Wenn der Geist frei ist von Angst und Ego

Es gibt keine Routinen: Mit 89 Jahren hat Abdullah Ibrahim das Livealbum »3« veröffentlicht

  • Jan Paersch
  • Lesedauer: 5 Min.
»Der Song sagt: ›Hey, setz dich hin, hör zu‹«. Abdullah Ibrahim am Flügel (2022 in Paris)
»Der Song sagt: ›Hey, setz dich hin, hör zu‹«. Abdullah Ibrahim am Flügel (2022 in Paris)

Ein Interview mit Abdullah Ibrahim hat mit einem gewöhnlichen Frage-Antwort-Spiel nichts zu tun. Der Pianist aus Kapstadt antwortet nur indirekt, wenn man sich mit ihm über sein neues Album »3« unterhalten möchte. Er gibt Aphorismen und kurze Anekdoten von sich. Und setzt ein gütiges Lächeln auf.

Der Duke-Ellington-Schüler, der Mann, der eine Hymne des Apartheid-Widerstands schrieb, der Künstler, der südafrikanische Folklore und US-amerikanischen Gospel wie kein zweiter zu vermengen wusste – komponiert er heute noch Songs, im Alter von beinahe 90 Jahren? Ibrahim, mit Mütze und Schal in seiner Stube sitzend, gibt ausnahmsweise eine klare Antwort: »Nein, der Song schreibt mich! Ladies and Gentlemen, ich weigere mich, einen Song zu schreiben!« Er beugt sich Richtung Laptop-Kamera und gluckst vor Lachen. »Der Song sagt: ›Hey, setz dich hin, hör zu‹. Er kommt im Schlaf und sagt: ›Wach auf!‹ Es gibt keine Routinen. Es ist einfach eine Freude.«

Man kann das Vergnügen hören, das der Südafrikaner beim Komponieren empfindet. Verschiedenste Kulturen haben seine Kunst beeinflusst. In den 60ern lebte er in der Schweiz. Später verhalf ihm Duke Ellington zu ersten Plattenaufnahmen und brachte ihn in die USA. In der Folge flossen Bebop, Blues und Gospel in Ibrahims Songs ein, immer mit einem unverkennbaren Einschlag südafrikanischer Idiome: sonnige, mitsingbare Melodien von glasklarer Schönheit. In den 70er Jahren verhalfen sie ihm zu Weltruhm.

Nachzuhören ist all das auch auf »3«, dem neuen Trio-Album, das Abdullah Ibrahim mit Cleave Guyton Jr. an diversen Flöten und Kontrabassist Noah Jackson im Sommer 2023 live in London aufgenommen hat. Anmutig gleitet die Querflöte durch »Dreamtime« hindurch, gelassen tönt das Bass-Solo in John Coltranes »Giant Steps«. Der Bandleader selbst begibt sich in zwei je 15-minütigen Improvisationen auf meditative Klangreise, alleine am Flügel. Am ergreifendsten klingt der Pianist im ersten Teil, der schon nachmittags in der Barbican Hall mitgeschnitten wurde, ganz ohne Publikum. Das Rauschen einer alten Bandmaschine: Die Band spielt den Klassiker »Mindif«. Ein gestrichener Bass, nur ganz zart zu vernehmen, dazu ein einfühlsames Flötensolo. Ibrahims Flügel scheint vor Glück zu seufzen.

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Das abendliche Konzert endet wie jeder von Ibrahims Auftritten: mit einer Zugabe ohne Mikrofon. Ibrahim nennt es »Trance-Mission«, wenn er mit geschlossen Augen und einer Hand an der Wange am Bühnenrand steht. Ohne sein Instrument singt er mit brüchiger Stimme: »When I came back to the land I was born, there was no one to welcome me home.«

»Ich mache das nicht, weil ich eine Message habe«, erklärt Ibrahim im Zoom-Call. »Wir Musiker haben als erstes Instrument unsere Stimme. Wir sind die Hüter der Geschichte, wie die Griots in Westafrika. Der Song spricht von Anstrengungen und Unglück und davon, wie wir diese Dinge überwinden. Es geht um ein verlorenes Zuhause.«

Es war die grausame Zeit der südafrikanischen Apartheid, die Abdullah Ibrahim 30 Jahre lang um seine Heimat brachte. Musiker standen in dem mörderischen Regime besonders unter Beobachtung. Ab 1960 durften Schwarze nicht mehr mit weißen Musikern zusammenarbeiten; Jazz wurde nicht mehr im Radio gespielt.

