Hommage für Werner Schwab: Nostalgie nach Grazkunst

Dem radikalen Dramatiker Werner Schwab widmet das Schauspielhaus Graz 30 Jahre nach seinem Tod eine Hommage

  • Stefan Schmitzer
  • Lesedauer: 4 Min.
Szene aus »Schwabgasse 94«, einer Hommage an Werner Schwab.
Szene aus »Schwabgasse 94«, einer Hommage an Werner Schwab.

Unter dem Titel »Schwabgasse 94« bringt Regisseur David Bösch eine »Hommage an Werner Schwab« auf die Bühne des Grazer Schauspielhauses. Die Collage mit den »Greatest Hits« des jung verstorbenen Enfant terrible lässt 30 Jahre nach seinem Tod erkennen, was an seinem Werk für die hinterbliebene Kulturszene seiner Heimatstadt zur nostalgischen Projektion taugt – und was, zum Glück, nicht.

Das deutsche Feuilleton gab dem distinkten Duktus dieser Stücke – sie hießen etwa »Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos« oder »Endlich tot, endlich keine Luft mehr« – noch zu Lebzeiten des Autors, in jenen wenigen Jahren seines plötzlichen internationalen Erfolgs Anfang der Neunziger, einen eigenen Namen: Er schrieb nicht deutsch, sondern »schwabisch«. Es ist sicher verfehlt, den 2024 zeitgenössischen Regietheater-Mainstream, der mit Textflächen operiert, ausschließlich aus dem Erfolgszug dieses »Schwabischen« herzuleiten. Aber es ist plausibel, dass das initiale Interesse der Theatermacher um 1990 an Schwabs Texten sich nicht zuletzt den speziellen neuen Freiheiten verdankte, die seine Sprache ihnen bot.

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»Schwabisch« erscheint der oberflächlichen Betrachtung wie eine Kunst-Karikatur der österreichischen Alltagssprache. Es zeichnet sich erstens aus durch eine genaue Verwendung der Zeiten, insbesondere der Vorzukunft; zweitens dadurch, dass Abstrakta durch Hinzufügen unbestimmter Artikel in konkrete Gegenstände verwandelt werden; drittens durch Nominalisierungen, die die Welt der Sprecher*innen in ein klaustrophobisches Sammelsurium von unverwandt herumstehenden Sachen verwandeln, den Unterschied von toter und belebter Natur aufheben. Dem entspricht inhaltlich, dass in Schwabs Bühnenuniversum Personen stets Sachen unter anderen sind, selbstverständlich bloße Mittel zum Zweck für Stärkere. Dieses Verhältnis von Machthaber und Opfer kann sich wieder und wieder drehen, wird aber nie qualitativ verwandelt werden. Der vergebliche Wunsch nach solcher Verwandlung ist das Energiereservoir der bitteren Komik, die den Stücken eignet.

Nun eignet sich so ein Lebenswerk nur bedingt als Folie für Selbstinszenierungen des Kulturstandorts der jeweiligen Heimatstadt. Wenn der Gehalt der Werke die unhintergehbare Brutalität der Verhältnisse in österreichischen Familien ist, die Verankerung der zahlreichen verschiedenen Arten von Missbrauch und Ausbeutung in ganz bestimmten, aber immer klar österreichischen Ideologien der Leibfeindlichkeit, dann ist widersinnig, just diese Verhältnisse dafür zu feiern, dass sie so ein literaturgeschichtlich bedeutsames Werk hervorgebracht haben.

Die »Hommage an Schwab« am Grazer Schauspielhaus balanciert also auf schmalem Grat. Ihr zugrundeliegender Gedanke ist, unter Verwendung von Textmaterial aus Schwabs Notizbüchern ein Greatest-Hits-Medley aus Szenen der bekanntesten Stücke zu generieren, wobei die Figuren über die Grenzen »ihrer« Stücke hin miteinander interagieren. Das gelingt genau so weit, wie das Ensemble sich auf die brutal komischen Charakteristika des Werks stützt und das empathisch Tragische umgeht. Die gesellschaftskritischen Elemente werden so zu Kolorit der historischen Genese ihrer Stoffe.

Strukturell sehen wir in der »Schwabgasse« ineinander verschachtelte Kurzfassungen der Stücke »Die Präsidentinnen« und »Volksvernichtung«. Gerade Stellen, die wirklich weh tun (also etwa, wenn der »abnorme« Herrmann seiner Mama detailliert schildert, wie ihn der Herr Vormund missbraucht hat), funktionieren in der dargereichten Zusammenschau nur aufgrund ihrer Komik. Denn ohne diese körperlich schmerzhafte Komik würden wir die Figuren ernster nehmen als den Zusammenhang, in dem sie stehen, und es würde der wiederholte Wechsel von einem der Schwab-Stücke zum nächsten nicht, wie hier, nach Art der Szenenwechsel im Kasperletheater funktionieren.

Schauspielerisch ist die Präsenz von Annette Holzmann hervorzuheben, deren Figur (das »Mariedl« aus den »Präsidentinnen«) in diesem Potpourri die widersprüchlichsten Funktionen auf den kleinen Klosettfrauenleib geschrieben bekommt – was uns Holzman aber nie spüren lässt. Mervan Ürkmez kommt der folgerichtigen, aber undankbaren Aufgabe bemerkenswert gut bei, den oben erwähnten Herrmann zugleich als einen Avatar des Autors zu spielen; und Rudi Widerhofer als »Hundsmaulsepp« hat das beste komische Timing des Abends.

Das ganze Unterfangen kann gerade so nur an gerade das Grazer Publikum gerichtet werden. Nur hier erkennen die meisten interessierteren Theatergänger*innen die wichtigsten Stücke und haben zum Teil noch persönliche Erinnerungen an diese oder jene Uraufführung. Der Impuls dieser »Hommage an Schwab« selbst bleibt ambivalent. Was ihn aber grunderfreulich macht, ist das zur Schau gestellte Vertrauen auf die Unverwüstlichkeit des Schwabschen Werkes für ein Theater, das auch »dreißig Jahre später« der Brutalität der wirklichen Verhältnisse (vielleicht) gewachsen bleibt.

Nächste Vorstellungen: 3.2., 15.2., 28.2., 13.3., 27.3.

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