Kürzeres Leben, mehr Profit

Pkw in Deutschland werden immer länger gefahren – für die Hersteller ist das ein Problem

  • Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Nicht nur die Deutschen werden im Durchschnitt immer älter. Ihre Autos auch. Derzeit hat ein durchschnittlicher Pkw hierzulande rund zehn Jahre auf dem Buckel, so viel wie noch nie. Ein Grund dafür ist, dass Autos länger halten, was zwar erfreulich ist, den Herstellern jedoch Probleme bereitet. Denn sie leben vom möglichst raschen Verkauf immer neuer Fahrzeuge. Um diesen Verkauf zu beschleunigen, hat die Branche in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Strategien entwickelt: Von kürzeren Entwicklungszeiten über schnellere Modellwechsel bis zu regelmäßigen »Faceliftings« wird alles genutzt, um auch neuere Autos zügig alt aussehen zu lassen.

Mit rund zehn Jahren ist das Durchschnittsalter der Pkw in Deutschland 1,7 Jahre höher als noch 2014. Mitte der Neunziger lag es bei nicht einmal sieben Jahren. »Das steigende Durchschnittsalter ist hinsichtlich der Qualität und Haltbarkeit der Fahrzeuge ein äußerst positives Zeichen«, merkt die Deutsche Bank in einer Branchenstudie an. Allerdings ist das höhere Alter auch ein Spiegel der Tatsache, dass die Hersteller Probleme dabei haben, neue Autos in den Markt zu drücken. 2020 und 2021 waren die Neuzulassungen in Deutschland um 20 und zehn Prozent zurückgegangen. Dieses Jahr wird zwar wieder ein Wachstum verzeichnet. Doch es gleicht die Verluste der Vorjahre nicht aus. Und an die alten Absatzerfolge wird man auf absehbare Zeit nicht anknüpfen können.

Damit verschärft sich ein Strukturmerkmal, das die Autobranche seit Jahrzehnten kennzeichnet: Überproduktion, also zu viele Anbieter und daran gemessen zu wenig Nachfrage. Jeder der großen Hersteller richtet daher seine Produktpolitik darauf aus, immer neue Modelle auf den Markt zu bringen, um so ein möglichst großes Stück vom Kuchen abzubekommen. Zum einen wird die Entwicklung beschleunigt. So kündigte VW vergangenes Jahr an, neue Modellgenerationen künftig in 40 Monaten statt wie bisher in 54 Monaten zu entwickeln. Zum anderen werden die einzelnen Modellfamilien immer weiter aufgefächert, erweitert und erneuert. Um die Jahrtausendwende betrug der Lebenszyklus von Fahrzeugmodellen noch rund acht Jahre. 20 Jahre später brachte ein Hersteller durchschnittlich alle vier Jahre ein neues Modell heraus. »Neue Fahrzeugmodelle werden im Wochentakt vorgestellt«, schreibt der Datendienstleister Dataforce, der jenen, die den Überblick verlieren, einen Vehicle Lifecycle Calendar bis zum Jahr 2028 anbietet.

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Keine Automüdigkeit in Deutschland

Bei ungenügender Nachfrage muss das Angebot den Markt antreiben. Die Modellzyklen verkürzen sich, weil der Kundschaft fortlaufend etwas Neues geboten werden muss – oder zumindest etwas, das neu erscheint: Über regelmäßige »Faceliftings« werden alte Modelle aufgefrischt, die Motorleistung wird verstärkt oder die Lackierung variiert. So sah sich Anfang September der US-Autobauer Tesla gezwungen, sein Model 3 aufzuhübschen, weil es bereits sechs Jahre alt war. »Ein sechs Jahre altes Modell ist das Äquivalent zu einem alten iPhone«, erklärte der ehemalige Chrysler-Chef Bill Russo. »Wenn man nicht das neueste und tollste anbietet, bleibt als Waffe nur noch die Preissenkung.«

Wenn die Autos immer länger halten und die Hersteller immer neue Modelle verkaufen, so ist die Konsequenz klar: Es gibt immer mehr Autos auf den Straßen. In Deutschland erreichte die Pkw-Dichte 2022 mit 583 Pkw pro 1000 Einwohner*innen einen Rekordwert. 2012 kamen »nur« 534 Pkw auf 1000 Einwohner*innen. »Das zeigt, dass – trotz Klimadebatte, verstopfter Innenstädte und der vermeintlich autokritischen Generation Z – von Automüdigkeit in Deutschland nicht die Rede sein kann«, so die Deutsche Bank. Das Nachsehen hat die Umwelt: »Jedes Jahr werden in Europa über sechs Millionen Fahrzeuge verschrottet und als Müll behandelt«, so die EU-Kommission, die sich zumindest darum bemüht, dass aus dem Autoschrott möglichst viele Recyclingmaterialien herausgeholt werden.

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