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Montenegro: Das schwere Gepäck der Geschichte

Neurose und Dynamik: Milorad Popovićs Roman »Deckname Gramsci« über Montenegro als Vexierspiel

  • Samuel Logan
  • Lesedauer: 6 Min.
Das sogenannte nationale Erbe passt in keine Wohnung: Friedliches In-der-Sonne-Sitzen im montenegrinischen Kotor, um 1980, dem Jahr, in dem Tito starb
Das sogenannte nationale Erbe passt in keine Wohnung: Friedliches In-der-Sonne-Sitzen im montenegrinischen Kotor, um 1980, dem Jahr, in dem Tito starb

Er ist ein Sohn Montenegros» – wenn man das liest, stellt man sich gleich einen Helden mit Siegerkranz oder zumindest einen bedeutsamen Wissenschaftler oder herausragenden Künstler vor. Nun, Sčepan Dragišić, die Hauptfigur dieses Romans von Milorad Popović, ist zwar ein Sohn Montenegros, aber ein absoluter Nobody. Ein «Mann ohne Gesicht», wie der Originaltitel lautet. Und ein Quartalssäufer, den seine ehrgeizige Frau wegen seiner Antriebslosigkeit verlassen hat und der Ende der 80er Jahre als Kurator der «Galerie der Blockfreien» in Titograd ein komplett irrelevantes Dasein führt. Das Einzige, das ihn auszeichnet, sind seine Schrullen und Neurosen.

Der Zerfall Jugoslawiens im Zuge der «antibürokratischen Revolution», die sich damals buchstäblich vor seiner Haustüre abspielt, und das unheilvolle Wirken eines eben zu Prominenz gekommenen Funktionärs namens Slobodan Milošević erfüllen Dragišić zwar mit Unwohlsein, aber von den nationalistisch aufgestachelten und berauschten Massen bekommt er, einsam in seiner Wohnung berauscht, wenig mit.

Wieso also «Sohn Montenegros?» Nun, dieser Nobody stammt von schillernden Persönlichkeiten ab, die die Geschichte Montenegros im 20. Jahrhundert repräsentieren. Dieser Kniff Milorad Popovićs verdeutlicht die Spannung zwischen der von Höhen und Tiefen geprägten Geschichte der Nationalstaaten und ihren zutiefst menschlichen und zutiefst bedeutungslosen Bewohnern. Das nationale Erbe, wer könnte es jemals antreten? Es passt ja in keine Wohnung.

Nun gut, im Falle Sčepan Dragišićs geht das, nimmt sein Erbe doch die Form von zwei Koffern an, die ihm sein entfremdeter Vater Tripko bei seinem Tod hinterlässt und die Sčepan eine bisher unbekannte Welt eröffnen: Sie enthalten die Dossiers, die Tripko, der eigentliche «Mann ohne Gesicht», im Laufe seiner Karriere als Geheimagent zu bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten angelegt hat und die ein eigenwilliges Abbild der Landesgeschichte ergeben.

Dümpelt der Roman bis zur Beerdigung dieses Tripko auf sympathische Weise lakonisch-melancholisch dahin wie das Leben Sčepans, nimmt er dann rasant Fahrt auf: Dunjaš, Sčepans Großvater und Tripkos Vater, war ein schneidiger, halbseidener Offizier der königlich-montenegrinischen Armee im italienischen Exil. Der Staat, dem er diente, existierte nach der Eingliederung Montenegros in das nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Königreich Jugoslawien nicht mehr. Die Existenz einer Armee wird eigentlich nur simuliert, doch die fesche Uniform reicht zumindest, die impulsive, schöne und wohlhabende Apothekerstochter Patrizia Bonomi zu beeindrucken und entgegen dem Willen ihrer Eltern zu heiraten. Bevor sich die eitlen und egozentrischen Eheleute voneinander entfremden, zeugen sie Tripko, einen eigenwilligen und stillen Jungen.

Weil Dunjaš’ Hoffnungen, Mussolini könnte die Sache der exilierten Montenegriner unterstützen, enttäuscht werden, wandert er mit einer Gruppe gleich gesinnter Landsleute nach Argentinien aus. Patrizia hingegen flieht mit ihrem neuen Partner, einem kommunistischen Arbeiter, nach Jugoslawien. Dort wächst der unsportliche und unscheinbare, aber hochintelligente und polyglotte Tripko heran, der schließlich in den Geheimdienst des kommunistischen Widerstands und des sozialistischen Jugoslawiens eintreten wird.

Wenig überraschend bei einem Roman, der die Geschichte eines Staates über einen Zeitraum von beinahe 100 Jahren erzählen will, sind Handlung und Figurenkonstellationen komplex, bleiben aber immer nachvollziehbar. Was «Deckname Gramsci» aber von den meisten «großen historischen Romanen» unterscheidet, ist, dass dieser Roman seinen Charakter dynamisch ändert. Sčepans Leben wird etwa erzählt wie in einem dialogarmen, bis an die Grenzen des Absurden minimalistischen Schwarz-Weiß-Film, während der Abschnitt über Dunjaš und Patrizia eine glamouröse Räuberpistole in grellen Farben ist, inklusive Bankraub.

