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Hans Jürgen von der Wense: Geheimer Gigant

Eruption und Zurückhaltung: Der unbekannte Riese Hans Jürgen von der Wense in einer neuen Ausgabe. Ein Gespräch mit dem Herausgeber Reiner Niehoff

  • Interview: Michael Girke
  • Lesedauer: 13 Min.
Hans Jürgen von der Wense wanderte zwischen den Welten – hier ausnahmsweise nicht querfeldein.
Hans Jürgen von der Wense wanderte zwischen den Welten – hier ausnahmsweise nicht querfeldein.

Hans Jürgen von der Wense (18941966) ist ein unbekannter Riese der deutschen Literaturgeschichte. Was heben Sie hervor, wenn Sie ihn jemandem vorstellen, der noch nie etwas von ihm gehört hat?

Manche nennen Wense einen Universalgelehrten, manche einen Universaldilettanten. Er war vor allem vieles zugleich, besaß viele innere Ichs. Das ist ein zentrales Problem, dass man Wense nicht kategorisieren kann, weil er in ganz unterschiedliche Richtungen davonläuft. Er war zunächst Komponist, dann Wetterforscher, später, was immer großes Erstaunen oder Entsetzen hervorruft, Übersetzer aus über 100 Sprachen. Ab 1932 wird er dann Wanderer und Landschaftsforscher, Schriftsteller, Reiseberichterstatter, Aphoristiker. Er ist also sozusagen ein Freund der Bündelung, der Synthese. Und all seine unterschiedlichen Talente verbinden sich mit einem sehr ungewöhnlichen, ekstatischen Stil.

Wense ist 1966 gestorben. Nun starten Sie mit »Routen« eine neue Ausgabe in drei Bänden. Der erste ist gerade erschienen: »RoutenI – Südniedersachsen«. Sie haben bereits früher eine Wense-Ausgabe ediert, was ist diesmal anders?

In dem neuen Band, den ich auf Anregung eines Kasseler Journalisten und Wanderfreundes angelegt habe, ist das Prinzip, Texte nach von Wense erkundeten Landschaften zu sortieren, sie also so anzuordnen, dass man die Texte direkt mit der jeweiligen Landschaft in Verbindung bringen und sie in die Landschaft einbetten kann. Das entspricht einem Großprojekt von Wense selbst, der seit dem Jahre 1932 eine Art Wander-, Hessen-, oder Deutschlandbuch – die Titel sind da flagrant – zu schreiben gedachte. Die Arbeit daran lief bis zu seinem Tode ununterbrochen fort, es wurde aber nie vollendet. Für Wense war der Versuch entscheidend, mit ganz unterschiedlichen Textsorten landschaftlichen Phänomenen näherzukommen, unterschiedliche Zugänge zu einer landschaftlichen Erfahrung bereitzustellen.

Es steht irgendwo zu lesen, dass Wense zu Lebzeiten lediglich circa 80Seiten verstreut publizierte. Warum hat dieser ungemein produktive Mann kaum etwas veröffentlicht? Wandte er sich mit seinen Projekten jemals an Verleger?

Interview

Reiner Niehoff ist Privatdozent an der Freien Universität Berlin und veröffentlicht in Buch und Film über Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Zusammen mit Valeska Bertoncini hat er seit 1995 das Werk von Hans Jürgen von der Wense erforscht. Sie haben 3500 unbekannte Briefe, Fotografien, Collagebücher, Übersetzungs­manuskripte sowie verschüttete Dokumente, Dichtungen und Notizen ausgegraben. 2005 erschienen Wense-Briefe in drei Bänden, alphabe­tisch sortiert, im Verlag Zweitausendeins. Nun gibt er bei Mattthes & Seitz eine neue Wense-Reihe in drei Bänden heraus, deren erster, »Routen I – Südniedersachsen«, gerade erschienen ist.
 Plattform für unregelmäßig-regelmäßige Publikationen kleinerer Wense-Funde ist der Berliner Verlag Blauwerke (www.blauwerke-berlin.de), den Bertoncini und Niehoff eigens zu diesem Zweck gründeten. Dort sind seine Essays sowie frisch aus dem Wense-Nachlass faksimilierte und transkribierte Blättersammlungen über die Wolken, das Wandern und das Wetter zu entdecken. Diese »Groschenhefte des Weltgeistes« kosten 1 und 2 Euro.

