Prozess wegen Polizeigewalt: Opfer als Gefahr dargestellt

Nach Tod eines 16-jährigen Geflüchteten müssen sich fünf Beamte wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor Gericht verantworten

  • David Bieber, Dortmund
  • Lesedauer: 3 Min.

Erneut standen am Mittwochmorgen zwei Polizeibeamte als Zeugen vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Dortmund. Sie schilderten, wie sie den Polizeieinsatz vom 8. August 2022 in der Dortmunder Nordstadt erlebten. Dabei tötete der Hauptangeklagte in dem Verfahren, Fabian S., Mouhamed Lamine Dramé mit sechs Schüssen aus seiner Maschinenpistole. Der Geflüchtete aus dem Senegal wurde nur 16 Jahre alt.

An diesem siebten Prozesstag fand erstmals keine Mahnwache des Solidaritätskreises »Justice4Mouhamed« vor dem Landgericht statt. Und auch das Medieninteresse sei etwas abgeebbt, bilanzierte auf Nachfrage Carsten Dombert. Er ist der leitende Staatsanwalt im Fall Mouhamed.

Gleichwohl verfolgten erneut zahlreiche Zuschauer, vor allem vom Solidaritätskreis Justice4Mouhamed, das Geschehen im größten Saal des Landgerichts, in dem der Richter mittels Befragung zweier als Zeugen geladener Polizist*innen den Hergang der Ereignisse zu rekonstruieren versuchte. Die begannen mit Pfeffersprayeinsatz und Schüssen mit dem »Distanz-Elektroimpulsgerät«, kurz Taser, und endeten mit sechs Schüssen aus der Maschinenpistole von Fabian S., die Mouhamed töteten.

Die Beamten waren gerufen worden, weil Mitarbeiter der katholischen Jugendeinrichtung, in der Dramé untergebracht war, fürchteten, er könne sich das Leben nehmen – mit einem Küchenmesser, das er bei sich hatte und das die Polizist*innen nach eigener Darstellung als Bedrohung ansahen.

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»Sehr schmerzvoll« seien die »harten und ohne Sensibilität vorgetragenen« Darstellungen schon des ersten Zeugen für Mouhameds Brüder Sidy und Lassana Dramé gewesen, die das dritte Mal in Folge die Verhandlung beobachteten, sagte William Dountio im Nachgang des Prozesstermins gegenüber »nd«. Der gebürtige Kameruner engagiert sich Solidaritätskreis und kümmert sich um die beiden Männer während ihres Aufenthaltes in Dortmund.

Weil Sidy Dramé es nicht aushielt, den Schilderungen des ersten Beamten im Zeugenstand weiter zu folgen, verließ er zusammen mit Dountio und seinem Bruder den Gerichtssaal. »Die Aussagen des Polizistenen haben sie sehr verletzt. Besonders Sidy ging es nicht gut. Wir sind dann nach Hause gefahren«, sagt Dountio.

Die Befragung der Beamten dauerte mehrere Stunden. Der erste Zeuge, der am Einsatz beteiligt war, aber nicht angeklagt ist, berichtete, was der Jugendliche seiner Erinnerung nach tat, nachdem er vom Boden aufgestanden war. Er erklärte, Mouhamed sei mit dem Messer Hand »plötzlich« schnell einige Schritte auf die Beamten zugegangen.

In der Befragung ging es auch darum, ob das Pfefferspray Mouhamed traf oder ob die Beamten daneben zielten, um ihre in der Nähe stehenden Kollegen nicht zu treffen. Der Zeuge meint, der Junge sei nicht richtig vom Tränengas getroffen worden. Er sei nach dem Versprühen auf die Beamten zugelaufen. Danach habe auch der Einsatz des Tasers nicht mehr »geholfen«. Der Polizist hält von Tasern generell nicht viel: Er habe »eine Hausarbeit darüber geschrieben, dass bei einem Messer immer Schusswaffen zu nehmen sind«, erklärte er. Zugleich sieht er es im Nachhinein kritisch, dass alle Polizisten während des Einsatzes ihre Bodycams ausgeschaltet hatten.

Im Prozess sind fünf an dem für Mouhamed Dramé tödlichen Einsatz beteiligte Polizist*innen angeklagt. Der Schütze Fabian S. muss sich wegen Totschlags, drei Beamt*innen wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt und der Einsatzleiter wegen Anstiftung zu gefährlicher Körperverletzung verantworten. Das Verfahren wird sich nach Angaben des Landgerichts Dortmund noch mindestens bis zum Herbst hinziehen. Verhandlungstermine sind bis Mitte September anberaumt.

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