Grüne und »woke« Linke: ja bitte!

Für Ökosozialismus und gegen jede Diskriminierung: politische Debatten auf Frühlingsfest der Luxemburg-Stiftung

  • Peter Nowak
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich freue mich schon so auf den Frühling, das einzige, was man nie satt kriegt, solange man lebt, was man im Gegenteil mit jedem Jahr mehr zu würdigen und zu lieben versteht«, schrieb Rosa Luxemburg im Januar 1918. Das Zitat spielte auf dem Frühlingsfest der nach der Kommunistin benannten Stiftung insofern eine Rolle, als dort auch ein Theaterstück über die charismatische Politikerin aufgeführt wurde – wenn auch eines über ihre »menschliche« Seite und ihre Leidenschaft für Pflanzen und Vögel, basierend auf ihren Briefen aus dem Gefängnis.

Jenseits der Aufführung dominierten aber aktuelle politische Fragen mehrere Diskussionsveranstaltungen am Berliner Franz-Mehring-Platz, die von vielen jüngeren Menschen besucht wurden.

Besonders großer Andrang herrschte bei der Diskussionsrunde zu der Frage »Wie grün muss Sozialismus sein?« mit der Spitzenkandidatin der Linken zur Europawahl, Carola Rackete, Sarah-Lee Heinrich von der Grünen Jugend und dem Schriftsteller, Journalisten und Politikwissenschaftler Raul Zelik. Alle drei waren sich weitgehend einig, dass die Perspektive für die Welt nur eine ökosozialistische sein könne.

Moderator Steffen Kühne interessierten dabei auch konkrete Vorstellungen der Diskutant*innen über eine bessere Zukunft. Rackete antwortete auf seine Frage, was es in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft denn nicht mehr geben werde, mit einem Wort: Schlüssel. Denn in einer Gesellschaft mit Kollektiveigentum müsse man weder Wohnungen noch Fahrräder abschließen.

Heinrich erklärte, sie sei in der Grünen Jugend zur Sozialistin geworden. Und betonte, der Jugendverband sei parteiunabhängig, sie selbst strebe keine politische Karriere bei den Grünen an. Mit Sympathie betrachte sie die Entwicklung der Grünen Jugend in Österreich, die seit einigen Jahren mit der Kommunistischen Partei kooperiere und mit zu deren jüngsten Wahlerfolgen beigetragen habe, sagte die 22-Jährige.

Rackete, Heinrich wie auch Zelik betonten, dass Ökosozialismus nichts mit individuellen Konsumverzicht zu tun habe. Vielmehr müssten die Konzerne, die jahrzehntelang von umweltschädlicher Produktion profitiert haben, für die Schäden aufkommen. Allerdings brauche die Linkspartei »Durchsetzungsoptionen«, damit diese Forderung Glaubwürdigkeit gewinnen könne. Rackete erklärte, ihr sei klar, dass der Sozialismus nicht aus dem EU-Parlament kommt. Sie könnte aber von dort aus die außerparlamentarischen Bewegungen unterstützen.

Ein weiteres Panel befasste sich am Abend mit der Frage, ob die Linke »woke« sein muss. Moderatorin Amina Aziz erinnerte daran, dass der Begriff Wokeness (Wachsamkeit bzw. Aufmerksamkeit) in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA schon in den 1920er Jahren entstanden ist. Man umschrieb damit ein geschärftes Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeit und Rassismus. Und vielleicht, so Aziz, sei die Arbeiterbewegung schon im 19. Jahrhundert »woke« gewesen, denn schon im Refrain der Internationale von 1871 heiße es: »Wacht auf, Verdammte diese Erde«.

Der bekannte linke Sozialwissenschaftler Alex Demirović bekräftige leidenschaftlich, dass die Linke heute die Kämpfe von sexuellen Minderheiten und Migrant*innen unterstützen müsse. Denn auch sie seien Formen des Klassenkampfes, betonte der 72-Jährige. Die Buchautorin und Journalistin Publizistin Özge Inan wandte sich allerdings gegen liberale Identitätspolitik. So sei es kein Erfolg für emanzipatorische Kämpfe, wenn eine migrantische Frau einen wichtigen politischen Posten kommt, dort aber keine fortschrittlichen Positionen vertrete, betonte die 26-Jährige.

Bereits am Nachmittag hatten Ulrike Eifler, Sprecherin der AG Betrieb und Gewerkschaft in der Linkspartei, und Mario Candeias von der Luxemburg-Stiftung darüber diskutiert, ob die Linke »die Arbeiter*innen verloren« habe. Eifler bejaht dies teilweise, hat dies in Diskussionsbeiträgen für ihre Partei dargelegt und eine Erneuerung in Richtung einer stärkeren Orientierung an den Interessen der Werktätigen gefordert. Candeias lenkte die Aufmerksamkeit auf die gewachsene Diversität der Arbeiterklasse, zu der nicht nur der Kohlekumpel oder die von Digitalisierung bedrohte Industriearbeiterin gehörten, sondern auch der Paketbote, die Krankenpflegerin, der Ingenieur und die prekär und arbeitende Akademikerin mit befristetem Arbeitsvertrag.

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