Die Sache mit dem Abschließen war sicher eines von Wenses großen Problemen. Und er hatte tatsächlich Kontakt zu Verlegern, aber wenn es ernst wurde, hat er immer wieder so blockiert, dass es dann doch nicht zu einem Projekt gekommen ist. Das hat ganz unterschiedliche Gründe, die von banalen Ängsten bis zu Konzepten gigantomanischen Ausmaßes reichen. Ich neige diesbezüglich zu folgender Ansicht: Bei Wense herrschte der Wunsch vor, das Schreiben nicht zu Ende zu bringen. Weil, wie Walter Benjamin sagt, ein abgeschlossener Roman zugleich seine Balsamisierung, eine Totenmaske ist. Dem wollte Wense entgehen. Und das leuchtet ein, gerade wenn es um Landschaftsbeschreibungen geht. Landschaften befinden sich in permanentem Wechsel, in ständiger Metamorphose, sei es durch das Wetter, sei es durch Eingriffe der Menschen, sei es durch die Wissenschaft. Und so gibt es bei Wense einen ständig wechselnden Zugriff, um nicht an einem bestimmten Punkt einzuhalten und zu sagen: »Das war’s jetzt.« Da ist ein Versuch zu sagen: Die Erfahrung hört nicht auf, mein Wahrnehmen hört nicht auf, weswegen ich mein Schreiben immer weiter mitfließen lasse. »Nur was die Welt offen hält, bewahrt ihren unendlichen Reichtum.« Entsprechend sind seine Wenses Arbeitsmappen angelegt. Sie bestehen aus einzelnen losen Blättern, zu denen immer neue hinzutreten dürfen.

Faszinierend an Wense ist, dass er eine Stadt wie das ostwestfälische Paderborn als ebenso geschichtsträchtig wie Rom erachtet, den winzigen Ort Pömbsen im Eggegebirge als ebenso bedeutend und spannend wie weltbekannte Mittelmeermetropolen. Sind diese Urteile Ihrer Meinung nach haltbar?

Wenses Wunsch war, die große Geschichte auch und gerade in kleinen Städten, gar Dörfern freizulegen. Paderborn und noch Pömbsen sind ja tatsächlich Orte mit sehr langer Geschichte. Bei Pömbsen etwa, so Wense, besiegelten Friedrich Hölderlin, Wilhelm Heinse und Susette Gontard ihre Freundschaft – für Wense ein weltliterarisches Ereignis; Heinse und Hölderlin gehörten zu seinen Hausgöttern. Oder der Desenberg bei Warburg, der sein Wanderleben erst ausgelöst hatte: Ihn sah er als Pyramide – als eine nach Ostwestfalen versetzte ägyptische Pyramide. Derlei surreale Effekte, eine Art Exotik der Nähe, haben ihn sehr stark interessiert. Hinzu kommt der Nietzsche-Einfluss, die Umwertung der Werte, die von Wense auf Fern und Nah, Groß und Klein angewendet wird. Das heißt: Wense vermeidet Landschaften, die schon sehr stark rezipiert worden sind. Das, was noch keine Sprache, keine Schrift gefunden hat, steht bei ihm ganz oben. Wense ist sozusagen der Prophet, der in die Wüste geht, in eine Landschaft, die noch keine Schrift hat, und der dann die Heilige Schrift dazu entwickelt. So inszenierte er sich auch immer.

Wense bezeichnet das, was er dem Leser vor Augen führen möchte, seinen Erkenntnisantrieb, als Geoästhetik. Können Sie diesen Begriff erläutern?

Für mich ist damit eine Art Schichtenmodell gemeint. Normalerweise legt man Texte ja diskursiv an: Ein Satz folgt auf einen anderen Satz – und er folgt nicht zufällig, sondern nimmt den Vorsatz auf und bereitet den Nachsatz vor. Das ist bei Wense tatsächlich anders. Seine Art zu schreiben ähnelt dem, was Gilles Deleuze »Plateaus« genannt hat. Soll heißen: Anders als unsere gesamte Geschichtsphilosophie, die stets in vertikalen, linearen Fortführungen denkt, ist Wenses Betrachtungsweise horizontal; so bringt er geschichtliche Dinge miteinander in Kontakt, die nicht nach-, sondern unter- und übereinander liegen, die horizontal gar nicht miteinander in Kontakt zu bringen wären. Gleichzeitig ist Geoästhetik der Versuch zu sagen: Ich gehe von der Erde aus. Wir Menschen sind Erdwesen, die Erde ist ein Stern, wir reisen durch das Universum, wir leben im Himmel – und wenn wir das nicht wahrnehmen, dann sind wir hier verkehrt. Also wenn wir immer hingehen und sagen, wir brauchen das Reich Gottes oder das der philosophischen Ideen – für Wense kommt der Himmel nicht erst nach dem Leben, vielmehr sind wir immer schon da, wo wir meinen noch hinzumüssen.

