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In verflüssigter Form heiß begehrt

Der LNG-Verbrauch in der Europäischen Union ist rasant gestiegen – ebenso die Konkurrenz mit Ostasien

  • Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Der LNG-Tanker »Arctic Princess« aus Norwegen in der Elbmündung vor Cuxhaven
Der LNG-Tanker »Arctic Princess« aus Norwegen in der Elbmündung vor Cuxhaven

Europas Gaspreise schossen vergangene Woche in die Höhe. Auslöser waren Arbeiter einer Flüssiggasanlage in Australien, die mit Streik drohten. Der Arbeitskampf könnte Anfang September beginnen, wenn es nicht vorher zu einer Einigung bei den Lohnverhandlungen mit dem Anlagenbetreiber Woodside Energy kommt. Kurios an dieser Preisrallye: Australien liefert gar kein Gas nach Europa.

Dass eine Streikankündigung im fernen Australien dennoch die Preise in Europa beeinflusst, zeigt, wie angespannt die Situation auf dem globalen Gasmarkt weiterhin ist. Grund ist der Nachfrageboom aus Europa. In der Vergangenheit hatten Deutschland sowie andere EU-Länder ihre Energieversorgung zu einem Großteil mit Pipeline-Gas aus Russland gedeckt. Im Gefolge der Sanktionen gegen Moskau nach dem Angriff auf die Ukraine drosselte der Staatskonzern Gazprom dann aber die Lieferungen in die Europäische Union. Vor genau einem Jahr stoppte er sie über die Pipeline Nord Stream 1 dann ganz, angeblich wegen Wartungsarbeiten, und nahm sie nicht wieder auf. Die Anschläge auf die Ostseepipeline machten dies auch unmöglich. Seither basiert die Gasversorgung der EU daher auf Pipeline-Gas aus Norwegen und verflüssigtem Erdgas, kurz LNG (Liquefied Natural Gas), welches per Schiff nach Europa gelangt.

Im vergangenen Jahr sind die Flüssiggas-Importe um über 60 Prozent auf 121 Millionen Tonnen gestiegen, schreibt der Energiemulti Shell in seinem »LNG-Outlook«. Diese zusätzliche Nachfrage hat die globalen Erdgas-Preise ins Laufen gebracht. Europas zahlungskräftige Nachfrage ging auf Kosten wirtschaftlich schwächerer Länder wie Pakistan oder Indien: Die Preise für LNG stiegen, und gleichzeitig gingen die Mengen zurück, die in diesen Ländern angelandet wurden.

Hier kommen nun die australischen Arbeiter ins Spiel. Der Fünfte Kontinent steht für etwa zehn Prozent der weltweiten LNG-Exporte. Zwar liefert Australien Erdgas fast ausschließlich nach Asien, aber würden diese Lieferungen gestoppt, müssten China, Japan und andere Großabnehmer wie Südkorea ihren Bedarf aus Nahost decken, in Konkurrenz zur Nachfrage aus Europa. Dadurch ist vor allem Katar in einer komfortablen Lage. Neben Nigeria und den USA gehört das Emirat zu den wichtigsten LNG-Lieferanten der EU. Die Vereinigten Staaten haben sich zum weltweit größten Exporteur von LNG entwickelt, nachdem die Sanktionen des Westens gegen den Hauptlieferanten Russland greifen.

Russland spielt beim Gas-Poker aber weiterhin mit. Der Lieferstopp betrifft nur leitungsgebundenes russisches Gas. Erst im Juli weihte Präsident Wladimir Putin ein neues LNG-Projekt des Energiekonzerns Novatek in Murmansk ein, an dem auch die französische Total sowie chinesische und japanische Unternehmen beteiligt sind. Novatek hat nach Medienberichten langfristige Verträge mit Anbietern in Spanien, Frankreich und Belgien. Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, erst von 2027 an auf sämtliche Gasimporte aus Russland zu verzichten.

Ob es dazu wirklich kommt, bleibt abzuwarten. Noch steht Russland, welches auch über Drittländer Gas exportiert, für schätzungsweise ein Zehntel der LNG-Einfuhren in die EU. Belgien und Spanien zählen laut aktuellen Schätzungen zu den wichtigsten Abnahmeländern von russischem Flüssiggas hinter China. Dass sich daran so schnell nichts ändern wird, hat auch technische Gründe. Am Zielhafen wird LNG zurück in den gasförmigen Zustand versetzt und dann in Pipelines eingespeist. Solche Regasifizierungsanlagen, wie sie in Wilhelmshaven, Brunsbüttel oder Lubmin in Rekordzeit aufgebaut wurden, lassen sich einfach errichten. In Deutschland wurden dazu schwimmende Terminals angemietet. In der EU gibt es mittlerweile über 50 stationäre Regasifizierungsanlagen.

Aufwendiger ist der Bau neuer Export-Terminals. Bis zu deren Fertigstellung vergehen mehrere Jahre. Die Anlagen müssen aus Erdgas fast reines Methan herausholen, das Gas dann auf etwa minus 160 Grad abkühlen und dadurch für den Tankertransport komprimieren. LNG weist nur etwa ein Sechshundertstel des Volumens von gasförmigem Erdgas auf. Der US-Konzern Cheniere Energy, der eine Erweiterung seines LNG-Terminals in Louisiana plant, teilte gerade mit, dass er von 2026 an 0,8 Millionen Tonnen verflüssigtes Erdgas pro Jahr an BASF in Deutschland liefern wird. Der Vertrag läuft bis 2042.

Durch den Ausbau der Infrastruktur stieg der Anteil von LNG im ersten Halbjahr nach Berechnungen des Energiehändlers First Energy im EU-Gas-Mix auf rund 40 Prozent. Tendenz steigend. Gleichzeitig sorgt die große Nachfrage bei begrenztem globalem Angebot für eine hohe »Preisvolatilität«. So pendelte der Preis an der Terminbörse EEX in Leipzig in den vergangenen zwölf Monaten zwischen 60 und 300 Euro pro Megawattstunde, wobei es seit dem vor einem Jahr erreichten Rekordhoch in der Tendenz aber stark bergab ging.

Gas wird am Großhandelsmarkt sowohl langfristig als auch kurzfristig am sogenannten Spotmarkt gehandelt. Die extremen Preisschwankungen vor allem auf diesem dürften erst in Jahren enden, wenn das weltweite Angebot an LNG gestiegen ist und Importeure wieder auf Augenhöhe mit den Lieferanten verhandeln können. Da die Verarbeitung und der lange Schiffstransport von LNG höhere Kosten verursacht als beim Pipeline-Gas, rechnen Fachleute allerdings mit dauerhaft erhöhten Preisen. Aktuell liegt er wieder unter dem Niveau zu Beginn des Ukraine-Krieges. Die australischen Arbeiter haben ihren Streik erst einmal abgeblasen.

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