Die Liebe zu Haustieren: Murmurations

Wenn Haustiere anfangen, vom Besitzer Besitz zu ergreifen

  • Olga Hohmann
  • Lesedauer: 3 Min.
Wellensittiche tun nur so als würde man sie als Haustiere besitzen.
Wellensittiche tun nur so als würde man sie als Haustiere besitzen.

Vogelschwärme, Starformationen, nennt man im Englischen »Murmurations«. »Murmurations« erinnert linguistisch natürlich an den Begriff des »Murmelns«. Das Murmeln hat keinen Anfang und kein Ende hat, ähnlich wie Gossip, den die Schüler*innen vor dem Beginn der Schulstunde austauschen – das Gespräch wird normalerweise davon beendet, dass eine Autorität, eine Lehrer*in, den Raum betritt und die Hoheit über die Rede beansprucht. In der Improvisation, sagt Fred Moten in seinem Buch über Jazz, »In the Break«, wird das Fehlen jener Hoheit affirmiert: Das, was vor Beginn der Schulstunde und nach ihrem Ende passiert, das Inoffizielle, das Nebensächliche, »Backstage«, das Stimmen der Instrumente, der Orchestergraben – all das soll nicht nur rückwirkend Teil der Komposition werden, sondern ist es bereits.

Ich denke an die Vögel, die ich als Kind hatte – sofern man Haustiere wirklich »besitzt«. Es waren Wellensittiche und Nymphensittiche – und in Wirklichkeit besaßen sie natürlich uns. Die ersten beiden hatte ich geschenkt bekommen, von einer Kollegin meiner Mutter, der Rest war uns in den Sommern, in denen wir den Vogelkäfig auf den Balkon gestellt hatten, zugeflogen. Zuerst hatten wir die Tiere noch versucht zu zähmen, zu trainieren, einer der Nymphensittiche saß tatsächlich anfangs ab und zu auf meiner Schulter. Als der andere Nymphensittich dazukam, er hatte plötzlich in einem Sommer einfach auf dem Dach des Käfigs gesessen, waren die beiden Vögel eher mit sich selbst beschäftigt als mit den Menschen, ihren scheinbaren Besitzer*innen.

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist, und versucht es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen.

dasnd.de/hohmann

Sie flogen den ganzen Tag im Kreis durchs Wohnzimmer und knabberten die Beschichtung der Fensterrahmen ab. Mein Vater und ich, die offiziellen Halter*innen, hatten kaum mehr etwas mit ihnen zu tun, außer dass wir uns gegenseitig daran erinnern mussten, nicht zu vergessen, ihnen einmal am Tag Körner und frisches Wasser zu geben. Der Geruch von trockener Vogelkacke hat sich mir tief ins Gedächtnis gebrannt, irgendwann roch die ganze Wohnung so – es war kein »ekliger« Geruch im klassischen oder archaischen Sinne, trotzdem hatte er eine staubige Komponente, die auf ihre eigene Art etwas Abstoßendes hatte.

Wenn ich unter der U-Bahn-Brücke am Kottbusser Tor entlanggehe, fühle ich mich an den Geruch in meinem Wohnzimmer erinnert, das die Vögel übernommen hatten, wie eine Besetzung. Mein Vater taufte den zugeflogenen Nymphensittich »Caruso«, ich hatte damals keine Ahnung, auf welche historische Figur sich das bezog. Das Gezwitscher Carusos, das tatsächlich wenig mit Gesang gemein hatte, ist bis heute eines der wenigen Tiergeräusche, die ich einwandfrei imitieren kann. Meine Freundin J. wiederum kann immer noch täuschend echt bellen wie ihr verstorbener Hund.

Enrico Caruso war, das weiß ich erst jetzt, ein Kette rauchender Opernsänger der Stimmlage »Tenor«, einer der ersten richtigen »Opernstars« zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine Stimme war so schön, dass sie Menschen zu Übersprungshandlungen verleitete: Seine Bühnenpartnerin, die Sopranistin Lina Cavalieri, fiel ihm zum Beispiel auf offener Bühne um den Hals und gab ihm, statt des vereinbarten »Bühnenkusses« einen echten, langen Kuss auf den Mund, vielleicht sogar einen Zungenkuss.

Eine andere Kollegin, Geraldine Farrar, brach über die Schönheit seines Gesangs in Tränen aus und vergaß, ihre Partie zu singen. Als er – viel zu früh – verstarb, waren die Gebäudefassaden der Innenstadt seiner Heimatstadt Neapel einen Tag lang mit schwarzen Tüchern verhängt, die Geschäfte blieben geschlossen.

»Unsere« Vögel schienen unsterblich zu sein – irgendwann gaben wir sie in eine Freivoliere, wo sie jetzt, gemeinsam mit Artgenoss*innen, die ebenfalls eine gelbe Federfrisur und rote Bäckchen haben, immer noch am Leben sind. Als wir aus der Wohnung auszogen, mussten wir eine hohe Summe für die Renovierung der abgenagten und vollgekackten historischen Fensterrahmen zahlen.

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