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Rechte Trolle auf X: Werk eines Gutsherren

Seit Elon Musk Twitter übernommen hat, finden sich immer mehr extrem rechte Inhalte auf der Plattform – überraschend ist das angesichts seiner eigenen Äußerungen nicht

  • Johannes Reinhardt
  • Lesedauer: 4 Min.

Twitter heißt jetzt X – sonst ändert sich nix? Doch, es hat sich sogar eine ganze Menge bei der Mikroblogging-Plattform geändert, und das nicht erst, seit sie einen neuen Namen hat. Nachdem Elon Musk das Unternehmen im vergangenen Jahr für 44 Milliarden US-Dollar gekauft hat, führt er sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen auf.

Bereits eine Woche nach seiner Übernahme entließ er etwa der Hälfte der bis dahin 7500 Beschäftigten; die Führungsetage hatte er sogar direkt nach dem Kauf vor die Tür gesetzt. Musk führte eine Bezahlmitgliedschaft bei Twitter ein, bei der die als »blaue Haken« bekannten Symbole, die vorher verifizierte Personen des öffentlichen Lebens kennzeichneten, nun zum Preis von acht US-Dollar jedes beliebige Profil zieren können. Allem Vernehmen nach wird diese Option vor allem von sogenannten Trollen genutzt, das heißt von meist anonym agierenden Personen, die hauptsächlich Provokationen verbreiten. Denn Musk führte sogar ein, dass die zahlenden Nutzer mit ihren Beiträgen und Kommentaren mehr Reichweite erhalten, selbst wenn sie kaum eigene Follower haben.

Anfang Juli dieses Jahres begrenzte Twitter, wie viele Beiträge die Nutzer täglich lesen können. Zahlende Nutzer konnten 6000 Tweets täglich lesen, andere Nutzer 600 und neu registrierte Nutzer nur 300. Seitdem wurden die Limitierungen zweimal erhöht; mittlerweile liegen sie bei 10 000 Tweets für zahlende Nutzer, 1000 für nicht zahlende und 500 für neue Nutzer. Ohne angemeldet zu sein, kann man indes nicht mehr auf der Social-Media-Plattform stöbern.

Überdies heißt der Dienst eben nicht einmal mehr Twitter, sondern trägt nun den überdeterminierten Titel X. Dass das aus Sicht von Marketingexperten eine schlechte Wahl ist, leuchtet ein. Zu groß ist die Verwechslungsgefahr; zudem gab es überhaupt keinen Grund, vom etablierten Markennamen Abstand zu nehmen. Aber Musk schert sich darum nicht, und er muss es auch nicht, denn er kann es sich leisten, mit seinem Eigentum zu machen, was er eben will.

Sowohl mit dieser Gutsherrenmentalität als auch mit seiner Neigung zu irrationalem und erratischem Verhalten erinnert er an Politiker wie Donald Trump und Wladimir Putin. Die politischen Äußerungen Musks können durchweg der Alt-Right-Bewegung zugeordnet werden. Während er sich nach der Übernahme von Twitter darauf berief, die freie Rede zu schützen, verfügte er eine Art Generalamnestie für gesperrte Nutzer, ließ dann aber kurze Zeit später kritische Journalisten sperren. In der Folge stornierten diverse Werbekunden ihre Aufträge bei Twitter. Ihnen drohte Musk mit dem Hass seiner Fangemeinde sowie Boykotten.

Seit der Übernahme hat Musk Twitter im Endeffekt zu einer führenden Plattform für extrem rechte Inhalte gemacht. Neben seinen eigenen Botschaften, die regelmäßig rassistisch, sexistisch und antisemitisch gefärbt sind (so warf er etwa dem jüdischen US-Finanzier und Holocaust-Überlebenden George Soros vor, »die Struktur der Zivilisation zersetzen« zu wollen, oder bezeichnete US-Politikerin Elizabeth Warren mit dem misogynen Internetbegriff »Karen«), wirbt Musk über seinen Account beispielsweise für den Podcast von Tucker Carlson, den dieser auf Twitter beziehungsweise nun X betreibt. Carlson war zuvor Moderator beim US-amerikanischen Sender Fox News, wo er jahrelang extrem rechte Verschwörungsmärchen verbreitete, bis er selbst dem Haussender von Donald Trump unhaltbar schien und entlassen wurde.

Eine Analyse des britischen Thinktanks Institute for Strategic Dialogue und des Unternehmens CASM Technology kam zu dem Ergebnis, dass sich die Anzahl der Tweets mit antisemitischen Inhalten auf der Plattform seit Musks Übernahme verdoppelt habe. Im Vierteljahr vor der Übernahme wurden demnach durchschnittlich 6204 antisemitische Tweets pro Woche veröffentlicht, in den drei Monaten danach waren es 12 762 pro Woche.

Für Musk ist der Umbau von Twitter mit der Umbenennung in X allerdings noch nicht abgeschlossen. Er kündigte an, dass die App künftig verschiedenste Dienste kombinieren soll, um quasi alles abzudecken, was Nutzer im täglichen Leben bräuchten. Die Kunden sollen dann mit der App beispielsweise auch Rechnungen bezahlen, mit Kryptowährungen oder an der Börse spekulieren können. Das alles klingt recht unausgegoren und auch ökonomisch nicht gerade vielversprechend. Andere Apps für diese Dienstleistungen gibt es bereits; und aus der Kundenperspektive beinhaltet es eine große Gefahr, sich auf eine einzige App zu verlassen, noch dazu die eines trotzigen Kindskopfes wie Musk: nämlich dass die App mal ausfällt oder der Besitzer wieder alles ändert, weil er mit dem falschen Fuß aufgestanden ist.

Im Kapitalismus ist es freilich nicht zu verhindern, dass ein Milliardär sich die Spielsachen kauft, die er will, und sei es eine Social-Media-Plattform. Allerdings ist es durchaus problematisch, dass Musk regelmäßig Audienzen bei verschiedensten Staats- und Regierungschefs erhält – und auch, dass die staatlichen Stellen hierzulande oder auch so ziemlich alle Medien weiterhin auf der Plattform X präsent sind. Denn am besten wäre es wohl, Musk schlicht keine Aufmerksamkeit zu schenken.

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