Was Bauern betrifft, betrifft auch alle anderen. Denn jeder Bauer ernährt fünf weitere Familien im Land mit. Es gibt Regionen in den Niederlanden, da greifen Bevölkerung und Landwirtschaft noch wirklich ineinander und unterstützen einander. In den Städten ist das nicht mehr so.

Die Bauernpartei BBB verwendet häufig das Narrativ von den Bauern gegen die Menschen in den großen Städten. Ist die BBB populistisch?

Nein. Es sind Menschen, die die Gefühle der Gesellschaft auf eine treffende und ehrliche Weise nach vorne bringen. Sie machen die Dinge, die die aktuelle Regierung vergessen hat.

Glauben Sie, dass die BBB in der Lage ist, eine neue Regierung zu bilden und dass Caroline van der Plas neue Ministerpräsidentin werden könnte?

Interview

Albert Hooijer (64) hat den Bauernhof in Weesp, im Südosten von Amsterdam, von seinem Vater und Großvater übernommen. Aktuell ist geplant, dass sein Sohn Guus den Hof weiterführen wird, sofern die Pläne der Regierung das zulassen.

Ich bin davon überzeugt, dass die BBB gerade gute Leute für die Zweite Kammer und andere wichtige Posten sucht. Das höre ich auch in meinem Netzwerk. Sie sind jetzt seit 1,5 Jahren im Training, wie man richtig verhandelt und wie man Menschen zusammenbringt. Sie schließen auch niemanden aus. Denn sie wollen zusammenarbeiten und sie wollen Lösungen finden. Bezüglich Caroline, ich glaube gar nicht, dass sie das will. Für mich soll es einfach die Person sein, die für den Job am besten ist, damit wir eine Regierung bekommen, die realistisch ist, anstatt idealistisch. Ich habe 40 Jahre für dieselbe Partei gestimmt, die christdemokratische CDA. Aber jetzt nicht mehr. Ich denke, das spricht für sich selbst.

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