Wer war Hans Jürgen von der Wense?


Hans Jürgen von der Wense hat über sich selbst gesagt: »Ich bin durchaus das, was die Gärtner einen Solitär nennen.« In der Tat war Wense ein rares Gewächs. 1919 reüssiert der verarmte Aristokrat in Berlin als dadaistisch-futuristischer Skandal-Komponist und flanie­ren­der Teilnehmer an Spartakusaufstand und Münchner Räterepublik. 1922 verabschiedet er sich von der Metropolen-Kultur an die Ostsee, wird zum akribischen Wetteraufzeichner, übersetzt aus entlegensten Sprachen, schreibt an frühromantischen Fragmenten.
 Als er am 7. Mai 1932 zufällig den Vulkan Desenberg in der War­burger Börde zu Gesicht bekommt, beginnt er sein drittes Leben als Wanderer, Landschafts­forscher, Regionalgeschichtler. Bis zu seinem Tod absolviert er um die 30 000 Kilometer zu Fuß, aber begrenzt auf den Raum der deutschen Mittelgebirge zwischen Fulda, Goslar, Hildesheim und Paderborn, wo er buchstäblich jeden Stein, Strauch und Baum kennt.
 Seine drei Leben verwandelt Wense in 25 000 lose Blätter, Tage­bücher, Kompositionen, Fotografien, kilometerlange Briefe, Collage­bücher, aber in nichts Fiktives und Festes: »Denn ich bin wie ein kristal­lines Gestein (…), bin durchsetzt von Spalten, Klüften, Rissen und hohlen Fugen.« Wense stirbt am 9. November 1966, einen Tag vor seinem 72. Geburtstag. Beerdigt ist er in Diemarden, weil er nicht gemeinsam mit den Professoren der Universitätsstadt auf einem Friedhof beerdigt sein wollte.

Folgt man Wenses Texten, muss er ein sehr eigentümlicher Wanderer gewesen sein: nicht auf Wegen, sondern durch die Felder sich bewegend, immer möglichst schnell, und auch bei einem Wetter, das andere schlecht nennen würden. Mit dem oft beschworenen Aussteiger aus dem Alltag, der die Welt gemächlichen Schrittes genießt, hatte Wense nicht allzu viel zu tun.

Wense ist, was das Wandern angeht, Individualanarchist. Bei ihm gibt es keinerlei soziale Komponenten im Sinne einer Vergemeinschaftung qua Wandern. Zum Spazieren würde er wohl sagen: Das ist ein Problem von Städtern.

Im neuen Buch gibt es eine Stelle, wo Wense über sich selber sagt, er sei weder Literat noch Musiker noch Gelehrter; er könne eigentlich gar nichts richtig, und für andere arbeiten könne er schon gar nicht. Das ist nicht der eben erwähnte Wense, der keine Werkform findet, sondern einer, der sich als gesellschaftlichen Außenseiter erachtet. Was war eigentlich Wenses Haltung gegenüber dem deutschen Kulturbetrieb seiner Zeit?

Wegen seines Konzeptes, letztlich nichts zu beenden, konnte Wense gegenüber professionellen Schriftstellern, die ja ständig Werke veröffentlichen, nur schlecht abschneiden. Daraus resultierte eine Konkurrenz und Gegnerschaft zur zeitgenössischen Schriftstellerei, eine Art von aristokratischem Ressentiment, das besagt: Ich brauche euch alle nicht! Und so werden andere Schriftsteller kräftig verflucht: Thomas Mann, Ernst Jünger, selbst Hans Henny Jahnn, der ihm eigentlich nahestand. Die Tochter seines Hamburger Mäzens Wilhelm Niemeyer hat einmal beklagt, Wense schreibe ja gar nichts. Sie hat überhaupt nicht bemerkt, dass Wenses regelmäßige Briefe an ihren Vater, die sich teilweise über mehr als 20 Seiten erstreckten, von ihm veröffentlichte literarische Werke waren, bloß eben für nur einen Leser.

In vielen seiner Texte äußert Wense den Wunsch zu verschwinden. Der kommt in der Literatur häufiger vor, etwa bei Franz Kafka. Oder auch sehr ausgeprägt bei Siegfried Kracauer, der dem mit ihm befreundeten Adorno seine Gefallsucht, sein fortwährendes Suchen nach Anerkennung durch den Kulturbetrieb vorwirft. Was steckt bei Wense hinter dem Motiv, nicht Teil dieser Welt sein zu wollen?