Der Pianist ging mit seiner Band nach Zürich. Später verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt nach New York City. Nur kurzzeitig hielt er es in den 70er Jahren in Südafrika aus – und komponierte während eines Aufenthalts dort den Anti-Apartheid-Song schlechthin. »Mannenberg« galt der der schwarzen Bevölkerung Südafrikas als eine Art inoffizielle Nationalhymne. Nelson Mandela soll Ibrahim später als »Südafrikas Mozart« bezeichnet haben.

Die Karriere des am 9. Oktober 1934 geborenen Adolphe Brand hatte in der Bebop-Band begonnen, die er zusammen mit Hugh Masekela gegründet hatte: den Jazz Epistles. Mit dem Spielen von Boogie-Woogie trainierte er seine linke Hand. Seinen Spitznamen hatte der Pianist schnell weg. »Dollar« nannte man den Teenager im Kapstadt der 50er, weil er jeden hart verdienten Schein gleich wieder an die US-amerikanischen Seemänner in der südafrikanischen Hafenstadt weitergab – die lieferten ihm die begehrten Jazzplatten.

Nachdem Duke Ellington sein Dollar Brand Trio im Zürcher »Africana Club« entdeckt hatte, ging es in die USA. Der Trompeter Don Cherry verhalf dem Südafrikaner zu einem Zimmer im Chelsea Hotel, einem begehrten Künstler-Hotspot. Am New Yorker Konservatorium Juilliard School konnte Brand mit einem Stipendium studieren. Doch lange hielt es ihn selten an einem Ort. 1968 konvertierte er zum Islam, nannte sich Abdullah Ibrahim und pilgerte nach Mekka. Erst in den 90er Jahren zog er dauerhaft zurück ans Kap.

Seit 2012 lebt der Pianist in Bayern. Der Grund ist seine Freundin Marina Amuri – die Ärztin hat eine Praxis im beschaulichen Chiemgau. Was er am dörflichen Aschau unweit des Chiemsees schätzt? Ibrahim holt aus: »In Afrika habe ich in den Townships gelebt, und ich war fast immer draußen. In der Wüste! Das ist die Essenz des Lebens. Viele Probleme haben wir uns selbst auferlegt, wir verschließen uns vor der Natur. Hier am Chiemsee ist es fantastisch, denn wir genießen die Eigentümlichkeiten der Jahreszeiten. Gerade haben wir die ersten Kirschblüten gesehen! In der japanischen Kultur ist das ein Zeichen der Flüchtigkeit des Lebens: Sie kommen und vergehen.«

Abdullah Ibrahim könnte die menschgewordene uralte Morla aus der »Unendlichen Geschichte« sein. Man fragt diese runzlige, weise Schildkröte um Rat, und rätselt anschließend wochenlang, was die Antwort bedeutet. Ibrahim versteht es, seinem Gesprächspartner auf freundliche Art zu vermitteln, das der eigentlich nichts weiß. Ausführlich erklärt er, der sich mit Zen-Buddhismus und fernöstlichem Kampfsport beschäftigt hat, den japanischen Begriff »mushin«. »Es bedeutet: In dem Moment, in dem du über etwas nachdenkst, ist es schon verschwunden. Mushin hilft dir. Dein Geist ist frei von Angst und Ego.«

Abdullah Ibrahim gibt nur noch ausgewählte Konzerte. Viel unterwegs ist er nicht mehr, und dennoch beschäftigt. Der Live-Mitschnitt »3« ist Ende Januar erschienen, als nächstes soll ein Album mit Quartett folgen. Bigband- und Orchesterwerke sind geplant.

Ob er noch Übungen am Klavier mache? Ibrahim lächelt: »Es ist nicht wichtig zu üben. Man versucht, etwas zu perfektionieren, das man nicht perfektionieren kann. Das Klavier ist nur ein Instrument.«

Abdullah Ibrahim: »3« (Gearbox)

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