Fortsetzung von »Squid Game«: Darwinismus für Sesselfurzer

Netflix setzt den südkoreanischen Welterfolg »Squid Game« fort mit einer echten Spielshow. Die ist zynisch, scharf geschossen wird aber nicht.

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.
Zockten im Original 456 südkoreanische Schauspieler um Sieg oder Tod, sind es nun angloamerikanische Normalbürger.
Zockten im Original 456 südkoreanische Schauspieler um Sieg oder Tod, sind es nun angloamerikanische Normalbürger.

Fernsehen ist ein simples, zutiefst berechenbares Medium. Wenn etwas hier funktioniert, wird es garantiert auch dort gemacht, und wenn es dort ebenso funktioniert, wird es hier wiederum irgendwie nachgemacht, bis – nur so ein Beispiel – aus »CSI: Las Vegas«, erst Miami, dann New York, zuletzt Cyber und mittenmang CSL, RSI oder »Post Mortem« wurde, wie die forensische RTL-Kopie hierzulande hieß. Es war somit absolut absehbar, dass auch »Squid Game« einen Ableger erhält.

Der endzeitliche Wettkampf, dessen Verlierer nicht einfach nur ausscheiden, sondern sterben, brachte Netflix 2021 weltweit Rekordabrufe. Was Zahlen betrifft, ist der Streamingdienst intransparenter als geschlossene Autobahndecken, aber es kursieren Werte von 265 Millionen Zuschauern. Das sind sogar mehr als »Stranger Things« oder »Game of Thrones« vorweisen konnten. »Squid Game« ist damit prädestiniert für Plagiate aller Art. Wobei »Squid Game: The Challenge« nicht nur der Ableger einer Erfolgsserie ist, an deren Fortsetzung gerade fieberhaft gearbeitet wird.

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Die neue, titelgebende »Herausforderung« besteht stattdessen darin, ein modernes Märchen in Reality-TV zu verwandeln. Zockten im Original 456 südkoreanische Schauspieler um Sieg oder Tod, sind es nun entsprechend viele angloamerikanische Normalbürger. Und bei einem Rekordgewinn von 4,56 Millionen Dollar steht für sie durchaus viel auf dem Spiel, aber eben nicht ums Verrecken; Ausgeschiedene werden bloß mit schwarzer Farbe statt scharfer Munition erschossen.

Das aber ist nur ein Handlungsstrang der Hochglanzshow. Parallel geht es ums Zwischen-, also Allzumenschliche. Die Überlebenden leicht modifizierter Squid-Games von »Ochs am Berg« bis hin zu »Schiffeversenken« sollen nämlich nicht nur miteinander konkurrieren, sondern interagieren. Nach den Gesetzen der Casting-Branche müssen sich Gegensätze wie der eitle Muskelprotz Stephan und die nette Seniorin Leanne, der schlichte Redneck Kyle und die smarte Kämpferin Dani demnach punktuell arrangieren, um möglichst weit zu kommen.

Spielspannung und Grüppchenbildung also im rivalisierenden Zwangskollektiv: Es ist ein heidiklumgestählter Mix aus »Takeshi’s Castle« und »Dschungelcamp«, den Netflix inszeniert – mit einer Extraportion Zynismus. Bestand die Faszination der artifiziellen Dramatisierung vor drei Jahren in ihrer Absurdität fernab des (zivilisatorisch, demokratisch, rechtsstaatlich) Denkbaren, überträgt Netflix sozialkritische Dystopien wie Wolfgang Menges »Millionenspiel« von 1970 oder die Hungergames-Reihe »Tribute von Panem« jetzt ohne Augenzwinkern auf die Scheinwirklichkeit der Scripted Reality.

Da ist es angesichts aktuell heißer Gefechte in Israel und Gaza, der Ukraine oder Syrien plus drei Dutzend weiterer Kriegsherde mindestens irritierend, wenn die Unterlegenen kindlicher Spielchen hier zum Herzerfreu von Publikum und Einschaltquote niedergemäht werden. Fernsehen darf sich durchaus das Recht herausnehmen, von der Welt da draußen abzulenken. Man nennt das Eskapismus. Was hingegen wirklich schlimm ist: Der humane Hang zur Barbarei wird niemals problematisiert. Im Gegenteil. Hier soll er einfach nur Spaß machen!

Ob weiß oder schwarz, arm oder reich, hart oder zart, doof oder klug, Mann oder Frau; die Quintessenz solcher psychosozialen Gesellschaftssimulationen im Labor (ergo Studio) besteht 2021 und heute besonders darin, Gewinnstreben in Denunziantentum zu verwandeln und blanke Geldgier in etwas, das man Egoaltruismus nennen könnte: Alle mit allen gegen alle. Es kann nur eine(n) geben. Darwinismus für Sesselfurzer.

Und weil dieses Rattenrennen der Skrupellosigkeit von einer maximal amerikanischen Kanonade empathischer PR-Posen begleitet wird, ist »Squid Game: The Challenge« im Trommelfeuer geheuchelter Tränen und »Oh my Gods!« nicht nur zynisch, sondern geradezu boshaft. Zu dumm, dass es nebenbei auch noch ungeheuer fesselt, 456 Erwachsenen beim Säbeltanz ums Goldene Kalb einer Plexiglaskugel zuzusehen, die sich mit jedem Gegner weniger etwas mehr mit Hunderterbündeln füllt.

Schon der erste Wettlauf »Rotes Licht, grünes Licht«, bei dem man sich wie im Original auf Kommando nicht bewegen darf, dezimiert das kasernierte, durchnummerierte Teilnehmerfeld um mehr als die Hälfte und zeigt dabei eindrücklich, wie fesselnd sadomasochistische Gegenwarts-Science-Fiction, Near Future genannt, ist. Das Engelchen auf der linken Schulter drängelt währenddessen zwar unablässig zum Abschalten. Leider ist das Teufelchen auf der rechten stärker. Jetzt haben einige Kandidaten Netflix auf Schadensersatz verklagt wegen Verletzungen während der Dreharbeiten. Die Macher wiegeln ab. Produzent Stephen Lambert: »4,56 Millionen Dollar zu gewinnen ist eben kein Zuckerschlecken.«

»Squid Game: The Challenge«, bislang neun Folgen, Finale am 6. Dezember bei Netflix

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