Wenses Konzept war es, sich selbst immer wieder zu erfinden. Das heißt, immer neue Masken anlegen zu dürfen, immer neue Identifikationen einzugehen. Bei Wense findet man zu jedem Satz auch dessen Gegenteil, zu jeder These die Gegenthese. So etwas verträgt sich überhaupt nicht mit festen Identitäten, wie sie gängig waren und sind. Das andere ist Wenses kulturhistorisch chinesisches Erbteil, das Ernst macht mit der paradoxen Vorstellung, durch intensives Schreiben könne man in die Sache ganz eingehen: Ich bin so derart konzentriert, dass ich in dem verschwinde, was ich tue. So wie der chinesische Maler, der in seinem eigenen Bild verschwindet.

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Wenn Wense von Wanderungen mit verschiedenen Freunden erzählt, ist der Ton oft so, dass man denkt, es seien verliebte Männerpaare unterwegs. Kann es sein, dass Wenses in den 30ern praktiziertes unaufhörliches Wandern in abgelegenen Regionen den Versuch eines homosexuellen Schriftstellers darstellt, vom Radar der Nazis zu verschwinden?

Das Thema war tatsächlich ein schweres, weil zu Wenses Lebzeiten offene Homosexualität nur begrenzt möglich war. Wense selbst sublimiert viel durch seine ungemein eruptive Art. Und er entwickelt zuweilen Gedanken, wie sie in Theorien der 1920er Jahre verbreitet sind, dass nämlich Männerbünde höhere Kulturen entwickeln – und er ein Vertreter dieser höheren Kultur sei. Das hat den Nebeneffekt, dass Wense bisweilen arg misogyn ist, was mir überhaupt nicht gefällt. Jedenfalls wünschte ich, Wense hätte in der Nachkriegszeit schöne Beziehungen gehabt, befürchte aber, dass es nicht so war. Stattdessen gibt es einen zusehends pädagogisch homoerotischen Wense, der meint, andere Männer formen zu müssen. Dieser Wense ist mir eher fern.

Kommen wir auf Wenses Sprache. Hier eine Stelle aus dem neuen Band: »Verwehendes, formendes Licht! Kuppen und Züge aus der Flur herausschneidend, vokalisierend, spricht in Sätzen … Frauen graben Kartoffeln, Mühe. Wagen mit Säcken … Pompejirot, Tomaten, cochenille.« Wense scheint mir hier jemand, der versucht, eine Landschaft in ihrer berückenden Vielfalt dokumentarisch festzuhalten, wobei großartige Poesie entsteht. Doch wenn man sagt, jemand schreibe dokumentarisch, verurteilen einen die Literaturtheoretiker sofort als naiv. Wie sehen Sie das?

Tolle Passage. Ganz ähnlich wie Rolf Dieter Brinkmanns übrigens ganz wunderbare Wetterbeschreibungen. Aber zum Realismus kann ich eigentlich nichts sagen; ich weiß nicht, was das ist. Ich weiß nur, dass Realisten genauso Schriftsteller sind wie andere auch. Wenn ich Wense in dieser Hinsicht beschreiben sollte, würde ich zum einen sagen, dass es bei ihm einen gleichsam alttestamentarischen Zug gibt, nämlich das Benennen aller Dinge der Welt, ihnen einen Namen zu geben. So wie Gott in der Bibel, hat Wense einen Wortkombinationskasten, mit dem er spielt, seine Sprache baut. In Wenses Wetterbüchern finden sich ganze Kataloge von Farben – zum Beispiel so ein Wort wie »brombeerwehrlosbraun«, wo unfassbare Dinge miteinander verbunden werden. Wenn man Wenses lange Reisebriefe an seinen Mäzen Niemeyer liest, die sicher seine besten Texte sind, kann man feststellen, dass er sie wie ein Komponist symphonisch aufbaut. Es gibt Passagen, da kann man das Adagio erkennen, und dann kommt plötzlich ein Allegro. Wenses Sprache hat ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten. Er kommt ja von Arnold Schönberg, von der Atonalität. Er weiß, wie man sprachlich Geschwindigkeit oder Langsamkeit herstellt, was plötzliche Umbrüche sind. Er tränkt seine Prosa mit musikalisch-rhythmischen Formen.

Seine Art zu schreiben ist in der Tat in höchstem Maße mitreißend. Das ist selbst dann noch so, wenn man eine Stelle zum zehnten Mal liest. Ist er im wirklichen Leben auch so gewesen?

