Christen und Juden

Bei uns dürfen alle Kippa tragen, bei euch muss man dafür erst Kardinal werden

  • Alexander Estis
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Christ, der ist doch irgendwie eigentlich auch ein Jude. Nur will er es nicht wahrhaben. Der Christ will, dass alle Juden auch Christen werden, weil er nicht wahrhaben will, dass er genau genommen selbst ein Jude ist und sein Jesus ein meschuggener jüdischer Rabbi.

Dabei hätte man es gleich sehen können. Ich meine, als Jesus zur Welt kam, da konnte jeder sehen, wie er gleich einen fetten gelben Stern verpasst bekam. Und eine meschuggene Mischpoche hatte er auch vorzuweisen: Vater, Mutter, dann noch mal Vater. Kein Wunder, dass die Christen nicht an die Einigkeit glauben, sondern an die Dreieinigkeit. Einige Väter haben bekanntlich einen Gottkomplex; aber hatte Gott nicht einen Vaterkomplex? Und Maria? Maria ist die Mutter von Jesus, Gott ist sein Vater, aber Maria ist wiederum die Mutter Gottes. Meschugge! Und dann auch noch der Heilige Geist obendrein. Schon am Anfang des Alten Testaments stand ja ein großes Tohuwabohu – aber am Anfang des Neuen Testaments … Hilfe, gwolt, gar nicht auszudenken!

Ezzes von Estis

Alexander Estis, freischaffender Jude ohne festen Wohnsitz, schreibt in dieser Kolumne so viel Schmonzes, dass Ihnen die Pejes wachsen.

Aber ich will das alles nicht leugnen, gewiss, Jesus ist der Sohn Gottes. Obwohl er wiederum Menschensohn heißt. Aber nein, ich will es auf keinen Fall leugnen. Sind wir nicht alle ohnehin Gottes Kinder? Nur wollte Jesus sich von seinem Vater abgrenzen. Und das ist doch nachvollziehbar, das ist doch verständlich, das ist doch nur menschlich. Man soll nicht streng urteilen. Schon von einem übermächtigen Vater will man sich abgrenzen. Wie soll es einem da erst mit einem allmächtigen Vater gehen!

Also wollte Jesus sich abgrenzen. Und was besonders nachvollziehbar ist: Er war mit dem Testament seines Vaters nicht glücklich. Welcher Sohn kennt das nicht! Man stelle sich das vor: Er wurde eigentlich gar nicht erwähnt im Testament. So eine Chuzpe! Nun gut, es war ja auch ziemlich alt, das Testament, da musste Jesus einfach was unternehmen.

Andererseits: Bevor Jesus kam, war das Testament gar nicht wirklich alt. Es wurde erst alt, als er kam. Erst danach. Deshalb heißt es auf Hebräisch auch: Tanach.

Nun musste Jesus also Gott und der Welt beweisen, dass er es selbst draufhat. Anstatt sich gemütlich zurückzulehnen und den Vater etwas Manna vom Himmel schneien zu lassen, muss er unbedingt selbst Brot verteilen. Oj oj, großes Kunststück, mehr Brot machen aus fünf Broten! Tante Riwa macht aus einem einzigen ausgehungerten Huhn Jojch mit Knejdlach, Kiewer Koteletts, Pastete, Schkwarki, Schejka, Scharkoe, Vorschmack, Fleischsülze, Hühnerbeine, Gänseleber, Fasanenbraten, Rindshüfte, Schweineschmalz – und noch ein Daunenkissen dazu. Das soll ihr einer nachmachen, ob nun Menschenkind oder Gottes Sohn!

Aber Jesus macht lieber einen auf große Show. So ist das eben bei uns Juden: In jedem verschüchterten Jingele aus dem kleinsten Schtetl steckt ein hollywoodreifer Showmaster, der nur so auf seinen Auftritt wartet. Und Jesus, der hatte seinen Auftritt. Anstatt Vater höflich zu fragen: »Tatele, ich weiß, du bist schwer beschäftigt mit den ganzen Geboten, Verboten und Strafen und all diesem Zeug, aber wenn du etwas Zeit findest, könntest du wohl unter Umständen möglicherweise so freundlich sein, zwischendurch kurz einmal die Fluten teilen zu wollen, bitte?«, anstatt ihn das zu fragen und dann einfach entspannt hindurchzulaufen, muss Jesus gegen die Schwerkraft angehen und übers Wasser stolzieren. Oj oj, großes Kunststück, so ein paar Meter auf dem Wasser gehen! Der arme Mendel von Gegenüber, der geht schon seit Jahren auf dem Zahnfleisch!

Aber man soll nicht streng urteilen. So sind Söhne nun einmal, ob Menschensohn oder Gottes Kind. So geht es seit Anbeginn der Zeit. Immer glaubt der Sohn, er wisse besser, wie das Familiengeschäft zu führen sei. Jesus war da keine Ausnahme. Und ich frage Euch: Was ist draus geworden? Was hat er erreicht? Wie hat das für ihn geendet?

»Mojsche, warum hängen die Christen eigentlich einen toten Juden in ihre Kirchen?«

»Scha, still! Sei froh, dass sie keine lebenden Juden in ihre Kirchen hängen!«

Geendet hat es für Jesus also auch wie immer. Ich sage nur: Er hätte Nägel mit Köpfen machen müssen. Stattdessen läuft er von Pontius zu Pilatus und gerät mit den Römern über Kreuz. Jetzt muss er ein zweites Mal wiederkommen.

Aber wem gibt man die Schuld daran? Nicht Jesus, nicht einem Judas, nicht einem Juden – sondern allen.

»Ihr Juden seid Wucherer! Ihr Juden habt Jesus verkauft!«

»Oj oj! Die dreißig Schekel, dass ich nicht lache! Die Kirche verdient noch heute daran – und wir sind die Wucherer?«

Jedenfalls: Jesus wird wiederkommen und dann wird sich das alles klären. Einstweilen schaut er ab und an, eucharistisch konsekriert, bei den Menschen vorbei, indem sich Brot durch Gebetsworte in Fleisch wandelt. Schon wieder so ein Kunststück! Bei mir wandelt sich Fleisch durch Gebetsworte in Brot – nämlich Schweinefleisch!

Jedenfalls: Jesus schaut einigermaßen realpräsent in der Kirche vorbei und kommuniziert ein wenig mit den Kommunikanten, oder auch ein wenig an ihnen vorbei. Und an denen er so vorbeikommuniziert hat, kommunizieren wiederum mit uns Juden, aber gar nicht an uns vorbei, sondern mitten hinein.

»Ihr Juden trinkt das Blut von Christenkindern!«

»Davon weiß ich nichts! Aber ihr trinkt zu jeder Messe das Blut eines Judenkindes!«

Jedenfalls: Jesus wird wiederkommen, und davor brauchen wir Juden uns nicht zu fürchten, denn wir kommen nicht in die Hölle.

»Sag mal, warum gibt es bei Euch Juden im Jenseits eigentlich keine Hölle?«

»Nu, weil wir dafür schon das Diesseits haben.«

Und dass es bei uns keine Hölle gibt, das ist nun wirklich ein Vorteil. Ich sage nicht, ihr sollt alle Juden werden. Wir wollen niemanden bekehren. Ich sage nur: Bei uns dürfen alle Kippa tragen! Bei Euch muss man dafür erst Kardinal werden. Bei uns dürft Ihr Euch sogar taufen lassen – und bleibt trotzdem irgendwie Juden: wie Jesus.

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