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Kaum Essen im nördlichen Gazastreifen

Laut Ärzte ohne Grenzen wurden 70 Menschen bei einem Luftangriff auf Khan Junis getötet

  • Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 5 Min.

Gaza. Hilfsgüter und Treibstoff erreichen im Gazastreifen seit fast zwei Wochen nur noch die Menschen im südlichen Teil des Gebiets. Die Sicherheitslage lasse es nicht zu, Material in der Stadt Gaza und im Norden zu verteilen, berichtete das UN-Nothilfebüro OCHA am Montag. Dort sollen sich noch Hunderttausende Menschen aufhalten. Am Freitag hatte OCHA unter Berufung auf die palästinensische Statistikbehörde (PCBS) im Westjordanland gemeldet, es befänden sich noch 800 000 Menschen im Norden des Gazastreifens. Laut OCHA ernähren sich die Menschen von dem wenigen verbliebenen rohen Gemüse und unreifen Früchten. Viele haben keine Möglichkeit mehr, Essen zu kochen.

Bei den Kämpfen im Gazastreifen ist einmal mehr ein Krankenhaus unter Beschuss geraten. Bei einem Angriff auf das Indonesische Krankenhaus im nördlichen Teil des Küstenstreifens seien zwölf Menschen getötet worden, teilte das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium am Montag mit. Unter den Opfern seien mehrere Patienten sowie deren Begleiter. Das Ministerium machte Israel für den Angriff verantwortlich. Unterdessen kamen 28 der evakuierten Frühgeborenen aus dem umkämpften Al-Schifa-Krankenhaus in Gaza zur Behandlung in Ägypten an. Ein unbestätigter Medienbericht, wonach am Montag eine Kampfpause zur Freilassung von Geiseln beginnen sollte, bestätigte sich bis zum späten Nachmittag nicht.

Bei dem Beschuss des Indonesischen Krankenhauses wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums zudem Dutzende verletzt. Das israelische Militär äußerte sich zunächst auf Nachfrage nicht, die Hamas-Angaben waren nicht unabhängig zu überprüfen. Die indonesische Regierung verurteilte den Beschuss scharf und beschuldigte ebenfalls Israel. Es habe sich um einen »eindeutigen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht« gehandelt, teilte Außenministerin Retno Marsudi mit, die sich derzeit auf einem Friedensgipfel in China aufhält. Der Bau des Krankenhauses wurde durch die indonesische Regierung finanziert.

Bereits am Wochenende war das Nasser-Krankenhaus in Khan Junis getroffen worden. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen wurden mindestens 70 Tote gezählt. Dutzende Patienten, darunter viele Kinder und Jugendliche, hätten dort am Sonntag wegen schwerer Brandwunden behandelt werden müssen, erklärte die Hilfsorganisation unter Berufung auf ihre Mitarbeiter in der Klinik. Der Projektleiter von Ärzte ohne Grenzen im südlichen Gaza, Christophe Garnier, erklärte: »Der medizinische Bedarf ist enorm.« Die Gruppe sei bereit, ihren Einsatz auszubauen, brauche dafür aber »grundlegende Sicherheitsgarantien und uneingeschränkten Zugang zu medizinischen und humanitären Vorräten«, erklärte er. »Ein Waffenstillstand ist ein Muss, jetzt mehr als je zuvor, um das andauernde Blutvergießen zu stoppen«, forderte er.

Erneut hat sich ein israelisches Kabinettsmitglied mit Äußerungen zu einer »freiwilligen Umsiedlung« der Palästinenser aus dem Gazastreifen hervorgetan. Die israelische Geheimdienstministerin Gila Gamliel hat die internationale Gemeinschaft am Sonntag dazu aufgerufen, anstelle eines Wiederaufbaus des Gazastreifens die Menschen in andere Länder zu verfrachten. Anstatt Geld für den Wiederaufbau des Gazastreifens oder das »gescheiterte« UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) bereitzustellen, »kann sich die internationale Gemeinschaft an den Kosten für die Umsiedlung beteiligen« und den Bewohnern des Gazastreifens helfen, »sich ein neues Leben in ihren neuen Gastländern aufzubauen«, schrieb Gamliel am Sonntag in der Zeitung »Jerusalem Post«.

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Die israelische Armee forciert derweil ihre Informationskampagne mit Videos, die beweisen sollen, dass das Al-Schifa-Krankenhaus von der Hamas als Kommandozentrale und Geiselversteck benutzt wurde. Die Armee veröffentlichte am Sonntagabend Aufnahmen von Überwachungskameras der Klinik, die angeblich einen entführten nepalesischen sowie einen thailändischen Staatsbürger am 7. Oktober zeigen sollen. Überprüfen lassen sich die Bilder nicht. Man sieht eine Person, die auf einem Krankenhausbett mit einer sichtbaren Verletzung am Arm in ein Zimmer geschoben wird. Die zweite mutmaßliche Geisel wird von bewaffneten Männern durch die Gänge der Klinik gezerrt.

Unterdessen steigt die Gefahr einer Ausweitung des Konflikts. Die vom Iran unterstützen Huthi-Rebellen aus dem Jemen haben nach eigenen Angaben ein Frachtschiff im Roten Meer gekapert, das mit Israel in Verbindung stehen soll. Der Huthi-Militärsprecher Jahya Sari hatte am Sonntag im Onlinedienst X (vormals Twitter) erklärt, dass die Gruppe ein israelisches Schiff im Roten Meer gekapert und an die jemenitische Küste gebracht habe. Der Autofrachter soll der Firma Ray Car Carriers gehören, deren Muttergesellschaft ist in Händen des israelischen Geschäftsmanns Abraham »Rami« Ungar. Israelischen Angaben zufolge war der Frachter zwischen der Türkei und Indien unterwegs. Der Iran hat Vorwürfe zurückgewiesen, für die Beschlagnahme des Schiffes verantwortlich zu sein. Derlei Anschuldigungen seien »unzutreffend«, sagte der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Nasser Kanani, am Montag. Laut Kanani treffen die vom Iran unterstützen Milizen in der Region »ihre Entscheidungen und Handlungen auf der Grundlage der Interessen ihrer Länder«. Mit Agenturen

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