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DFB-Frauen und ihr Trainer stehen mächtig unter Druck

Die 1:2-Niederlage in Frankreich für die deutschen Fußballerinnen unter Horst Hrubesch ist folgenschwer

  • Frank Hellmann, Lyon
  • Lesedauer: 4 Min.

Es gibt noch eine Menge schöne Dinge in Lyon zu entdecken. Ein Ausflug in die Altstadt und dann ein Spaziergang hoch zur Basilika Notre-Dame de Fourvière wird mit einem prächtigen Ausblick belohnt. Gleich um die Ecke haben einst Megan Rapinoe und Co. bei ihrer weltmeisterlichen Mission im Sommer 2019 gewohnt. Die deutschen Fußballerinnen sind nach dem Nackenschlag im Nations-League-Halbfinale gegen Frankreich (1:2) noch ein paar Tage in der charmanten Stadt am Zusammenfluss von Rhône und Saône geblieben.

Am Dienstag geht es nach Heerenveen, wo das Spiel um Platz drei des Final Four gegen die Niederlande (Mittwoch 20.45 Uhr, ZDF) mehr als ein Entscheidungsspiel ums Olympia-Ticket ist. Es geht auch darum, wie lange es mit dem bei den Spielerinnen so beliebten Interimstrainer Horst Hrubesch weitergeht. »Wir wollen alles dransetzen, dass wir die nächsten Wochen und Monate noch zusammenarbeiten«, sagte Torhüterin Merle Frohms, die wie ihr Trainer von Paris 2024 träumt: »Wir wollen da alle unbedingt hin. Nicht nur für Horst, sondern weil es ein so großer Traum ist für jede Sportlerin.«

Bei einem Scheitern würde der DFB den sofortigen Neustart ausrufen, denn bereits von April bis Juli wird die Qualifikation für die EM 2025 in der Schweiz durchgezogen. Ohne Olympia würde eine andere Person mit dem Auftrag betraut, ist aus allen Aussagen der Sportdirektorin Nia Künzer abzuleiten. Gewiss wird die Wahl nicht auf Hansi Flick fallen, den Ex-Nationaltorhüterin Almuth Schult ins Spiel brachte. Unbezahlbar und unrealistisch.

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Ausgerechnet in seinem 13. Länderspiel – bei seiner ersten Verpflichtung 2018 waren es sieben Siege und ein Remis – kassierte Nothelfer Hrubesch seine erste Niederlage mit den DFB-Frauen, die der 72-Jährige am Freitag im großen Kreis aufrichtete: »Die Geschichte ist nicht vorbei.« Man müsse jetzt »draufbeißen und Gas geben«. Obwohl die Niederlande bei Weltmeister Spanien mit 0:3 verloren, wirkt das Team seines Gegenübers Andries Jonker seit geraumer Zeit deutlich gefestigter. Den Deutschen mangelt es weiter an Überzeugung, Flexibilität und Präzision – und auf einigen Positionen stellt sich grundsätzlich die Qualitätsfrage.

Das Freundschaftsspiel vor einem Jahr gegen die »Oranje Leuwinnen« wurde noch unter Trainerin Martina Voss-Tecklenburg so glücklich gewonnen, dass daraus tunlichst nichts abgeleitet werden sollte. Hrubesch ahnt, dass vor frenetischen Fans viele Widerstände zu überwinden sind. Über »seine Mädels« sagte das HSV-Idol: »Auf der einen Seite glaube ich an sie. Auf der anderen Seite haben sie alle Qualitäten, aber sie müssen alles dafür tun. 90 Prozent reichen nicht.«

Ihm gelang im Groupama-Stadion zwar der Balanceakt, auf der Lehne seines Klappstuhls zu sitzen, doch ging der Matchplan daneben. Die Nachteile der Doppelspitze mit Lea Schüller und Alexandra Popp waren für 30 267 Augenzeugen und 3,19 Millionen Zuschauer in der ARD nicht zu übersehen: lange Schläge aus der Abwehr, viel zu frühe Ballverluste, der unbesetzte Zehner-Raum vor der Doppel-Sechs mit Lena Oberdorf und Sjoeke Nüsken.

Nach Schüllers zu kurzer Kopfballabwehr jagte Kadidiatou Dani die Kugel ins Netz (41.), dann führte ein Ballverlust von Marina Hegering zu jener Situation, in der Oberdorf den von Sakina Karchaoui verwandelten Strafstoß verursachte (45.+4). Kapitänin Popp hatte lautstark über Oberdorf geschimpft: »Sie muss da nicht in die Grätsche gehen.« Die 32-Jährige ärgerte sich ganz generell: »Die Konstanz fehlt grundsätzlich. Es ist brutal ärgerlich, weil hier mehr drin gewesen wäre.« Die deutlichsten Worte fand Giulia Gwinn, als die per Handelfmeter erfolgreiche Rechtsverteidigerin (82.) den »Angsthasen-Fußball« der ersten Hälfte ansprach.

»Wir haben erst in der zweiten Halbzeit das gemacht, was wir wollten«, so Hrubesch, der seinen missglückten Ansatz zur Pause sofort behob: Durch seine drei Wechsel, vor allem durch Sydney Lohmann und Sara Däbritz, und eine Umstellung aufs 4-2-3-1 erspielten sich die Deutschen eine gewisse Überlegenheit, doch vom Selbstverständnis einer Topnation mit Titelambitionen ist dieses Ensemble ungefähr noch so weit entfernt wie Lyon von Heerenveen.

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