Gerade dieser Teil mag für manche schwer erträglich sein: Ist das postmoderner Pastiche im Stil von Thomas Pynchon oder einfach nur klischeebeladener Kitsch? Der in Kosovska Mitrovica spielende Teil über Tripkos Jugend ähnelt in seiner Anlage frappant Ivo Andrićs Roman «Wesire und Konsuln» – aber ist das nun eine Hommage, ein augenzwinkernder Verweis oder ein billiger Abklatsch?

Die stilistischen und narrativen Brüche dieses Romans ergeben sich jedoch aus seiner eigentlichen konspirativen Quelle: Die einzelnen Abschnitte verhalten sich zueinander wie zwar getrennte, aber aufeinander bezogene Dossiers. Eine gelungene Übertragung des Inhaltes auf die Form: Beim Lesen muss man selbst die Fäden in der Hand behalten, wie dies eben bei der Zusammenstellung und Auswertung geheimdienstlicher Akten der Fall ist.

Das kann herausfordernd sein, besonders bei den Abschnitten, die sich mit historischen Begebenheiten beschäftigen. So viele Namen! Viele fiktiv, manche real, andere wiederum leicht abgeänderte Namen realer Personen. Selbst der Schneider eines Anzuges wird, wenn auch nur ein einziges Mal, namentlich erwähnt, inklusive Nebensatz mit zusätzlichen Informationen zu seiner Person.

Eine Creative-Writing-Dozentin würde das sofort streichen, aber bei geheimdienstlicher Tätigkeit gilt, was Lester Freamon als einer der Polizisten in der berühmten TV-Serie «The Wire» sagt: «All the pieces matter.» Denn letztlich ist «Deckname Gramsci» auch ein Roman über Information, was ja auch naheliegt beim Thema Nachrichtendienste und Informanten.

Dass dieses Thema wichtig ist, zeigt sich an den Berufen von zentralen Figuren: Nachdem Tripko wegen seiner Exzentrik beim Geheimdienst auf ein Abstellgleis gerät, arbeitet er in der Nationalbibliothek, wo sein trotz hohen Alkoholkonsums äußerst präzises Gedächtnis für Inhalte und Standorte von Büchern legendär ist. Sein Sohn Sčepan wiederum arbeitet in einem Museum, also einem Speicherort für visuelle Information. Tripkos Kollege und Bewunderer Borko Daković bleibt beim Geheimdienst, sein Sohn jedoch wird Chef des Casinos «Queen of Montenegro»: Glücksspiel ist eine Sache der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten und des Abspeicherns von Informationen: Welche Karte sich in welcher Hand befindet, ist im Prinzip die gleiche Frage wie die nach dem Standort von Büchern oder nach den Beziehungen von scheinbar nicht direkt miteinander kommunizierenden Personen.

Vor dieser zweiten Ebene beschäftigt sich der Roman mit der Grundfrage montenegrinischer Politik nicht nur im 20. Jahrhundert, nämlich der nach der Eigenständigkeit des Landes und seinem Verhältnis zu seinen größeren Nachbarländern, insbesondere Italien. Bei der Beschäftigung mit Italien offenbaren sich leider einige Schwächen: Nicht nur wird das faschistische Regime wiederholt als «operettenhaft» verniedlicht, seine Verbrechen in der Region spielen auch überhaupt keine Rolle. Zudem unterlaufen dem Autor Milorad Popović vermeidbare Fehler: Das Amt des Bürgermeisters wird von ihm abwechselnd als «sindaco» (grammatikalisch korrekt) und «sindaca» (falsch) bezeichnet, tatsächlich aber wurde während des Faschismus der Titel «podestà» gebraucht.

Und apropos: Dass zu dieser Zeit einer der zentralen Plätze Casertas «Piazza Matteotti» hieß, kann ausgeschlossen werden, war doch Giacomo Matteotti ein sozialistischer Politiker, dessen Ermordung durch die Faschisten den Beginn der Diktatur markiert. Schade, wenn ein Autor, der zu einem großen Wurf ausholt, über Teppichfalten stolpert, die ein aufmerksames Lektorat hätte glätten können. Auch hätten hierdurch zahlreiche Stilblüten vermieden werden können.

Besonders stark ist der Roman in seiner Schilderung des zerfallenden Jugoslawiens und des postsozialistischen Montenegros. Die Alltagsschilderungen sind anrührend, und man erfährt allerlei Interessantes, etwa dass Milošević den Spitznamen «Rotbäckchen» trug. Auch diverse jugoslawische Künstler und Intellektuelle werden gewürdigt, sodass man beim Lesen immer wieder Wikipedia konsultieren will. Die vielen Fäden, die man beim Lesen in der Hand halten muss, führen auch über das Buch hinaus, und es lohnt sich, ihnen zu folgen.

Milorad Popović: Deckname Gramsci. A. d. Montenegr. v. Elvira Veselinović. Eta-Verlag, 584 S., geb., 29,90 €.

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