Geflüchtete aus der Ukraine: Knapp die Hälfte will länger bleiben

Eine Studie beschäftigt sich mit Lebensbedingungen und Perspektiven ukrainischer Geflüchteter

  • Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 4 Min.
Bildung ist ein bedeutender Aspekt für die Integration. Viele ukrainische Geflüchtete wollen in Deutschland bleiben.
Bildung ist ein bedeutender Aspekt für die Integration. Viele ukrainische Geflüchtete wollen in Deutschland bleiben.

Seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 ist ein Drittel der ukrainischen Bevölkerung auf der Flucht. Über 8,2 Millionen Ukrainer*innen befinden sich mittlerweile in anderen europäischen Staaten. Die meisten Geflüchteten leben inzwischen in Deutschland: Im Juli 2023 waren es hierzulande genau 1 074 864 Menschen. Von den Erwachsenen sind 67 Prozent Frauen und 33 Prozent Männer. Darüber hinaus wurden unter den erfassten Personen 346 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gezählt.

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Die Ukraine ist geprägt von massiven Kriegsschäden und der Zerstörung der zivilen Infrastruktur. Es herrscht weiterhin ein Mangel an der Grundversorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten. Auch die Lieferung von lebensrettenden Hilfsmitteln in das Land bleibt schwierig, da es in den umkämpften Gebieten keinen sicheren Zugang für humanitäre Hilfe gibt. Viele Menschen können oder wollen daher nicht in die Ukraine zurück.

Wie steht es aber um die Lebensbedingungen und Teilhabechancen der Geflüchteten? Mit dieser Frage haben sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und weitere staatliche Forschungsstellen beschäftigt und am Mittwoch eine Studie vorgestellt. Bereits im vergangenen Herbst wurden mehr als 11 000 geflüchtete Ukrainer*innen zwischen 18 und 70 Jahren in ganz Deutschland befragt, Anfang 2023 dann erneut fast 7000 Personen derselben Gruppe. Mit dieser zweiten repräsentativen Umfrage liefern die Forscher*innen bedeutende Ergebnisse für Integration, Perspektiven und Teilhabe der Geflüchteten.

Fast die Hälfte der aus der Ukraine geflüchteten Menschen möchte demnach längerfristig in der Bundesrepublik bleiben. 44 Prozent der Befragten sagten, zumindest noch einige Jahre oder vielleicht auch für immer bleiben zu wollen. Dies waren fünf Prozentpunkte mehr als 2022. Von jenen, die nicht für immer bleiben wollen, planen 38 Prozent eine Rückkehr nach Kriegsende. Weitere 30 Prozent wollen einen engen Kontakt nach Deutschland halten und zumindest zeitweise hier leben.

Eine große Rolle für die Bleibeabsichten spielten familiäre Situation und soziale Integration. Wer einen Partner oder eine Partnerin in der Ukraine hat, möchte deutlich seltener bleiben. Geflüchtete, die auf (Aus-)Bildungssuche sind, gute Deutschkenntnisse haben und sich hierzulande willkommen fühlen, wollen hingegen eher für immer bleiben.

Laut der Studie gab es unter den Ukrainer*innen insbesondere beim Erlernen der deutschen Sprache deutliche Fortschritte: Drei von vier ukrainischen Geflüchteten haben einen oder mehrere Deutschkurse besucht oder bereits abgeschlossen, am häufigsten einen Integrationskurs. »Da ein Großteil der Geflüchteten zu Jahresbeginn noch einen Integrationskurs besuchte, sollte der Anteil mit Abschlüssen mittlerweile weiter gestiegen sein«, erklärte Nina Rother vom Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. »Durch weitere Sprachkursbesuche sowie den Austausch im Privaten und im künftigen beruflichen Alltag dürften sich die Deutschkenntnisse noch weiter verbessern.«

Aufgrund der hohen Beteiligung an Sprach- und Integrationskursen, die die künftigen Arbeitsmarktchancen verbessern, ist die Erwerbstätigkeitsquote im Vergleich zum Spätsommer 2022 jedoch nur minimal gestiegen: 18 Prozent der 18- bis 64-Jährigen gingen zu Beginn des Jahres 2023 einer Beschäftigung nach, 2022 waren es 17 Prozent. Über zwei Drittel der ukrainischen Geflüchteten, die Anfang 2023 (noch) nicht erwerbstätig waren, wollen dies jedoch sofort oder innerhalb des kommenden Jahres tun.

»Das Zwischenfazit ist durchaus ermutigend – die gesellschaftliche Teilhabe hat zuletzt deutliche Fortschritte gemacht«, kommentierte Markus M. Grabka vom DIW die Ergebnisse der Studie. »Ein Selbstläufer ist das jedoch nicht«, ergänzte Yuliya Kosyakova vom Insitut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. »Die Geflüchteten benötigen Planungssicherheit, ob sie sich in Deutschland langfristig aufhalten dürfen – auch wenn der Krieg beendet sein wird. Gerade für den Deutscherwerb und die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit sind die Perspektiven enorm wichtig.«

Entscheidend für die Integration ist es, den familiären Kontext zu bedenken. Die große Mehrheit der Geflüchteten sind Frauen. Und die Hälfte von ihnen hat minderjährige Kinder, häufig noch nicht im Schulalter. Daher hat die Kinderbetreuung große Bedeutung. »Ein ausreichend großes Angebot an Kita-Plätzen ist für die große Gruppe ukrainischer Geflüchteter in Deutschland wichtig. Für Eltern, um Sprachkurse besuchen und eine Erwerbstätigkeit aufnehmen zu können – und für Kinder, um die Sprache zu lernen, einen strukturierten Alltag zu haben und Freunde zu finden«, betont Andreas Ette vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden.

Darüber hinaus wird in der Studie die Empfehlung formuliert, schnell über die Verlängerung des vorübergehenden Schutzes ukrainischer Geflüchteter über den März 2024 hinaus zu entscheiden oder andere längerfristige Aufenthaltsperspektiven zu schaffen. »Investitionen in die soziale Teilhabe und in Beschäftigungsverhältnisse setzen Planungs- und Rechtssicherheit sowie verlässliche Aufenthaltsperspektiven voraus – sowohl für die Geflüchteten selbst als auch für die deutsche Gesellschaft«, so die Studie. Zudem seien weiterhin ausreichende finanzielle Mittel und Personal für Integrationsprogramme, Bildung und Ausbildung erforderlich.

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