Der blaue Bengel

Deutsche Schulen verblassen gegenüber ihren amerikanischen Pendants

  • Jana Talke
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Krönung einer US-amerikanischen Schulzeit: der pompöse Abschlussball, zu denen Jungs ihre Tanzpartnerinnen auch schonmal per Videobotschaft einladen
Die Krönung einer US-amerikanischen Schulzeit: der pompöse Abschlussball, zu denen Jungs ihre Tanzpartnerinnen auch schonmal per Videobotschaft einladen
Talke talks

News aus Fernwest: Jana Talke lebt in Texas und schreibt über amerikanische und amerikanisierte Lebensart.

Howdy aus Texas, liebe Lesende,

wie war eigentlich Ihre Schulzeit? Etwas, das die deutschen Ex-Schüler meiner Beobachtung nach verbindet, ganz egal, ob sie diese Zeit mochten oder hassten, ob sie Streber, Klassenclown, Loser oder jedermanns Liebling waren (also jemand, der jetzt zweifelsohne enorm langweilig geworden ist, ich will nichts anderes hören!) ist, dass die Erinnerungen von Simplizität geprägt sind. Mal gab es frischgebackene Waffeln in der Kantine, mal schmiss einer mit dem ekeligen Tafelschwamm nach dir, mal gab es ein cooles Schulkonzert in der Aula, mal schmetterte der Erdkundelehrer seinen Schlüsselbund auf deinen Tisch, mal hatte man hitzefrei, mal warf dir jemand einen Fußball in die Fresse.

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Amerikanische Schulerfahrungen sind in jeder Hinsicht extremer. Das weiß ich nicht nur durch meine Tochter, die dieses Jahr in die Vorschule kam (dazu später mehr), sondern vor allem durch zwei eigene US-Austausche. Während ich in Deutschland meine Schülerzeitung eigenhändig im Sekretariat kleben, kopieren und zusammentackern musste, sah die Zeitung meiner Gastschule in Missouri aus wie eine Ausgabe der Vanity Fair. Im hamburgischen Klassenzimmer gab’s natürlich keinen Fernseher, meine kalifornische High School hatte einen eigenen, von Schülern produzierten TV-Kanal, der täglich in jedem Klassenraum ausgestrahlt wurde. In den Toiletten meines Gymnasiums gab es kein heißes Wasser, oft kein Papier zum Abtrocknen und nur diese garstige Pulverseife. Amerikanische Schulen haben Fressautomaten, Duschen, Psychologen, schusssichere Fenster, Handcreme, Chromebooks für jeden Schüler, Käsenachos, saisonale Deko, Maskottchen, Wasserspender, Taschentuchspender und großzügige Geldspender.

Wenn ein deutscher Typ mit dir ins Kino gehen wollte, schrieb er dir früher im Messenger – heute liket er deine Insta-Stories. Wenn ein Ami-Dude mit dir zu einem der zahlreichen Schulbälle gehen will, dekoriert er dein Auto, während du schläfst, und postet ein Video, in dem er dich fragt, ob du sein Date sein willst. Deutsche Hochzeitsanträge sind weniger romantisch! Wenn wir schon dabei sind: Manch deutsche Hochzeit ist billiger als ein amerikanischer Schulball, bei dem Limousinen gemietet, teure Restaurants besucht und professionelle Fotos geschossen werden. In Texas werden Mädels zusätzlich mit »Homecoming Mums« behangen, künstlichen Chrysanthemen, die Kilos wiegen und Hunderte kosten. Aber nichts toppt den Aufwand, der zur Quinceañera, dem fünfzehnten Geburtstag eines Latina-Mädchens, betrieben wird – er ist in Deutschland höchstens mit dem eines Staatsbanketts zu vergleichen.

Entsprechend dramatisch ist auch die Fallhöhe in den USA: das Cyber-Mobbing, das Wettbewerbsdenken, die Schönheitsideale! Während letztere bei jungen Frauen ein möglichst schickes und schlankes Aussehen fordern (das kommt uns leider allen bekannt vor), erreichen sie bei Teenagerjungs lächerliche Ausmaße. Die Mutter eines vierzehnjährigen Sohnes bestätigte mir, was ich selbst schon beobachtet habe, nämlich die bizarren Modegesetze, die an Highschools für Jungen herrschen: Das ganze Jahr über werden nur Shorts, niemals lange Hosen getragen (auch hier erreicht das Wetter Minusgrade, die Waden der armen Boys müssen blau anlaufen!), dazu lange, am besten bunte und nicht zusammenpassende Socken und Crocs! Da alle Ami-Trends irgendwann nach Deutschland kommen, seien Sie hiermit gewarnt!

Und jetzt zu den Kleinen. Auch in der Grundschule gibt es Modetrends, doch sind sie meist Verkleidungsmotti (Schulfarben-Tage, Football-Trikot-Tage, Pyjama-Tage und Uni-Tage, an denen tatsächlich Shirts der zukünftigen Uni getragen werden sollen!). Auch die Eltern werden auf Trab gehalten mit monatlichen Fundraisingevents und ständigen Aufforderungen, zu spenden, auszuhelfen und sich selbst zu verkleiden (ich letztens als Cowgirl, yee-haw!). Insgesamt ist das Ganze zwar müßig und kultmäßig, trägt aber dazu bei, dass die Kinder eine Schulzeit haben, an die sie gern zurückdenken. Dass diese Art von Pomp allerdings keinen Schutz vor Idiotie bietet, zeigte sich vergangene Woche. Zahlreiche amerikanische Gen-Zler verlasen mit Bewunderung einen Brief von Osama bin Laden auf Tiktok und priesen den Massenmörder als Befreiungskämpfer an. Vielleicht waren die Eltern dieser dummen Teenies zu lange mit Verkleiden beschäftigt, vielleicht waren die Frostbeulen schuld.

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