Ja, Wense muss trotz seiner chinesischen Zurückhaltung eine enorme Ausstrahlung besessen haben, war offensichtlich aber auch bereit, jederzeit durchzudrehen. Ein Bekannter von ihm hat mir einmal erzählt, dass er gemeinsam mit Wense ein Restaurant aufgesucht und dieser eine Nelke genommen und sie im Beisein des verdutzten Kellners genüsslich verspeist habe. Eine kleine surrealistische Geste.

Es gibt bei Wense immer wieder Volten gegen das Denken allgemein. Dieses, schreibt er etwa, verstelle die Erfahrung der Landschaft, kompliziere das Leben. Gleichzeitig ist er ein Forscher, beschäftigt sich mit Mythen, Religionsgeschichte und Geschichte, mit Geografie und Geologie. Wie würden Sie Wense, der ja nicht einfach ein Anti-Intellektueller ist, in dieser Hinsicht beschreiben?

Ja, es gibt solche Volten sehr häufig. Und bei jemandem, der wie Wense halb akademisch arbeitet, klingt das immer schnell unangenehm. Eigentlich aber wehrt er sich gegen ein Denken, das sich von der Erfahrung abwendet. Das heißt, Intellektualität wird von ihm oft kritisiert, weil sie sich an den Schreibtisch zurückzieht. Für Wense muss das Erkennen sich mit der Bewegung verbinden. Das Erkennen wird nur Erkennen oder das Wissen nur Wissen, wenn es sich in einer konkreten Landschaft bewegt. Ein unbewegtes Denken wäre demnach ein statisches oder abstraktes Denken. Denken, wie es Wense praktiziert, ist eines, das sich immer mit konkreten Erfahrungen kurzschließt.

Sie haben hervorgehoben, Wense erfinde sich fortwährend selbst und dass dies auch eine Kritik am bürgerlichen Subjektbegriff beinhalte, dieser Vorstellung einer fest umrissenen Identität. Meine Frage ist, ob Wense je selbst sein Vorgehen in dieser Weise beschrieben hat oder ob Sie dieses mit einem heutigen, sagen wir: strukturalistischen, Begriffsbesteck deuten.

Also auf jeden Fall bin ich jemand, der Wense tendenziell von der Postmoderne her liest. Man kann Wense auch von der konservativen Revolution her lesen, also als Aristokrat, als Sohn eines Offiziers und mit dem Ethos eines Soldaten ausgestattet. Die Frauenforschung jedenfalls wäre mit Wense gewiss nicht glücklich, die Genderforschung schon eher, auch die queere Forschung, wegen der vielen verschiedenen Masken, die er sich aufgesetzt, der verschiedenen Rollen, die er gespielt hat. Die Tatsache jedenfalls, dass Wense sehr früh sagt, dass er viele unterschiedliche Ichs in sich hat, legt es nahe zu denken, dass er nicht von einem festen Kern der Identität ausgeht, seine Entgrenzungs- und Transgressionsfantasien sind einfach sehr mächtig.

Einmal haben Sie angedeutet, es habe bei Wense durchaus Sympathien für die Nazis gegeben.

Kurzfristig, aber im Grunde auch nur vor deren Machtantritt. Viele um Wense herum fuhren damals auf Hitlers Charisma ab. Die mit Wense befreundete Künstlerin Hedwig Woermann kam 1933 nach Kassel, seinem Wohnort, und Wense äußerte, dass sie einen vollkommenen Knall, nur noch Hitler im Kopf habe, was ihn da schon arg befremdete. Später hat er einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer gestellt und hat jede Frage mit Nein beantwortet: Haben Sie publiziert? Nein. Haben Sie ein Arbeitsprojekt? Nein. Haben Sie jemals …? Nein. Er lieferte einen Katalog voller Neins und wurde nicht aufgenommen. Man fragt sich, warum er diesen Antrag überhaupt ausgefüllt hat. Doch dieses Momentum des Sich-nicht-Verfestigens, das ist es eben, was auch Wenses Schriften auszeichnet. Als sich einmal der Freundeskreis des jungen Wense traf, sollte jeder sagen, was er später wohl sein würde. Ernst Krenek sagt: Komponist, Walter Spieß sagt: Maler, Leo Spieß sagt: Dirigent und so weiter. Der Einzige, der herausfiel, war Wense, der immer alles bleibt und nichts wird. Alles bleiben, nichts werden – das, finde ich, ist ein gutes Konzept.

Mitarbeit: Sonja Voss

Hans Jürgen von der Wense: Routen I – Südniedersachsen. Matthes & Seitz, 434 S., geb., 48 €.

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